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Regional Dresdens erstes Off-Theater wird 30 und ist weiterhin in
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13:00 18.02.2020
„Kulturschutzgebiet“ ist die schon seit geraumer Zeit genutzte Selbstapostrophierung des Theaters in der Dresdner Neustadt. Quelle: Archiv
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Dresden

„Ich freue mich, dass es das Haus noch gibt!“ Mit beziehungsreichem Humor begrüßte vor zehn Jahren der langjährige Geschäftsführer Detlef G. Skowronek die Gäste zum 20. Geburtstag des Dresdner projekttheaters. Heute gibt es das Haus auf der Louisenstraße immer noch, und es lebt, und es feiert heute die erste Vorstellung vor 30 Jahren, zwei Tage nach der Besetzung des Hauses. Passend geschieht das mit Improvisationstheater, eine Koproduktion mit der bühne der TU Dresden.

Das Improtheater Freie SpielKultur ist heute Abend Teil der Bühnengeburtstagsparty. Quelle: Nils Eisfeld

Macht- und Strukturvakuum klug genutzt

Es ist noch etwas geblieben vom morbiden Charme der Gründerzeit der ersten Dresdner Off-Bühne. Die Tordurchfahrt führt in den Innenhof der typischen Blockrandbebauung mit der heute noch als solche erkennbaren ehemaligen Werkhalle des VEB Metallwaren. Die war im Juli 1989 schon verlassen, als sich eine Gruppe spielfreudiger Typen unter dem Namen „theaterbrigade“ der Halbruine bemächtigen wollte. Das war nun gerade nicht mehr die Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts. Die DDR und die Stadtverwaltung hatten vor der Sanierungsaufgabe kapituliert, das Viertel war für den Abriss vorgesehen.

In diesem Biotop für Künstler, Lebenskünstler und Subkulturelle wurde noch in der Agonie der DDR die „Bunte Republik Neustadt“ geboren und eben auch ein Projekt wie das projekttheater. Bis heute zehrt der Stadtteil von diesem Szene-Image, obschon die Gentrifizierung 80 Prozent seiner „Ureinwohner“ vertrieben hat. In diesem Milieu ist das Theater tatsächlich so etwas wie ein „Kulturschutzgebiet“, als das es sich augenzwinkernd inzwischen selbst apostrophiert.

Das Stadtbezirkskabinett für Kulturarbeit lehnte in der Noch-DDR den Antrag der „theaterbrigade“ ab, die ehemaligen Betriebsräume für Theaterzwecke anzumieten. Keine Zukunft im Abrissgebiet. Doch die Enthusiasten nutzten am 16. Februar 1990 das nach dem Mauerfall entstandene Macht- und Strukturvakuum und besetzten das Haus mit dem Kleinbetrieb. 200 Freunde zogen nach ersten Aufräumarbeiten am 18. Februar ein. Der entsprechende Verein wurde einen Monat später gegründet.

Geholt, um „aus dem Schweinestall ein Theater zu entwickeln“

Die Spielstätte blieb zunächst ein Provisorium, den Zustand der Räume wie auch die Aufführungen gutwilliger Theaterfreunde betreffend. Dabei fehlte es nicht an Unterstützung. Der Rat des Stadtbezirkes Dresden-Nord übernahm für ein halbes Jahr die Miete. Der Pfarrer im Ruhestand Wolfgang Caffier gab einen zinslosen Kredit von 100.000 Mark, eine Spendenaktion Dresdner Künstler im November 1990 erbrachte 21.139,68 DM.

Schließlich holten die beiden Vorstandsmitglieder Michael von Oppen und Steffen Rinka einen jungen Mann, der bis heute die Geschicke des Theaters bestimmt. Detlef Skowronek, oft mit seinem dritten Vornamen Julius gerufen, hatte an der TU Dresden Physik studiert, verstand sich aber ebenso als Projektentwickler. Und er brachte eine Leidenschaft für die Bühne mit, mischte sich aber zunächst nicht in künstlerische Belange ein. Seine Aufgabe sah er vielmehr darin, „aus dem Schweinestall ein Theater zu entwickeln“, wie er heute drastisch formuliert. Nach eineinhalb Jahren sei ihm allerdings der Kragen geplatzt, „weil so viel Scheiße produziert wurde“, setzt er noch eins drauf.

Steht schon seit einer gefühlten Ewigkeit an der Spitze des projekttheaters: Detlef Gerhard Julius Skowronek. Quelle: Carola Fritzsche/Archiv

Professionalisierung war Skowroneks Ziel. Das ABM-Ensemble mit 25 Stellen musste gehen. Es krachte im Verein, im Richtungsstreit ging Skowronek 1993 zunächst, wurde aber nach einem Intermezzo in Italien zwei Jahre später wieder zurückgeholt. Weitsichtig setzte er den Kauf des Hauses durch, den künftigen Immobilienhype in der Landeshauptstadt ahnend. Bis auf Städtebaufördermittel machte er das Theater von städtischer Förderung unabhängig und sicherte ihm stattdessen eine Grundfinanzierung von 200.000 Euro jährlich direkt durch das Kunstministerium. Was am Etat von einer halben Million fehlt, akquiriert oder erwirtschaftet das Theater selber.

Besonders bei Eigenproduktionen fällt der politische Anspruch auf

Und es kann sogar Pläne machen. Neben der „Fabrikhalle“ mit 99 Plätzen, der Probebühne und dem Café soll der Hof als Außenspielstätte erschlossen werden. Künstlerisch sieht sich Detlef Skowronek zwar im Wettbewerb, aber nicht in Konkurrenz mit vergleichbaren freien Dresdner Bühnen wie dem Societaetstheater oder dem Theaterhaus Rudi. Er holte das eigenwillige St. Petersburger Tanztheater Derevo nach Dresden, das später in Hellerau ein Domizil fand. Überhaupt spielen der Tanz und die Tanzbühne Dresden eine wichtige Rolle. Manche Namen wie Utz Pannicke oder Arne Retzlaff sind dem projekttheater seit Jahrzehnten verbunden.

Solche Dauergäste und Angereiste wie das Theater „La Vie“ aus München bestimmen das Profil. Skowronek liegt nichts ferner als eine Art Intendantenrolle. „Solange wir Ideen haben, schreiben wir keine Konzepte“, bemerkt er trocken. Besonders bei Eigenproduktionen fällt aber der politische Anspruch auf. „Die Sprache der Neuen Rechten“ analysierte den Wortgebrauch der AfD und rechter Publizistik. Zum Geburtstag kommt „Zehn kleine Mörderlein“ heraus, eine Farce über Lebensstile und Anpassungsdruck. Das Kölner „Nö“-Theater gastiert mit „Inside AfD“ nach dem Buch der AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber. Publikum und solide Finanzierung sichern dem Off-Theater auch über die 30 hinaus einen Platz in Dresden.

Lesen Sie auch: Im Dresdner Projekttheater folgt per „RauschKörper“ dem Drogentanz die Aufklärung

„Wir feiern 30sten Geburtstag“, heute, 20 Uhr, projekttheater, Karten 10 Euro (erm. 8 Euro) an der Abendkasse

www.projekttheater.de

Von Michael Bartsch

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