Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Reisen durch Raum und Zeit im Jahreskonzert der Komponistenklasse Dresden
Nachrichten Kultur Regional Reisen durch Raum und Zeit im Jahreskonzert der Komponistenklasse Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
17:23 13.11.2019
Richard, Laura und Hannah beim Komponieren im Sommerkurs der Komponistenklasse 2019. Quelle: Komponistenklasse/PR
Anzeige
Dresden

Komponierende Kinder? Um Himmels Willen! Sind das nicht diese kleinen Übe-Maschinen, die zu Weihnachten mit ihren epigonalen Klavierstücken rechtzeitig vor der Bescherung noch mal auf die Oma losgelassen werden? Auf die 9- bis 16-jährigen Tonschöpfer der Komponistenklasse Dresden trifft das zum Glück nicht zu. Von ihrem musikalischen Witz und ihrer gedanklichen Reife konnte man sich bei dem in Kooperation mit dem Europäischen Zentrum der Künste Helleraum veranstalteten Uraufführungskonzert ein weit besseres Bild machen. Da gab es fantasievolle und gewitzt ersonnene Kompositionen aus der Feder junger Menschen, die sich ebenso schlaue wie drängende Gedanken zur Gegenwart machen.

Schauermärchen und unerbittliche musikalische Dialoge

In 80 kurzweiligen Konzertminuten warteten die Schülerinnen und Schüler der von Silke Fraikin geleiteten Klasse mit hintersinnigen Miniaturen auf, die den Großen Saal des Festspielhauses Hellerau elegant durchmaßen und mit szenischer Geschlossenheit verblüfften. So entpuppte sich Gawein Bicher mit „Vielleicht ein Einbrecher?“ und „Achtung Spukzeit!“ als Meister der pointierten Schauermär, während Julius Balsukat aus den Buchstaben seines Namens einen sarkastisch und unerbittlich geführten musikalischen Dialog entwickelte, der die Instrumentalisten auch schauspielerisch forderte.

Anzeige

Die Schüler der Komponistenklasse, die ihre Stücke im Unterricht und in Ferienkursen (u.a. bei Johannes Korndörfer und Bernd Schumann) entwickeln konnten, legen ihre Stücke stets vertrauensvoll in die fähigen Hände spielfreudiger Instrumentalisten, die vorurteilsfrei auf die Partituren blicken und dabei durchaus aus ihrer Komfortzone gelockt werden. Dies umso mehr, wenn die Komponisten das Ensemble jenseits der gewohnten Pfade führen, d.h. weg vom vertrauten Platz am Notenpult.

In den Mitgliedern des Klangkollektivs Opus Eins fanden die jungen Tonschöpfer bestens aufgelegte Mitspieler: Daniel Rothe (Klarinette), Philipp Zeller (Fagott), Florian Mayer (Violine) und Michael Poscharsky (Kontrabass) waren nicht nur musikalisch jederzeit Herren der Lage, sondern ließen sich auch bereitwillig in Szene setzen oder gar – wie in Karl Anton Zeißigs „Drum-Change“, einem fürs Ensemble arrangierten Schlagzeugstück – zu allerlei perkussiven Effekten animieren, die einen ganz eigenen, geschlossenen Klangkörper produzierten.

Nicht minder enthusiastisch und souverän bewältigten Anna Palimina (Sopran), Marlen Bieber (Mezzosopran) und Cornelius Uhle (Bariton) die sängerischen Parts sowie zahlreiche Sprechpartien, gingen „Im Mondenschein“ von Katja Elisabeth Stude auf eine mitternächtliche Wolfspirsch, und holten in Helene Scharfes intelligent collagiertem Beitrag zur „Fridays for Future“-Debatte („We are unstoppable, another world is possible“) aktuelle Politik in Form eines generationenübergreifenden Zwiegesprächs in den Konzertsaal.

Dem Stadtklang auf der Spur

Dirigent Eckehard Stier sorgte nicht nur für elegante Übergänge zwischen den Stücken, sondern bewältigte auch musikalische Zusatzaufgaben und entlockte den jungen Komponisten in kurzen Werkstattgesprächen so manch aufschlussreiche Information über ihren Arbeitsprozess.

Die meisten der in diesem Jahr vorgestellten Werke waren freilich dem ,Stadtklang‘ auf der Spur. Das Thema schlug sich u.a. in Form programmmusikalischer Klangprotokolle nieder, die dem Dresdner Ambiente abgelauscht waren, und – beispielsweise in Laura Fantanas „Klang-Spuren-Suche“ sowie Elias Kraußes „Meine Heimat?“ – Autohupen, Sirenen und den aus Dresdner Straßenbahnen bekannten Dreiklang der Haltestellendurchsage aufboten.

Jonas Kerda lieferte eine Momentaufnahme amüsant beobachteter Ereignislosigkeit mit seinem „Mittwoch Mittag in Jessen“, wo es nach Aussage des Komponisten schon als Ereignis gilt, „wenn mal ein Auto vorbei fährt“. Hannah Katterfeld ergänzte das räumliche Thema um eine temporale Dimension, indem sie in „Zeitsprünge“ einen von Cornelius Uhle gespielten Hofkomponisten Augusts des Starken in der iPhone-gesättigten Gegenwart stranden ließ. Auf Wanderschaft schickte auch Richard Zeißig in seinem „Marsch mit Tücken“ die Musiker, die am Ende erschöpft in die Stühle sinken durften.

Als „Grüße von anderswo“, die adäquat auch in diversen blinden Flecken des Raums zu Gehör gebracht wurden, fungierten vier Stücke von Schülern der in Strasbourg tätigen Kompositionslehrerin Annette Schlünz, die der Komponistenklasse seit vielen Jahren verbunden ist. Auch diese von Mikajy Andriambeloson, Margriet Felpeto, Arthur Klein und Louis-Victor Wipf stammenden Werke überzeugten durch ihre abwechslungsreiche Klangsprache, die musikalische Vorbilder durchschimmern ließ, aber stets auf eigenen Füßen stand.

Zum großen Finale bot die Klasse eine Koproduktion von Elias Krauße, Tom Seidel und Tejas Siemes auf, die mit ihrer satirisch gerappten „Chronik des Politikers“ dem Orange-gesichtigen Anführer der westlichen Welt ein bitterböses Denkmal setzten, das dessen Präsidentschaft und Mauerpläne hoffentlich überdauern wird. Was Talent und Stilgefühl angeht, stecken die Schüler der Komponistenklasse den twitternden Wüterich aus Washington allemal in die Tasche.

Von Wieland Schwanebeck