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Regional SKD-Generaldirektorin spricht in Dresdner Rede über Identität durch Verlust
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11:20 17.02.2020
Marion Ackermann Quelle: Oliver Killig/Archiv
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Dresden

Ein heißes Eisen oder genauer ein heißes Edelmetall hatte die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden da angepackt. Den sächsischen Kunstraub schlechthin, den spektakulären Einbruch ins Historische Grüne Gewölbe am 25. November des Vorjahres nahm Marion Ackermann zum Anlass, am Sonntag eine Dresdner Rede über Identität zu halten.

Über Identitäten, die vor allem im Verlust spürbar werden. „Nicht nur die staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen“, hatte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), den sie nicht namentlich erwähnte, damals getwittert. Ein Satz, der auch von Kurt Biedenkopf hätte stammen können, der in den 1990er Jahren zur Symbolfigur neuerlicher sächsischer Identitätssuche avancierte.

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Ein Schatz mit mystischem Schimmer

Denn über Identität wird nicht erst seit dem Juwelenraub und auch nicht erst seit dem Aufkommen der Identitären und anderer komplexbehafteter neuer nationalistischer Strömungen vermehrt geredet. 1999, also noch in der Ära von „König Kurt“, konstituierte sich an der Universität Leipzig ein Sonderforschungsbereich „Regionenbezogene Identifikationsprozesse. Das Beispiel Sachsen“. Die Geisteswissenschaftler befassten sich mit Mechanismen, wie kollektive Identitäten zu politischen Zwecken konstruiert werden und der Kompensation beispielsweise materieller Defizite dienen können, wie sie nach 1990 im Ost-West-Vergleich evident waren.

Etwas Ähnliches beobachtete die sozusagen mitbestohlene Generaldirektorin nach dem Juwelenraub auch, und die Rolle von Politikern zog sich durch ihren gesamten Vortrag. Sie hielt keine Sonntagsrede, aber dem überwiegend älteren sächsischen Publikum im erneut ausverkauften Schauspielhaus tat sie trotz dieser Hinweise nicht wirklich weh. Es wäre auch nicht die Art der klugen Kunstwissenschaftlerin mit dem gewinnenden Lächeln. Wenn sie nach der Verlusterfahrung eines Teiles des viel beschworenen Staatsschatzes „wunderliche Verzerrungen und seltsame Übertreibungen“ konstatiert, die sich zu einer „Identitätsgroteske“ entwickelt hätten, so waren dies schon die stärksten Zumutungen für Biodresdner und sächsische Patrioten.

Ihr Vorvorgänger Martin Roth hatte sich noch als „Hüter des Staatsschatzes“ gesehen, und auch Marion Ackermann ist selbstverständlich die Liebe zu jener Sammlung von Weltruf anzumerken, für die sie verantwortlich ist. Aber sie holte den mit diesen Schätzen gelegentlich verbundenen mystischen Schimmer auf den Boden der geschichtlichen Tatsachen zurück. Hatte nicht der starke August vor allem danach getrachtet, seine europäische Konkurrenz mit den Kostbarkeiten zu übertreffen? Er machte zwar die Sammlung sehr schnell und geschickt seinen Sachsen zugänglich. Der „Staatsschatz“ wurde allerdings auch mehrfach ausgelagert und diente gleichfalls als Kriegskasse und „Rücklage“.

Identität darf nicht exkludierend wirken

Solche „sakralen Aufladungen“ stellen auch keine spezielle sächsische Wunderlichkeit dar. Die Generaldirektorin führte weltweite Beispiele für Zwecke und Identitätskonstruktionen an. Nach dem Brand im brasilianischen Nationalmuseum 2018 etwa erinnert kaum noch etwas an die indigenen Vorfahren der heute vorherrschenden Weißen im Land. Ihre eigentliche Ausgangsthese war die, dass nicht nur lebendige Sprachpflege, sondern auch materiell existierende Kunstwerke identitätsstiftend wirken. Geknüpft an die Erfahrung, dass erst ihr vorübergehender oder endgültiger Verlust zu ihrer Heiligsprechung führt. Populärstes Beispiel mag der Raub der „Mona Lisa“ 1911 durch einen italienischen Nationalisten gewesen sein. Erst nach ihrer Rückkehr in den Louvre wurde sie als das vermeintlich größte Kunstwerk aller Zeiten „inszeniert“, wie Ackermann mit leisem Spott bemerkte. Die grenzenlose Popularität der Sixtina bei den Russen mag auch mit der zehnjährigen Moskauer Auslagerung dieser „Ikone“ nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben.

Vor allem aber beschrieb die Generaldirektorin den überhöhenden Effekt einer Verlusterfahrung sehr treffend am Beispiel Dresdens. Dessen Zerstörung vor 75 Jahren und das Ringen um eine angemessene Erinnerungskultur begründe die Identität der Stadt maßgeblich. Bilder der zerstörten Stadt gehören laut Umfrage zu den beliebtesten der Kunstsammlungen. Und die AfD stellte im Kulturteil des Kommunalwahlprogramms das Zerstörungsgedenken an die erste Stelle, bald gefolgt von der ostalgischen Würdigung der verlorenen DDR-Kunst. Aber auch die heute fast vergessenen gesamtdeutschen Vorläufer der „documenta“, die drei Kunstausstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg, hätten es verdient, zum Dresdner Identifikationsnarrativ zu gehören.

Den einzigen Zwischenapplaus gab es dann bei verallgemeinernden Schlussbetrachtungen der Rednerin. Identität dürfe nicht exkludierend wirken, und vor allem müssten wir Mehrdeutigkeit aushalten. Ackermann forderte zu Selbstvertrauen, zur „eigenen Kraft des Denkens“ auf, die Klischees überwinde und mit einer „gesunden Skepsis“ verknüpft sei. Und sie erinnerte an den nordischen Helden Peer Gynt, dessen angenommene Identitäten wie Zwiebelschalen abblätterten, ohne dass sich ein Kern zeigte.

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