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Regional So war die „Mothers“-Premiere am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau
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11:34 26.02.2020
David Thomas Pawlak und seine beiden Matki alias Martha Pohla (links) und Angelika Pytel Quelle: Foto: Nikolai Schmidt
Zittau

Es ist eine eigenwillige Performance, die als „Mothers“ auf der ausverkauften Studiobühne des Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theaters als Kooperation mit dem Psychoteatr Wrocław ihre gefeierte Uraufführung erlebte. Anfangs geht es um eine harmlose Beziehung: Jacob (David Thomas Pawlak) will eine Woche vor der Hochzeit mit seiner hochschwangeren Sylwia (Martha Pohla) zu seiner Mutter, um sie irgendetwas zu fragen. Eine Woche Urlaub plus Heilung steht an.

Doch diese Begegnung verläuft obskur, denn die Mutter (ebenso: Martha Pohla), eine feine schwarze Dame mit Hut und Schleier, hört ihm kaum zu und empfängt ihn wie ein echtes Muttersöhnchen, den sie nur heim ins Hotel Mama holen will. Dort wohnt noch eine zweite Mutter (Angelika Pytel): eine burschikose Frau in Kittelschürze, die allerdings nur Polnisch spricht, ihn aber leibhaftig bekocht und bemuddelt – erst mit Kartoffelbrei, dann mit Kartoffelschnaps.

Kampf mit zwei Müttern

Mehrfach springt die Geschichte hin und her, mehrmals singen beide Mütter gemeinsam Songs in ihrer jeweiligen Sprache, die von Pop bis Musicalnummer reichen und von Pawel Rychert komponiert und eingespielt wurden, auch als gelungene Duette. Erst später wird klar: Die Mutter lebt seit längerem nicht mehr; er fährt zum Grab, um den Schrei seiner Mutter “Ich reiß’ Dir den Kopf ab!” zu hinterfragen, als er ihre tägliche Kaffeetasse zur morgendlichen Zigarette in der Hand hatte. Da war er vier und man nannte ihn Kuba. Mit 19 erfolgte eine weitere Zäsur, die ebenso recht lange unklar bleibt – in Klinik oder Anstalt nimmt er von ihr Abschied, aber eigentlich nicht für immer…

Der vermeintlich junge deutsche Mann kämpft im Kopf oder im Traum mit zwei Müttern, einer deutschen und einer polnischen, manchmal versteht er sie nicht, immer wieder wird er von ihnen gemeinsam belächelt, veralbert, verspottet – auch in einer eindrucksvollen Gespensterszene. So versucht er, seinen Vater zu entdecken – vielleicht doch ein Pole? Nur kurz schimmert mittels Vergangenheitsanekdote das Schicksal der Oma durch: eine verschleppte polnische Zwangsarbeiterin, vergewaltigt von einem deutschen Landwirt, der das Kind, ordnungsgemäß mit Namen versehen, abgab, wobei die Oma vermutlich auf der Strecke blieb – das Trauma pflanzt sich offenbar schicksalhaft fort.

David Thomas Pawlak kämpft als Jacob gegen seine beiden Matki alias Martha Pohla (unten) und Angelika Pytel Quelle: Nikolai Schmidt

Idee, Text wie Regie und Ausstattung stammen von Grzegorz Stosz, der hier schon zwei Mal als Schauspieler und zwei Mal als Regisseur zu erleben war. Der Kentyer des Jahrganges 1977 servierte just genau vor einem Jahr einen ebenso knackigen Mrozek mit dem Einakter „Auf hoher See“ als Einführung in das rasche Versinken der Zivilisation in außergewöhnlichen Situationen. Nun hat er sich an einem gewagten Experiment versucht, dessen Doppeltitel „Mothers/Matki“ auf die Wurzeln hinweist und dessen Wirkung man gern auch mal mit polnischem Publikum sähe.

Ein Abend, der nicht so düster wirkt

In Zittau verhilft ihm Angelika Pytel – als Psychoteatr-Gründerin auch ausgebildete Tänzerin und schon vor knapp vier Jahren mit „Der Wald“, einem eindrucksvollen Monodrama, hier zu Gast – durch Spiel, Gesang und Choreographie zur Symbiose. Pytel, vom Typus völlig anders, ergänzt sich dennoch sehr gut mit Martha Pohla als dunkle Diva wie junge Fastfrau. David Thomas Pawlak spielt den ob seiner unklaren Herkunft gespaltenen Sohn, der wegen seiner Verluste immer wieder abstürzt, bis er die „Suspension“ im Kaffee als sein Schicksal begreift, eindrucksvoll.

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Wie bei Mrozek dauert die Aufführung genau 70 Minuten und wird ergänzt durch Filmprojektionen, diesmal recht unprätentiös auf einem schlichten Flachbildschirm rechts hinten in der Ecke. Und ergänzt um Animationen – Kinderzeichnungen, die Kriege, Ängste und einen großen, schwarzen, unförmigen Mann ohne Gesichtskonturen zeigen, bei denen Intendantin Dorotty Szalma mitwirkte. Neben den beiden Spielerinnen half auch Patricia Hachtel bei der Entwicklung der Songlyrik, meist parallel in beiden Sprachen vorgetragen.

So entsteht ein Abend, der nicht so düster wirkt, wie es das Thema – eigentlich durchaus auch als Reigen von Untoten zu sehen – hergäbe und bei dem einmal mehr die polnischen Theatertugenden – neben dem Sinn fürs Absurde auch eine gewisse abstrakte Ambivalenz in der Tragikdarstellung, die dem Betrachter einen gewissen Deutungsspielraum belässt – süffisant zum Tragen kommen. Damals wie nun: großer Beifall nach einem kurzen, aber heftigen Durchatmen, gepaart mit geistiger Nachhaltigkeit. Dazu einige offene Fragen – und eine freie Sylwia, die allerdings ein neues Drama der Vaterfrage in sich trägt.

nächste Vorstellungen: 28. Februar sowie 15. März, Studiobühne Zittau

www.g-h-t.de

Von Andreas Herrmann

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