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Regional Roland Schimmelpfennig liefert erste Uraufführung für Dresden
Nachrichten Kultur Regional Roland Schimmelpfennig liefert erste Uraufführung für Dresden
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15:27 14.09.2018
Roland Schimmelpfennig
Roland Schimmelpfennig Quelle: Foto: Jan Woitas/dpa
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Dresden

Roland Schimmelpfennig ist einer der meistgefragten Autoren der Republik, nun liefert er seine Version von Homers „Odyssee“ als Auftragswerk fürs sächsische Staatsschauspiel ab, das in Regie von Tilmann Köhler am Sonnabend am Dresdner Schauspielhaus seine Premiere feiert. Spannend könnte dabei nicht nur die Verwebung von Historie und Neuzeit und der Kriegsfernbeziehung des Königs von Ithaka und seiner geliebten Penelope sowie das Schicksal deren Verehrer werden, sondern auch die Verortung der Gegenwart von Elbflorenz in der Mythologie sein. Für die Dresdner Neuesten Nachrichten hatte Andreas Herrmann die Gelegenheit, den viel beschäftigten Autor vor seiner ersten Dresdner Uraufführung zu befragen.

Frage: Herr Schimmelpfennig, ausgerechnet Homers „Odyssee“ als Auftragswerk für Dresden – was war Ihr erster Gedanke?

Roland Schimmelpfennig: Krieg. Feuersturm. Die Frauenkirche als Mahnmal gegen den Wahnsinn des Krieges und des Faschismus.

Und der zweite?

Pegida. Der Krieg in Syrien. Sterbende Menschen auf hoher See auf der Flucht vor dem Krieg. Und wieder Pegida.

Sie begeben sich dabei aber in ein historisch vermintes Reich der Mythen und ihrer Figuren: Warum erscheint Ihnen die Odyssee so rund drei Jahrtausende nach dem Trojanischen Krieg respektive Homer für uns noch aktuell?

Der Missbrauch, die ideologische oder propagandistische Ausschlachtung von Mythen – und auch von Religionen – ist von jeher Teil der Mechanik totalitärer Systeme oder totalitären Denkens. Die durchaus auch anarchische Wiederbegegnung und Neuerfindung von Mythen hingegen ist ein Ausdruck des freien, befreiten Denkens. Die Odyssee ist ein Grundstein unserer Kultur. Die Frage ist, was man in dem Stoff für das Heute entdecken kann.

Nun gelten Sie aber als urpolitischer Autor. Darf man davon ausgehen, dass eher die Kolonialisierung als das immanente Paardrama im Vordergrund stehen wird?

In meinem Ansatz stehen beide Aspekte nebeneinander. Penelope ist bei mir nicht die Frau, die zwanzig Jahre wartet. Sie wartet. Aber sie wartet nicht ewig.

Das klingt emanzipiert. Sehen Sie dabei Bezüge zur gemeinen bis virulenten Ost-West-Mentalität, die just am Ende der dritten Nachwendedekade wieder aufzubrechen scheint?

Ost-West ist nicht das Thema. Auch nicht die Wende. Aber Echos von heute ziehen sich durch das ganze Stück. Es müsste ein Grundrecht darauf geben, abends ins Bett zu gehen, ohne davon ausgehen zu müssen, im Schlaf, in der Nacht abgeschlachtet zu werden. Oder im Morgengrauen. Es müsste ein Grundrecht darauf geben, morgens aufzuwachen, ohne davon ausgehen zu müssen, dass man im Laufe des Tages ertrinkt. Es müsste ein Grundrecht geben auf Land unter den Füßen. Auf Land unter den Füßen, auf ein Land, das nicht aus Asche ist. Es müsste ein Grundrecht geben auf eine Schwimmweste. Es müsste ein Grundrecht geben auf einen Rettungsring.

Sie gelten als hochproduktiv bis wahnsinnig fleißig: Wie darf man sich Ihre Schreibprozesse vorstellen?

Das ist schwer zu beschreiben. Ich arbeite viel, aber das meiste dieser Arbeit besteht in Vorbereitungen, Skizzen, Überlegungen, Grübeln, Entwürfen, Abwarten. Der schwierigste Teil der Arbeit findet nicht am Schreibtisch statt.

Die „Odyssee“ ist ein Dresdner Auftrag. Wodurch unterscheidet sich Ihr dramatisches Arbeiten bei solchen Werken im Gegensatz zu freien Stoffen?

Ehrlich gesagt; so gut wie gar nicht. Auch bei Auftragsarbeiten, so wie jetzt bei der „Odyssee“, arbeite ich komplett frei. In all den Jahren als Theaterautor hat mir niemals jemand „reingeredet“, nie.

Welche Freiheit nehmen Sie sich, als geistiger Urheber in den Inszenierungsprozess eingebunden zu werden?

Die Idee von Theater ist Dialog, Austausch, Begegnung – und Freiheit. Für mich als Autor bedeutet das: Ich schreibe einen Text, und dann lasse ich ihn los – in der Hoffnung, dass der Text im Theater, im Ensemble und beim Publikum etwas auslöst. Bei den Inszenierungen halte ich mich raus.

Wie würden Sie denn dann Ihre Zusammenarbeit mit Chefdramaturg Jörg Bochow und Regisseur Tilmann Köhler beschreiben?

Jörg Bochow ist seit langer Zeit mit mir als Autor im Gespräch, das ist ein schöner und sehr wichtiger Kontakt. Das fing an, als er noch vor Jahren in Stuttgart war, ging dann weiter übers Hamburger Schauspielhaus bis jetzt nach Dresden. Kurz gesagt: sich als Autor an die „Odyssee“ heranzutrauen, ist kein schneller, übermütiger Schritt. Ohne Jörg Bochow hätte ich ihn vielleicht nie in der Form gewagt. Tilmann Köhler ist ein Regisseur, dessen Weg ich aus der Ferne schon lange verfolge. Ich bin sehr gespannt auf seine Inszenierung.

Unter welchen Umständen wären Sie am Sonnabendnacht nach der Premiere in Dresden richtig glücklich?

Schöne Frage. Mal abgesehen von mir: Was macht einen richtig glücklich im Theater? Für mich ist Theater immer dann beglückend, wenn es im Kopf Räume öffnet, Gewohnheiten bricht. Wenn es genau ist. Wenn es mich überrascht.

Was folgt danach?

Ein Roman, noch ein Roman, zwei Stücke, davon eines für München und eines für Stuttgart. Ich arbeite wie immer an verschiedenen Projekten gleichzeitig.

„Odyssee“, Premiere am 15. September, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, nächste Termine: 18. & 24. September

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Andreas Herrmann