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Regional Schöbel spielt Schöbel – im Dresdner Boulevardtheater
Nachrichten Kultur Regional Schöbel spielt Schöbel – im Dresdner Boulevardtheater
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10:37 03.11.2019
Das Musical „Frank Schöbel Story", das die Karriere des DDR-Schlagersängers (r.) auf der Bühne thematisieren wird, soll im nächsten Jahr Premiere im Dresdner Boulevardtheater haben. Regisseur Jürgen Mai, die Schauspieler Christin Deuker und Oliver Morschel und der Sänger selbst (v.l.) präsentieren schon mal das Plakat zu der Produktion. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Dresden

Unlängst hat der Sänger Frank Schöbel in Dresden sich selbst getroffen: Der junge Schöbel heißt im bürgerlichen Leben Oliver Morschel, ist 34 Jahre alt, Schauspieler und kommt aus Kerpen in Nordrhein-Westfalen. Zwischen dem alten und jungen Schöbel liegen 42 Lebensjahre. Beide werden demnächst zusammen auf der Bühne stehen, um das Leben des erfolgreichsten ostdeutschen Schlagersängers zu erzählen. Mit vielen Liedern, Anekdoten und Geschichten. „Die Frank Schöbel Story“ ist die Bühnenfassung des autobiografischen Buches „Frank Schöbel – frank und frei“.

Große Vielschichtigkeit in Schöbels Musik

Morschel räumt ein, bis Anfang 2019 nichts über den Sound der DDR gewusst zu haben. Doch dann spielte er in dem Stück „Die Legende vom heißen Sommer“ im Dresdner Boulevardtheater mit – einer Produktion mit den besten Songs aus 40 Jahren DDR. Er sei sehr überrascht und angetan von dieser Musik gewesen, sagt der junge Schauspieler: „Ich war so begeistert, dass ich mich nachher gefragt habe, warum ich das alles bisher nicht kannte.“ Deshalb scheint es nun geradezu folgerichtig, dass er bald den jungen Frank Schöbel verkörpert. An dessen Musik schätzt er die große Vielschichtigkeit.

Frank Schöbel blickt zurück auf sein Leben. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

Tatsächlich ist der 1942 in Leipzig geborene Schöbel ein Ausnahmekünstler. Ihm flogen in der DDR die Herzen der Fans zu, bis heute hat er im Osten Deutschlands ein sehr treues Publikum. Auch im Westen war er schon vor dem Mauerfall kein Unbekannter. Zur Fußball-WM 1974 in der Bundesrepublik sang er zum Auftakt im Frankfurter Waldstadion „Der Fußball ist rund wie die Welt“.

Schon zuvor hatte er mit Ohrwürmern wie „Gold in Deinen Augen“ oder „Wie ein Stern“ auch im Westen aufhorchen lassen. Gut 350 Lieder hat Schöbel in fast sechs Jahrzehnten komponiert, etwa 600 Titel gesungen. Auch als Schauspieler gab er in beliebten Filmen wie „Heißer Sommer“ und „Nicht schummeln, Liebling“ eine gute Figur ab. Nun sitzt der 76-Jährige mit Morschel im Dresdner Boulevardtheater und lernt die jugendliche Ausgabe seines Ichs kennen.

„Ein höchst angenehmer, ehrlicher Mensch und sehr verlässlich“

Dass er den lange gehegten Wunsch nach einer solcher Bühnenproduktion in Dresden verwirklichen kann, ist ein bisschen dem Zufall zu verdanken. Der Schauspieler und Regisseur Jürgen Mai (68) hatte vor ein paar Jahren in Dresden ein Stück über die „Olsenbande“ inszeniert, für das Schöbels Tochter Odette Lacasa das Bühnenbild schuf. So kam er an die Telefonnummer ihres Vaters heran: „Wir haben uns von Anfang an verstanden. Ich habe gar nicht zu hoffen gewagt, dass er die zweite Hälfte seines Lebens in dem Stück selbst spielen will“, sagt Mai.

Mai beschreibt Schöbel als „Teamplayer“: „Ein höchst angenehmer, ehrlicher Mensch und sehr verlässlich. Das ist selten geworden in der Branche.“ Im Unterschied zu Morschel sei er mit Schöbels Musik aufgewachsen. „Ich hatte fast alle seine Platten, kannte die Filme“, erzählt der gebürtige Berliner. Doch wie die meisten habe er nur den „schillernden Frank“ gekannt, den Frank aus dem „Kessel Buntes“ und anderen Shows, den „strahlenden Star“. Andere Seiten in dessen Leben seien ihm verborgen geblieben. Das Scheitern seiner Ehe mit Sängerin Chris Doerk habe damals großes Bedauern ausgelöst, erinnert sich der Regisseur.

Christin Deuker spielt in einer Doppelrolle die beiden Ehefrauen Schöbels Chris Doerk und Aurora Lacasa, Oliver Morschel verkörpert den jungen Frank Schöbel. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

Doerk wird in der „Schöbel-Story“ von Christin Deuker gespielt. Sie hat eine Doppelrolle: Auch die andere, ebenso bekannte Ehefrau von Schöbel, Aurora Lacasa, verkörpert sie. Zudem auf der Bühne: zwei weitere Darsteller für diverse Rollen und Schöbels fünfköpfige Band. Das Leben in der DDR spielt genauso eine Rolle wie die Zeit nach der Wende. „Ich blicke nicht im Zorn zurück, ich möchte aber auch nichts verklären“, sagt der Sänger und verspricht eine ehrliche Geschichte mit Tiefgang und Humor. Nach der Premiere im März 2020 in Dresden soll die Produktion auch anderswo in Ostdeutschland gezeigt werden.

„Weihnachten in Familie“: ein absoluter Bestseller

Nach der Wende sei er oft gefragt worden, wie es ihm nun gehe, verrät der Sänger: „Das war, als würde man einem Pferd die vier Beine weghauen und dann sagen, läuft sich schlecht, oder?“ Doch Schöbel gibt zu, dass er im Unterschied zu vielen Ost-Kollegen Glück hatte. Im Frühjahr 1989 war als deutsch-deutsches Plattenprojekt das Album „Wir brauchen keine Lügen mehr“ herausgekommen. Das Liebeslied konnte auch politisch gedeutet werden, kletterte in der Wendezeit in den Hitparaden weit nach oben. Der Interpret heimste auch nach dem Fall der Mauer Auszeichnungen ein, sein Album „Weihnachten in Familie“ avancierte zum absoluten Besteller der Plattenfirma Amiga.

Frank Schöbel hat wie 16 Millionen Ostdeutsche in zwei Systemen gelebt. Insofern ist seine Story auch ein Teil deutsch-deutscher Geschichte. Als er 1982 wegen einer Stimmbandentzündung längere Zeit pausieren musste, ging er viel ins Theater und in Konzerte, einmal auch zu Herman von Veen. Der habe damals von den Gefahren des Wettrüsten zwischen Ost und West gesungen, sagt Schöbel. Für ihn sei das der Anlass gewesen, über vieles nachzudenken und auch kritischere Lieder zu schreiben: „Irgendwann hat mein Gitarrist mal zu mir gesagt: „Wenn du so weitermachst, haben wir bald gar keine Mugge mehr ...“

Von Jörg Schurig