Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Roland Schimmelpfennigs „Odyssee“ im Dresdner Staatsschauspiel
Nachrichten Kultur Regional Roland Schimmelpfennigs „Odyssee“ im Dresdner Staatsschauspiel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:46 17.09.2018
Naturalistische Anleihen nimmt Roland Schimmelpfennig bei seiner Dresdner „Odyssee“-Fassung keine. In der Regie von Tilmann Köhler agieren Eva Hüster, Karina Plachetka, Luise Aschenbrenner (vorne), Matthias Reichwald, Philipp Lux und Moritz Kienemann (hinten) auf karger Bühne. Quelle: Foto: Sebastian Hoppe
Dresden

Ein seltsamer Kontrast drängt sich sofort auf. Die acht Akteure sind in einem bühnenhohen, nur zur Rampe hin offenen Kubus gefangen, rennen zuweilen gegen die holzgetäfelten Wände von Bühnenbildner Karoly Risz an. Aber geht es laut Vorlage nicht um eine Irrfahrt irgendwo in den Weiten der Ägäis, um ein zehnjähriges Nomadisieren, um eine sprichwörtliche Odyssee und nicht um ein statisches Verharren?

Naturalistische Action, für die der Horror- und Fantasythriller der Antike reichlich Stoff bietet, geht auf einer Schauspielbühne gar nicht. Erfolgsautor Roland Schimmelpfennig gewinnt dem Stoff in seinem Auftragswerk für das Dresdner Staatsschauspiel denn auch die metaphorischen Züge, die paradigmatische Seite ab. Seine Version ist voll von multivalenten Anspielungen und Bezügen auf uns heute, auf menschliche Verhaltensmuster generell. Steht nicht der Kontrast des suchenden Aufbruchs nach überstandener trojanischer Kriegskatastrophe für unsere Zeit, während wir doch taumelnd zugleich jedes Ziel verlieren, in Generalpessimismus verfallen und in unserem Käfig der Möglichkeiten gefangen bleiben?

Der Prolog lässt großes Pathos vermuten und trägt doch selbst schon diesen Kontrast in sich. „Krieg“ schmettert es unter Anspielung auf die Ilias, „der Schmerz, das Blut, alles bricht auf, zerreißt“. Doch im Folgenden wird alles, was sich zu beinahe lyrisch verdichteter Hochsprache aufschwingt, schnell gebrochen und vom Allzumenschlichen eingeholt. Ein Absturz ins Banale, gar in billige Gags ist dabei nicht zu befürchten. Diese Dresdner „Odyssee“ hält Niveau und hinterlässt einen runden Eindruck.

Roland Schimmelpfennig hat zwar in manchen Vorab-Interviews sehr aktuell-politische Bezüge zu seinem Dresdner Auftragswerk hergestellt, Pegida eingeschlossen. Im Grunde aber formt er in seiner Version nur aus, was wir umgangssprachlich mit einer Odyssee assoziieren und was Goethe mit dem berühmten Satz „Es irrt der Mensch so lang er strebt“ getroffen hat. Sein achtköpfiges Personarium ist unterwegs zu einem Sehnsuchtsort, auf dem Rückweg in eine angenommene Heimat, wo das „Grundrecht auf Land unter den Füßen“ verwirklich ist. Die Unzahl verwendeter Koffer symbolisiert die Reise schlechthin. Dass diese ersehnte neue oder alte Heimat auch nach der Rückkehr des „Städtezerstörers“ nach Ithaka nicht die statische finale Erfüllung garantiert, lehrt dieses Spiel des Autors mit dem antiken Stoff auch. „Es gibt keinen Ort für uns“, klingt die ewige Suche an. Also auch keinen ewigen Frieden für uns?

Und wie Schimmelpfennig spielt! Die ungesicherte Autorenschaft Homers liefert ihm die erste Vorlage, die Mischung von historisch belegbaren Fakten und Märchenfantasien die zweite. Mit Hintersinn untergräbt Schimmelpfennig die Legende von der zwanzig Jahre treuen daheim gebliebenen Ehefrau Penelope. Sie hat hier eine Daueraffäre mit einem Lehrer, in dessen Kleinwagen bei Ausfahrten in die Berge regelmäßig kopuliert wird. Dieses Musterexemplar der heute begehrtesten Berufsgruppe erzählt ihr überdies wie Scheherazade immer eine neue Geschichte – von Odysseus! So wird ein kreativer Pädagoge im Dienst am Weibe zum Urheber der Legenden von den Irrfahrten des Odysseus und seiner Gefährten.

Die treten mal im Chor, mal konkreten Personen zuweisbar auf, sind aber nie auf eine Dauerrolle festgelegt. Auch in dieser Uraufführung am Dresdner Staatsschauspiel bleibt der vielbeschäftigte und hochgelobte Autor seinem narrativen Stil treu. Es wird viel berichtet, aber auch an passenden Stellen verkörpert. Man fasst es kaum, aber bis auf eine Bürgerbühnenadaption hatte das Dresdner Publikum bislang noch keine Gelegenheit, diese erzählende Bühnensprache Schimmelpfennigs kennenzulernen. Der ehemalige Hausregisseur Tilmann Köhler vertraut auf die Imaginationskraft des Textgemäldes, erspart dem Publikum naturalistische Illustrationsversuche. Es bedarf ohnehin solcher Stimulanzien nicht, geht es doch dem Autor um Innenwelten und Reflexionen. Köhler fügt dem keine überflüssigen Mätzchen hinzu, arrangiert und choreografiert Bilder im Dienst am Text. Die geraten allemal dynamisch genug, um der entgegengesetzten Gefahr deklamierenden Stehtheaters zu entgehen.

Hermetik versus Mobilität. Der Sehnsuchtsort Heimat ist mit Geräteschuppen, Fernsehen und Blasmusik nicht spießiger vorstellbar. Nicht anders geht es in der Höhle des einfältigen Zyklopen zu. Die Gespräche vor Abfahrt offenbaren überhaupt nichts Heldisches. Unüberhörbar klingen Fragen von Fremdheit und Asyl an. Die Seefahrer einerseits malen sich ihre Invasionen aus, besorgte Bürger zeigen hingegen Angst, von ungebetenen Gästen ausgeraubt zu werden. Köstlich, wie der Windgott Äolus Mühe hat, die ihm zugewehten Nachrichten von Fake News zu unterscheiden.

Anders als in der Interpretation von Horkheimer und Adorno sind diese Irrfahrer eben nicht in der Lage, ihr Schicksal wirklich selbst zu bestimmen. Plötzlich öffnen sich aber die unüberwindbar scheinenden Wände. Mit dem Sternenhimmel erscheint auch die rosenfingrige Eos nicht nur als Göttin der Morgenröte, sondern als Symbol der Hoffnung. Sie bringt Männer zum Schweben, und „sie flüstert vom Aufbruch“, heißt es am Ende. Was Odysseus nicht hindert, so gut wie alle männlichen Konkurrenten von Ithaka nach seiner Rückkehr zu schlachten, den Lehrer als Erfinder seiner eigenen Geschichten inklusive. Nur ein halbes Happy End also. Im betont leise oder schreiend, aber immer eindringlich agierenden Ensemble überwiegen diesmal die niemals alten, aber teils schon Jahrzehnte bewährten Mitglieder. Mit ihrem subtilen, disziplinierten Spiel hatten sie durchweg den langen Premierenapplaus am Sonnabend verdient. Das Staatsschauspiel ein bisschen auch für diese dritte gelungene große Premiere zum Spielzeitauftakt.

nächste Vorstellungen: 24.9., 7.10.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

Ein Hauch von Melancholie schlich sich beim Konzert von Wanda am 15. September in der Dresdner Jungen Garde ein. Doch auch die Euphorie kam an diesem Abend nicht zu kurz.

17.09.2018

Zu Ehren des Dresdner Hofkapellmeisters Heinrich Schütz wird es nun jährlich eine Preisverleihung geben. Erster Preisträger ihm Rahmen des Heinrich-Schütz-Festes 2018 ist Hans-Christoph Rademann.

14.09.2018

Roland Schimmelpfennig liefert seine Version von Homers „Odyssee“ als Auftragswerk für das Sächsische Staatsschauspiel ab. DNN-Autor Andreas Herrmann hat vorab mit dem gefragten Autoren gesprochen.

14.09.2018