Renft begeistern akustisch in der Comödie Dresden oder: Legenden sterben nie
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Regional Renft begeistern akustisch in der Comödie Dresden oder: Legenden sterben nie
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15:05 27.01.2020
Renft in der Comödie Dresden mit Giesbert Piatkowski, Thomas Schoppe, Detlef Kriese und Peter Rasem für den verstorbenen Marcus Schloussen (v.l.) Quelle: Andreas Weihs
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Dresden

Ob die Comödie Dresden wohl ein geeigneter Ort für Rockkonzerte sein kann? Renft trafen offensichtlich eine gute Wahl, mit ihrer Akustikshow in das Theater im Worldtrade Center zu ziehen. Vor vollem Haus boten sie eine zweieinhalbstündige Werkschau aus sechs Jahrzehnten Bandgeschichte, die mit viel Beifall und Publikumsgesang bedacht und mit Standing Ovation beendet wurde.

Nichts Gekünsteltes

Mit zwei Liedern vom 2010er Live-Album, „Zwischen Liebe und Zorn“ und „Was mir fehlt“, steigen Gitarrist und Sänger Thomas „Monster“ Schoppe, Gitarrist Gisbert „Pitti“ Piatkowski und Drummer Detlef „Delle“ Kriese in ihr Programm ein. Für den langjährigen Bassisten Marcus Schloussen, der im Dezember gestorben war, nimmt auf der rechten Seite der Bühne der Ex-Puhdy Peter Rasym seinen Platz ein.

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„Renft akustisch“ – das ist Programm. Da sitzen vier gereifte Musiker auf ihren Hockern und spielen sich unaufdringlich und locker, gechillt wie man heute sagt, durch ihr Programm, nichts Gekünsteltes oder am Reißbrett auf Publikumswirksamkeit Entworfenes. Jederzeit für ihr Publikum nahbar, kredenzen sie ihre Lieder, die vor allem aus den 1970er Jahren stammen, einer Zeit, in der die Band ihren Weg begann, der zunächst kurz und durchaus steinig werden sollte. Mit Texten, vor allem aus den spitzen Federn von Kurt Demmler und Gerulf Pannach, eckte die Band schon frühzeitig bei der DDR-Obrigkeit an, erlebte Zensur und erhielt Auftrittsverbot. Die „Rockballade vom kleinen Otto“ mit ihren ganz unverhüllten Fluchtgedanken war wohl etwas zu viel für die oberste DDR-Staatsriege, dass sie 1975 veranlasste, den Zustand der Band als „nicht länger existent“ zu beschreiben. Doch da hatte Renft bereits Kultstatus inne, wurde zu einem Begriff der Auflehnung, der Opposition gegen die staatlich verordnete Kulturdoktrin.

Der „Otto“ steht natürlich auch auf der Setliste des Abends, ebenso wie „Ketten werden knapper“, „Wandersmann“ und „Lied auf den Weg“, alle vom 1973er Amiga-Debüt, das auch die späteren Zugaben „Apfeltraum“ und „Wer die Rose ehrt“ enthält. Auch das Folge-Album von 1974 ist gut präsentiert, u.a. mit „Ich bau euch ein Lied“, „Als ich wie ein Vogel war“, „Ermutigung“ und „Ich und der Rock“.

Die Musiker basteln sich einen schwergewichtigen Sound zwischen Folk, Blues und Rock, mal gespickt mit einer Ballade, aber viel mehr ist er druckvoll und temporeich. Besonders die beiden „Wandergitarren“ von Pitti und Monster prägen – zuweilen einfühlsam arrangiert – das musikalische Geschehen. Dezent kommen Bass und Schlagwerk dazu. Die können aber auch manchmal ungestüm, fast schon zornig werden. Wie in „Mama“, in dem plötzlich auch noch ein musikalisches Zitat aus dem George-McRae-Hit „Rock Your Baby“ auftaucht.

Wohltuend handgemachter Klang

Seine ganz eigene Art, Humor zu zeigen, lässt Frontmann und Renft-Urgestein Monster heraus, zwischenzeitlich genüsslich an einem Glas Rotwein nippend. Immer wieder redet er im Plauderton, fragt das Publikum nach Liederwünschen und kann sich auch einige Spitzen nicht verkneifen. Denn auch heute ist in der Welt lange nicht alles in Ordnung. Doch der erhobene Zeigefinger bleibt aus. Stattdessen klingt es aus den Boxen auf einmal „japanisch“, und kurz darauf hören wir das „Schnalzen“ aus „Lucky Luke“. In den kraftvollen Blues von „Ich und der Rock“ werden nahtlos populäre Klassiker eingestreut, wie einige Zeilen aus dem „Hoochie Coochie Man“ von Muddy Waters oder „Boom Boom“ von John Lee Hooker.

Das „Gänselieschen“ ist mit seiner eingängigen Melodie fast schon ein Schunkler, da wird geklatscht und gesungen. Inmitten „Als ich wie ein Vogel war“ taucht ein kurzes Zitat von „Eleanor Rigby“ auf, und später im „Lied auf den Weg“ werden noch einmal die Beatles bemüht mit einigen Noten aus „Norwegian Wood“. Einer langen, aber dennoch kurzweiligen Monster’schen Erzählung mit den Eckpunkten Moskau, Cafe Putin, Grenzkontrolle, Natalie, Elton John, Berlin, Hansa Studio … folgt schließlich die Renft-Version des David-Bowie-Klassikers „Helden“, aufrüttelnd und mitreißend.

Am Ende des Tages erlebt der Zuhörer einen wohltuend handgemachten Klang, erzeugt von „echten“ Instrumenten und Musikern, die ihr Handwerk verstehen. Die elektrischen Stöpsel wurden weitestgehend gezogen, übrig bleibt ein pures Konzerterlebnis mit Ecken und Kanten an den richtigen Stellen. Dass da vielleicht einmal ein Ton im Gesang schräg nach außen drängt, empfindet man eher als wohltuend für die Ohren, und genau das macht das Liveerlebnis von Renft akustisch erst aus.

Legenden sterben nie!

Von Andreas Weihs

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