Premiere „Die Legende von Romeo und Julia“ im Dresdner Bärenzwinger
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Premiere „Die Legende von Romeo und Julia“ im Dresdner Bärenzwinger

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11:14 21.07.2020
„Die Legende von Romeo und Julia“ mit Erik Brünner, Nadine Pirchi, Sandra Eckardt, Simon Altmann und Simon Fleischhacker.
„Die Legende von Romeo und Julia“ mit Erik Brünner, Nadine Pirchi, Sandra Eckardt, Simon Altmann und Simon Fleischhacker. Quelle: Andreas Herrmann
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Dresden

Es war der Abend, als in Dresdens Innenstadt erstmalig seit langem links- wie rechtselbig der Nachtbär echt steppte. Denn zu den tausenden Jugendlichen, die seit Monaten die Flusswiesen nachts bespielen, schwammen in der ersten sächsischen Sommerferiennacht 2020 auf der alten Stadtseite die neuen Kulturinseln, auf der anders neuen lockten hingegen Filmnächte mit lautem Spaßslam, der Palaissommer mit gediegener Musik – und auch die weiße Dampfflotte hatte einen guten Abend.

Ganz ohne echte Originalzeile

Perfekt ergänzend zu dieser fast nahezu normal-traumhaften, also quicklebendigen Sommernacht, in der man Dresden gut lieben lernen könnte, wartete im Bärenzwinger der Sommertheaterstart mit ausverkaufter Premiere: „Die Legende von Romeo und Julia“ wurde als Uraufführung geboten, Impresario Peter Förster, wie immer auch Einlasser, Bühnentechniker und Abendspielleiter, schuf im 17. Jahrgang seiner Erfindung namens „Sommertheater Dresden“ als traditionell fünfköpfige Eigenkreation, die zumeist freie Profischauspieler per „Sturm und Drang bis zum Abwinken“ gut über den Sommer bringt, erstmals einen nahezu hundertprozentigen Reimkosmos – und zwar ganz ohne echte Originalzeile. Aber mit der richtigen zugrundeliegenden Forschungsfrage: Ist nur unerfüllte Liebe jene erstrebenswerte wahre?

Sein „Shakespeare aus der Renaissance“ – so der Komödienuntertitel, der die Romantik prähistorisch erweitert – bleibt dennoch in Verona, beim Konflikt zwischen den verfeindeten Familienclans der Montagues und Capulets, deren Kinder sich in Pestzeiten auf Balkonien begegnen. Romeo und Julia, erfrischend gespielt von den Dresdner Debütanten Simon Altmann und Sandra Eckardt, sind sich sofort verfallen, obwohl der Held hier als hochbegabtes wie veganes Muttersöhnchen eher faul und unsportlich daherkommt und seine 13-jährige Jungfer schon dem ollen Pronto fix versprochen ist, der mit seiner Mitgift die Pleite der Eltern mit der bekannten Brüstung vermeiden soll, vorher aber noch seine kranke Alte mit Hilfe von Apotheker plus Signore Capulets Hilfe umbringen muss.

Tagelanges Nachschmunzeln

Wie im Original bekommen sich Blutjungen, hier recht heutig die Umweltsünden der Ahnen anprangernd, recht stringent, während sich die Oldies beim Elterngespräch echt an die Gurgel gehen, was nur jener Capulet als intrigantester wie kräftigster überlebt – aber auch das nur kurz. Denn nach dem Dreifachmord und dem darob folgenden Jugendglück gibt es hier noch eine weitere überraschend vollendete Liebesgeschichte: Der schlaue Apotheker und die Witwe Pronto überleben (wie der schlaue Pfaffe), der Generationenkonflikt wird nachhaltig beerdigt, genauso verworren wie lustig. Denn: „Lange lebe Verona lebe lang!“ Formel wie Pointe versprechen neben der nötigen Originallektüre tagelanges Nachschmunzeln, auch wenn der Szenenapplaus in einigen Jahrgängen schon stärker war.

Peter Förster lobt vor der Premiere am Sonnabend eigens seinen Bühnenbildner Roger Kunze, der auch das ganze Hygienekonzept erfolgreich meisterte und die Bühne im glasüberdachten Hof leicht umbaute, so dass sich Auf- und Abtritte wie das ganze Spiel weiträumiger gestalten lassen. Die Veroneser Kulisse, je mit Sonne oder Mond, wird rasch per blauer Beleuchtung zum Familienmausoleum, in dem die scheintote Julia auf ihren Romeo wartet – die Kostüme von Martina Strahl sind historisch schick und farblich geschickt abgestimmt, so dass sich die Doppelbesetzungen nach schnellsten Umzügen mählich erschließen.

46 Vorstellungen in siebeneinhalb Wochen

In Chemnitz setzte man bei diesem Stoff auf Kishons „Es war die Lerche“ – und der Originaldichter musste eingreifen, um das Eheleben des weltberühmtesten Liebespärchens dreißig Jahre nach der Gruftszene zu retten. Hier macht Autor Förster zehn aus einst 32 Figuren, die Clans werden zur modernen Einkindfamilie geschrumpft. Das heißt auch: für jeden Akteur eine Doppelrolle. Dennoch hier wie dort – und anders als in Dresden, Bautzen und Zittau in diesem Sommer: durchaus echt gespieltes Theater, das geschickt die Gegebenheiten aufnimmt und zugleich konterkariert: So wird mit Abstand erwürgt – und hygienisch stehend gestorben.

Drei Akteure sind bekannt: Nadine Pirchi und Simon Fleischhacker – heuer vorwiegend Julias Eltern – waren bei den „Sündigen Hexen“ im Vorjahr dabei, als es mit der Lear-Story gen Kent ging. Hier sind sie – im Geschlechterrollentausch – auch noch Signore und Signora Pronto, was zumindest dem kernigen Schweizer Fleischhacker ein Überleben sichert, während Pirchi doppelt stirbt. Erik Brünner, nach den Ensembles von Staatsschauspiel und Theater Junge Generation nun jenes der Neuen Bühne Senftenberg verstärkend, ist nach 2010 wieder hier zu erleben – und tut das sowohl als schlauer Apotheker als auch als Romeos hyperfürsorgliche Mutti grandios. Sandra Eckardt spielt neben Julia noch gelegentlich ihre eigene Schwiegermutter, während Simon „Romeo“ Altmann als Pfaffe sogar doppelt überlebt.

All diese komplexen Konstellationen gelingen dem Regisseur Förster, so dass der Bärenzwinger noch bis 6. September zu Dresdens Theater- wie Endreimoase wird. Mit enormem Spielfleiß werden 46 Vorstellungen in siebeneinhalb Wochen (täglich außer montags) gegeben, vorerst noch mit 60 statt normalen 199 Plätzchen nach dem besten Vorverkauf aller Zeiten.

www.sommertheater-dresden.de

Von Andreas Herrmann