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Regional Premiere am Kleinen Haus Dresden – „Der Nazi & der Friseur”
Nachrichten Kultur Regional Premiere am Kleinen Haus Dresden – „Der Nazi & der Friseur”
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13:43 11.02.2020
Zwei beste deutsche Schulfreunde, einer wird Nazi, einer Friseur – ein absurdes Spiel mit Rollentausch, bravourös gemeistert von Franziskus Claus und Daniel Séjourné. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Just rechtzeitig, aber nagelneu im Dresdner Spielplan – das Kultbuch von Edgar Hilsenrath: „Der Nazi & der Friseur”, einst als „blutiger Schelmenroman“ angepriesen, in dem er mit dem krassesten Gegensatz der Kriminalliteratur spielt: Der Mörder nimmt die Identität seines Opfers an – und identifiziert sich erfolgreich mit dessen Leben –, er lebt in dessen Biografie fort, bis hin zum Wahnsinn des Schuldbekenntnisses ohne jede Not wie Reue.

Hilsenrath, Leipziger Kaufmannssohn Jahrgang 1926, der 1938 von Halle mit der Familie in die Bukowina floh, selbst nur knapp dem Holocaust entkam und nach New York übersiedelte, um 1975 aus „Liebe zur deutschen Sprache“ nach Berlin zurückzukehren, zündet dabei noch mehrere makabere Umkehrungsstufen extra: Denn sein Ausgangsduo Max Schulz und Itzig Finkelstein sind eigentlich beste Schulfreunde, wobei letzterer blond und blauäugig sowie „mit gerader Nase, feingeschwungenen Lippen und guten Zähne“ echt arisch ausgestattet und lyrisch begabt war, während Schulz mit schwarzen Haare, Froschaugen, Hakennase und schlechten Zähnen gesegnet war.

Rasante Szenenfolge

Dieser erschießt jedoch als Wächter im polnischen KZ Laubwalde die Familie Finkelstein, als sie, ihn erkennend, um Hilfe anfleht – um nicht als „Judenfreund“ an die Ostfront zu müssen. Und entkommt, nach gefühlt zehntausend Morden, nicht nur den nahenden Russen, sondern überlebt als einziger Nazi, mit einer Kiste voller Goldzähne auf der Flucht.

Nach dem Bankrott als jüdischer Friseur in Berlin flieht Schulz als Finkelstein, nachdem er alle Goldzähne seiner Opfer verhökert hat, weiter: Über Marseille per Kahn durch die Blockade im Mittelmeer gen Palästina. Aber nicht etwa, weil ihn Schuldgefühle plagen, sondern vor der Verfolgung als Nazi. Denn dort lebt er, auch dank seines Aussehens, am sichersten – und beteiligt sich sofort am Widerstandskampf gegen die Briten, flieht aus dem Kibbuz und gründet erneut einen Friseursalon – und liest im reuigen Volksblatt vom Tod des Max Schulz‘ …

Dabei geht es im Kleinen Haus – wie jüngst recht oft – mit Geruchs- und Fressorgien los, so als ob nur satte Menschen hier abends ins Theater gehen. Doch die startende Popcornmaschine, die nur anfangs dank der stummen und stets fressenden Mira ihren Nährwert hat und später rasch die Bühne verwüstet, hat ihren tieferen Sinn: Sie werden zu Nuggets – als knirschendes Symbol für die Zähne. Und die durchaus fast chronologische Story wird nach dem klamaukigen Beginn recht rasch ins echt Absurde mit rasanter Szenenfolge überführt – nur unterbrochen von kurzen wie passenden Schwarzweiß- oder Trickfilmsequenzen, dafür mit aberwitzigen Spieltempo, wobei beide Gestalten die Wechsel zwischen Komik und Drastik – mit großen Clownsaugen auf weißen Gesicht – ebenso wunderbar meistern wie diverse musikalische Einlagen.

Daniel Séjourné läuft dabei zur Uraufführungsform von „Der Weg ins Leben“, also seinem fulminanten Dresdner Debüt vor zweieinhalb Jahren auf –, und findet mit Franziskus Claus, erst seit Januar am Haus, einen kongenialen Mitspieler, der alle Rollen jenseits des falschen Friseurs spielt – und das im steten Wechsel in Stimme, Klamotte, Bart, Perücke, Hut und Statur.

Zwei flinke wie unglaublich wandelbare Spieler

Beide bescheren Monique Hamelmann in der ausverkauften Dachbühne des Kleinen Hauses ein überaus gelungenes Regiedebüt in einer gemeinsam mit Dramaturgin Janny Fuchs verfassten eigenen Spielfassung, wobei die zahlreichen Brüche und Übergänge fluffig funktionieren und nie auch nur ein Moment lang Unachtsamkeit aufkommt.

Bühnenbildnerin Nadja Hensel, seit 2016 ab und an (so bei Regiefaustpreisträger Thorleifur Örn Arnarsson und Rainald Grebe), seit dieser Spielzeit fest am Haus und für diverse Ausstattungen der Bürgerbühnenspielklubs verantwortlich, stellt neben dem Piano noch zwei Kleiderständer, eine Garderobe mit bärtigen Familienbildern, einen Tisch und eine Holzhütte auf die Bühne, so dass dem Publikum freie Sicht auf die Leinwand und dem Spielerduo genug Toberaum bleibt.

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Man fragt sich ob der steten Obskurität, fußend auf zwei flinke wie unglaublich wandelbare Spieler, stets, wie man denn dann zum gewiss tragischen Ende kommen will. Aber auch das gelingt beeindruckend: Der Prozess als Spiel, wo Herr Richter zum Richter im Gericht wird – und dem sich selbst anklagenden Schulz-Finkelstein nicht glauben kann. Die Pointe gehört hier nicht verraten, aber es entstehen – neben etlichen witzigen Szenen – auch mehrfach jene Gänsehautmomente, die man jüngst hier bei „Mein Kampf“ und „Im Westen nichts Neues“ schmerzlich vermisste. Und man geht nach einem nachhaltigen Abend mit enormer Kopflast aus dem Haus.

Wer also als kunst- wie geschichtsbeflissener Kulturdresdner die Wahl ohne Qual mag, aber dennoch das passende Stück zur Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee sowie zum 13. Februar und 8. Mai sucht, dem sei dieser 99-Minuten-Ritt anempfohlen, der wie im Fluge vergeht.

Aufführungen am 11. & 27. Februar sowie 10., 17. & 28. März, Kleines Haus 3

Von Andreas Herrmann

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