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Regional Premiere an der Semperoper – „Die Reise nach Reims“
Nachrichten Kultur Regional Premiere an der Semperoper – „Die Reise nach Reims“
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08:05 30.09.2019
Lord Sidney (Georg Zeppenfeld) muss den Saal verlassen: Der Brexit lässt grüßen. Quelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah
Dresden

Wer hätte gedacht, dass das Europa der Gegenwart auf der Bühne der Semperoper zum Hauptakteur werden kann? Wann haben wir zum letzten Mal so richtig herzhaft gelacht bei einer Opernpremiere? Kaum zu glauben, aber ausgerechnet Gioachino Rossinis „Il Viaggio a Reims/Die Reise nach Reims“ macht’s möglich.

Angeregte Diskussionen im Theaterfoyer

Fast 200 Jahre lang galt die Partitur als verloren, bevor ihre Wiederentdeckung 1984 eine Rossini-Renaissance auslöste. Die Erstaufführung in Dresden kommt nun in der Regie von Laura Scozzi als politische Groteske auf das Europa anno 2019 daher und sorgt bereits in der Pause für angeregte Diskussionen im Theaterfoyer.

Gleich zu Beginn lässt Scozzi acht europäische Staatschefs als Winkepüppchen auf der Bühne antreten und gibt klar die Richtung für deftiges, aktuelles Regietheater vor. Egal ob Brüssel, Brexit oder gelbe Westen – Scozzi packt schonungslos alles in das Stück, was aktuell durch die Newskanäle tickert. Sie siedelt die Oper, die 1825 zur Krönung des französischen Königs Karls X. entstand, auf dem Rollfeld der Geschichte an, blickt schonungslos in spiegelverglaste Regierungspaläste, wo ein gutes Dutzend Abgeordneter über die Zukunft ganzer Nationen verhandelt.

Allein das Bühnenbild von Natacha Le Guen de Kerneizon ist ein Hingucker: Statt einem Nobelhotel baut sie auf der Drehkonstruktion lichte Europabüros und einen Konferenzsaal, der ebenso gut als Flughafenterminal herhält. Hier wird das Geschehen auf dem Weltparkett in Echtzeit via Nachrichten-Streams auf Bildschirme (Video: Stéphan Broc) projiziert, (äußerst humorvolle) Übersetzung in Gebärdensprache inklusive. Eifersüchteleien wandeln sich so flugs in internationale News, während sich der Wille zur äußeren Einheit als Zaubershow voller Illusionen entpuppt.

Die Gangway zum nicht vorhandenen Flugzeug. Quelle: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Schon Rossini und sein Librettist Giuseppe Luigi Balochi ließen persönliche Interessen der Adligen aus Europa gleichsam im Transitraum aufeinanderprallen. Heute von streikenden Gelbwesten an der Weiterreise gehindert, entblößen sich die Vertreter der Nationen dabei noch immer als ganz normale Menschen. Sie sind getrieben von Gefühlen wie Verlustangst, Zuneigung, Eifersucht oder gar Liebe. So manche Fehde kommt da zum Vorschein, immer umspült von Rossinis Musik, die – das ist das einzige Manko an Scozzis üppigen Bildern – manchmal beinahe in den Hintergrund gedrängt wird.

Rossini hatte für sein Paradestück vor dem König in Paris allerhand aufgefahren: vom riesigen Ensemble und Chor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) bis zu komplexen Arien und Zwischenspielen oder dem „Gran pezzo concertato“, einem Konzertstück für 14 Stimmen, das hier auf der Gangway zum nicht vorhandenen Flugzeug dargeboten wird.

Beste Unterhaltung und Irritation zugleich

Francesco Lanzillotta führt Sänger, Chor und die Sächsische Staatskapelle Dresden sorgsam durch diese üppige Partitur. Die Musik begleitet in vergnügtem Duktus bisweilen wie in einer Fernsehshow das Geschehen, wobei ihre Ironie deutlich herausklingt. Nach der Pause berührt das Orchester zudem mit Beethovens Europahymne, die dem eigentlichen Spiel als Hommage an die Idee Europa vorgelagert ist – und spontan Applaus bekommt.

Viel Raum für großen Klangzauber bleibt jedoch nicht, vor allem im Sängerensemble offenbaren sich große Unterschiede. Während manche Stimme kaum über den Graben kommt, setzen andere umso deutlichere Akzente. Eine davon ist etwa Elena Gorshunova, die als römische Dichterin Corinna die Hoffnung Europa verkörpert und mit ihrem hellen Sopran engelsgleich immer wieder an das Gute gemahnt.

Auch sticht Maria Kataeva als Polin Marchesa Melibea hervor. Ihr leidenschaftlicher Liebeskampf mit dem russischen Grafen von Libenskof, dem Edgardo Rocha stimmlich Profil verleiht, ist einer der musikalischen Höhepunkte nach der Pause. Tuuli Takala gelingt es auch im größten Tumult auf der Bühne noch, den rasanten Koloraturen der affektierten Gräfin von Folleville Farbe zu verleihen. Und einen wie Tilmann Rönnebeck als Arzt Don Prudenzio kann sowieso nichts aus dem Takt bringen.

Am Ende wird die Wartehalle dann abermals zur Showbühne, auf der die Abgeordneten jeweils einen Lobgesang auf ihr Heimatland anstimmen. Martin-Jan Nijhof darf als Baron von Trombonok hier die deutsche Hymne intonieren, zu der Super-Merkel als diplomatische Europaretterin einschwebt. Und Georg Zeppenfeld wird als Lord Sidney nach seinem Auftritt kurzerhand des Saals verwiesen, Brexit ist eben Brexit.

Ja, Laura Scozzi treibt das überbordende Spiel mit der opera buffa zweifelsohne auf die Spitze. Sie unterhält bestens und irritiert zugleich. Ein Stripteasetänzchen der Queen sorgt in der Premiere für einen empörten Einwurf aus dem Publikum: „Peinlich!“? Und sei es drum! Wie die Regisseurin den Zuschauer zum Beobachter macht, ihn mittels Anspielungen auf aktuelle Debatten und Titelblätter ins Geschehen zieht und keine Minute Langeweile aufkommen lässt, das überzeugt. Im schlimmsten Fall wird sie damit das Dresdner Publikum spalten, im besten zu Diskussionen anregen. Und was will Musiktheater mehr?

Nächste Aufführungen: 3., 6. und 9. Oktober

www.semperoper.de

Von Nicole Czerwinka

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