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Regional Ostrale beginnt am Donnerstag mit einmaligem Gastspiel in Striesen
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13:52 03.07.2019
Tänzer proben für die Performance am Eröffnungsabend. Im Hintergrund ist Roman Weinigs „Augenblick der Achtsamkeit“ zu sehen. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Der Keller umfängt mit Kühle. Nicht die unwichtigste Begleiterscheinung in diesen heißen Tagen. Angela Merkel grüßt hier unten stumm, in vierfacher Ausfertigung. „Angela Mirakel“ hat Heinz Schmöller, der immer wieder Hingucker produziert, seine Arbeit benannt. Eine kleine Treppe höher ist ein großes Video zu sehen, Guy Goldsteins „Silence isn’t very much“, dessen Sound auch ein wenig den Weg weist. Es ist eine große Beschäftigung mit dem Nordirland-Konflikt, den sogenannten Troubles, im 20. Jahrhundert. Und schon diese beiden Arbeiten sind wie eine Blaupause dafür, dass sich hier Kontinuität abzeichnet. Denn politisch motivierte und interpretierbare Kunst war auf den bisherigen Ostrale-Ausstellungen für zeitgenössische Kunst in Dresden immer schon zu finden, manchmal knapp am Übermaß.

Die Ostrale 2019 – die zwölfte Ausgabe der Schau, die seit 2017 als Biennale firmiert – knüpft dort also an und bezieht aus einer immer stärker bewegten Gegenwart auch jede Menge Argumentationshilfe. Denn wann wäre schließlich eine passendere Zeit für politische Kunst, als dann, wenn sich der Alltag der Menschen als auch der Resonanzraum in den sozialen Medien immer mehr politisch auflädt? Mag sein, dass es Leute gibt, die unpolitische Kunst fordern. Ein unfrommer Wunsch. Für viele Künstler dürfte er sich anfühlen, als müsse ein Schiff flottgemacht werden. Künftig dann aber nur noch in der Wüste.

Neue Räumlichkeiten

Reden wir also weiter von Kunst, politischer oder unpolitischer, wie sie auf der Ostrale gezeigt wird. Und auch von Zahlen. In den Räumen einer früheren f6-Zigarettenfabrik in Dresden-Striesen wird die Ausstellung nur diesen einen Sommer gastieren können. Dort sind auf rund 4700 Quadratmetern Nettofläche (über drei Etagen verteilt) plus Außenanlagen etwa 250 Kunstwerke zu sehen – das Gros der mehr als 300 Arbeiten von rund 180 Künstlern aus 34 Ländern, die in Striesen sowie an den fünf dezentralen Ausstellungsorten gezeigt werden (siehe Kasten). Das Motto respektive der „kuratorische Leitgedanke“, wie er vom Ostrale-Team um Chefin Andrea Hilger bezeichnet wird, kommt mit „ismus“ etwas akademisch-hölzern daher. Seine acht Subgenres: Ideologismus, Terrorismus, Territorialismus, Naturalismus, Animismus, Konsumismus, Dystopismus – und das mit Feminismus nur unzureichend zu übersetzende Womanism. Das kann man als reichlich gewollt betrachten, wird aber von den Künstlern puzzlegleich gefüllt. Wobei klar ist, dass sich die Teile nicht nahtlos aneinanderlegen lassen, dass hier Überlappungen, Auslassungen, Lücken und Verdichtungen eine kuratorische Liaison eingehen.

„Der Geist des Miteinanders und des Improvisierens“, wie ihn Ostrale-Sprecher Tobias Blaurock beschwor, ist den Ausstellungsmachern dabei ein treuer Begleiter. Und bei Hilger hat sich die anfängliche Ablehnung der Räume ins Gegenteil verkehrt. Deren Spezifik, das wird später beim ersten individuellen Rundgang klar, offeriert immer neu überraschende Blick- und Sichtachsen. Diese Möglichkeiten waren am angestammten Ostrale-Ort, den Futterställen im Ostragehege, schlicht erschöpft. Für Striesen spricht Hilger demzufolge auch von einem „unglaublich sensiblen Kuratieren“. Ein kleines Wunder ist es sowieso, war doch die Ausstellung für gänzlich andere Räumlichkeiten in der Messe schon fix und fertig erstellt. Innerhalb einer Woche musste und konnte die Ostrale aber umgeplant werden. Was schon eine reife Leistung ist.

Am Donnerstag beginnt die Ostrale, Dresdens große Ausstellung für zeitgenössische Kunst, erst- und einmalig in den Räumen der ehemaligen f6-Zigarettenfabrik in Striesen. Dort sind gut 250 Kunstwerke zu sehen.

Unterm Dach kann das besichtigt werden, trotz der spürbaren Sonne. Basis der dortigen Installation „Lands V2“ des italienisch-israelischen Künstlers Yuval Avital ist Erde vom „alten“ Ostrale-Gelände. Sie findet sich verteilt im Raum (wenn auch nicht so dicht, dass man von flächendeckend sprechen könnte). Auf dieser losen Scholle tummeln sich eigenartige Kreaturen: ein angekettetes Riesen-Insekt in Todeszuckungen oder ein blinder, teddyähnlicher Körper, der einen Lautsprecher reitet. Dazu gesellen sich die Videos „Foreign Bodies“, die teilweise extra in Sachsen produziert wurden. Sie zeigen nackte Menschen, die sich klein und verloren in Landschaften bewegen: vor einer Staumauer, auf alten Stahlträgern, an abgeholzten Hängen. Der dazu eingespielte Soundtrack sorgt für eine eigenartig gespenstisch anmutende Szenerie.

Mit-Kuratorin Yik Chow aus Hongkong bringt eine ganz persönliche politische Note mit. Sie sei in diesen Tagen ständig am Smartphone, um die jüngsten Proteste in ihrer Heimat zu verfolgen. Am 1. Juli vor 22 Jahren hatte Großbritannien seine Kronkolonie an China zurückgegeben. Nachdem dort in den vergangenen Wochen gegen ein Gesetz mobil gemacht wurde, das eine Auslieferung von Hongkongern an China ermöglicht hätte, spricht Chow eher davon, wie sehr sie in diesen Tagen emotional von dem berührt sei, was fern in ihrer Heimat passiert.

Mehr Feminismus

Wichtig unter anderem: der deutsch-afrikanische Schwerpunkt Womanism, mit dem die Ostrale 2020 in Uganda und Kenia zu Gast sein wird. Er vereint 14 Künstlerinnen und unterstreicht damit auch einen Ostrale-Schwerpunkt: Kunst von Frauen. Da ist Toni Sant, ebenfalls Mit-Kurator, mit dem von ihm ausgesuchten Künstlern aus Malta (zehn, davon eine Frau) schon in der Zwickmühle, der er sich aber offensiv stellt, noch bevor ihn eine diesbezügliche Frage ereilen kann.

Wer sich beeindrucken lassen will, darf sich im Keller auf Cornelia Renz und Michael Kalmbach freuen. Renz arbeitet mit Filzstift auf Acrylglas und lässt dort reichlich viel Verflechtungen zu. Ihre Arbeiten gruppieren sich um Kalmbachs „Bubenballett2“, eine sichtlich verstörende Skulpturengruppe. Weiter oben finden sich Werke von Phillipp Gloger, Wieland Payer oder Johannes Kersting. Anja Sonnenburg hat in „Brennpunkte“ Karten von Orten gezeichnet, die 2016 Ziele von Terroranschlägen wurden: Sadr City, Tel Aviv, Orlando, Mogadischu, Kabul – und Ansbach. Stecknadeln mit schwarzen Köpfen geben die Anzahl der Toten wieder. Nathalie Bertrams wiederum, Teil des Womanism-Projekts, ist mit einem großformatigen Foto vertreten. Es zeigt eine Familie im Kongo – genauer gesagt die Hinterbliebenen. Grund für den Tod vieler Menschen ist in diesem Landstrich das immer wieder auftretende Ebola-Virus.

Türen öffnen und entdecken

Die Gefahr, sich kurz im Ausstellungsgebäude zu verlaufen, besteht tatsächlich immer wieder. Doch die Etagen-Grundrisse im Begleitheft helfen dem Irrläufer aus der Patsche – oder er sich selbst, indem er einfach weiter durch die Räume läuft und Klinken drückt. Irgendwo öffnet sich immer eine Tür, und die Entdeckungsreise setzt sich fort. Steht man dann schließlich auf dem Außengelände, fallen Skulpturen und Installationen ebenso ins Auge wie die Container, die sozusagen live von Künstlern bespielt werden. Mittendrin vom Ganzen gibt es einen einfachen Café-Betrieb, der an Wochenenden sowohl drinnen als auch draußen zu genießen sein soll. Ansonsten werde vor allem wetterabhängig entschieden, sagte Hilger.

Die Dezentralität soll als Konzept für den nächsten Dresdner Ostrale-Jahrgang 2021 auf jeden Fall erhalten bleiben, kündigte sie noch an. Am wichtigsten aber bleibt: „Es muss eine Heimat da sein.“ Und das nicht nur wegen postalischer Sicherheit. Oder wie es Franz Leyser, Vorsitzender der Ostrale.freunde, ausdrückte: „Wir meinen keinen Wanderzirkus, sondern einen festen Ort, um dort bleiben zu dürfen.“ Sicher kein Heimatismus, sondern – im Angesicht eines weiteren prallvollen Ausstellungsjahrgangs – berechtigte Erwartung.

Ostrale 2019, 4. Juli bis 1. September, historische f6-Tabakfabrik, Schandauer Str. 68, geöffnet Mi bis Fr 10-19, Sa & So 11-20 Uhr

www.ostrale.de

Von Torsten Klaus

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