Olaf Holzapfel stellt in der Galerie Gebr. Lehmann in Dresden aus
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20:40 14.01.2020
Olaf Holzapfel: Massif du Vercors (Ausschnitt). Quelle: Galerie Lehmann
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Dresden

Sieben Strohbilder sind ausgestellt. Drei dieser Werke sind unbetitelt, die anderen narrativ, erklärend oder illustrierend „Hinter dem Rücken“, „Strohblume“, „Massif du Vercors“ und „Spatial Forms“ benannt. Die Arbeiten basieren alle auf einem geometrischen, dreiecksdominierten Formenvokabular.

Olaf Holzapfel, 1967 in Görlitz geboren, begann erst ein Architekturstudium, bevor er von 1996 bis 2001 (Meisterschüler bis 2003) an der HfBK Dresden Malerei bei Ralf Kerbach studierte. Aber eigentlich wollte der Konzeptkünstler Physiker werden.

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Eigentlich wollte er Physiker werden

Den Ausgangspunkt seines konsequent gewählten, erarbeiteten, durchdachten und gelebten künstlerischen Weges bildet zu Studienende eine raumgreifende Installation aus Hartpappe. Ein Billboard quer durch das Oktogon der Hochschule, entwickelt aus den Erfahrungen aus Holzapfels Studienaufenthalt in Indien. Eine fragile Mauer, durchaus mit Tücken und Eigenleben. Die Pappe gab nach, wo sie stabil sein sollte. Wollte erforscht und nicht nur benutzt werden.

Seither galt und gilt das Hauptaugenmerk des Künstlers dem Material. Dem Material als Malmittel und Malwerkzeug, Inhalt und Forschungsgegenstand künstlerischer Arbeit, als anbetungswürdiges Faszinosum und Herausforderung, als Wurzel und Trieb. Das klassische Malen mit Pinsel und Farbe hat Holzapfel schnell auf das Material erweitert und in die Bildhauerei als Wechselspiel zwischen zweidimensionalem Bild und dreidimensionalem Raum transformiert. Der Künstler hat auf seinem Weg ein auf Architekturanalysen und physikalischen Gesetzen basierendes Konzept entwickelt.

In Dresden wurde der Ausnahmekünstler in den Nuller-Jahren mit seinen minimalistischen, transparenten wie eingefärbten, aus erhitztem Plexiglas geformten, leichten und scheinbar zerfließenden Objekten bekannt. Einer Symbiose aus Analyse und Anwendung traditionellen Handwerks sowie einer zunehmend den Alltag und die Kunst erobernden computergenerierten Ästhetik.

Olaf Holzapfel begann Naturmaterialien zu erforschen und für seine Kunst zu nutzen. Er erkannte die regionalen Unterschiede im alltäglichen Formenvokabular und ästhetischen Vorlieben, die mit den verschiedenen vorzufindenden Rohstoffen korrelieren. Ist das Material flexibel, dominieren geschwungene, runde und weiche Muster. Ist es starr, herrschen harte Kanten und Winkel vor. In der Ausstellung taucht nur in einem einzigen Strohbild eine geschwungene Linie auf.

Der Künstler sucht den Austausch mit den Handwerkern, befragt sie nach Möglichkeiten, überlieferten Kniffen und bewiesenen Regeln. Vernetzt den Zimmermann mit der Stickerin, entwickelt gemeinsam mit ihnen die Basis für seine Kunst und schärft das Bewusstsein für das Einzigartige, das dem Handwerk innewohnt. Holzapfel verknüpft den architektonischen, textilen und landwirtschaftlichen Kosmos zwischen natürlich gewachsenen und künstlich erbauten Welten. Am verständlichsten wird dies in Holzapfels aus Fachwerk-Strukturen und Architekturreferenzen entwickelten Holzskulpturen. Traditionell verzapft und ohne Metallteile gebaut. Aber mit bewusst konstruierten Fehlern – um die Freiheit der Kunst gegenüber Normen, Gesetzen und Reglements zu behaupten.

Geneigte Weizenfelder führen zur Arbeit mit Stroh

2008 reiste Olaf Holzapfel durch die Lausitz, besuchte evangelische Kommunen der Sorben in Brandenburg und katholische in Sachsen. Auf den Spuren traditionellen Handwerks, das versteckt in die Neuzeit überdauerte. Der Künstler stieß dabei auf Seilereien, die noch Heuschnüre aus Grashalmen und Wildblumen flechten und den anstrengenden Prozess des Seildrehens während kommunikativer sozialer Treffen in Scheunen zelebrieren. Olaf Holzapfel webt diese teils acht Meter langen Seile zu geometrisch-ornamentalen Bildern, mit denen er Holzrahmen füllt.

In Vorbereitung einer Ausstellung stieß Olaf Holzapfel 2009 in Argentinien auf die Wichi, nordargentinische Indios, die in Stämmen leben. Diese Ureinwohner spinnen Fasern von Bromeliengewächsen zu Fäden, die sie einfärben und zu Netzen und Ponchos verarbeiten. Nach Olaf Holzapfels Zeichnungen fertigten die Handwerkerinnen netzartige Textilgemälde. Urtümliche, fremde kulturelle Erfahrungen treffen auf eine aus der europäischen Moderne heraus entwickelte Formensprache – davon erzählt der 16-minütige Film „Porto Alegre“ in der Galerie Gebr. Lehmann.

Der Gedanke, mit Stroh zu arbeiten, reifte 2013 beim Betrachten vom Wind geneigter Weizenfelder. Der Künstler konnte in ihnen die Stimmung der Landschaft ablesen, erkannte geometrische Muster und zufällig entstandene Bilder, Flächen und Räume. Mittlerweile arbeitet Olaf Holzapfel mit 15 verschiedenen Getreidesorten, hat in seinem Atelier ein Lager von dunklen und hellen, dicken und dünnen, glatten und matten Halmen angesammelt. Sorgfältig sortiert.

Die Platten, auf die er die Halme montiert, grundiert er mit farbigen Formen, die an seine frühe Malerei erinnern und – je nachdem, wie die Abstände zwischen den montierten Halmen gewählt wurden – mal deutlicher und mal schwächer im Bild durchscheinen. In einem Bild (o.T., 2017) ist die Anordnung der Halme so eng gewählt, dass nichts mehr von dem bearbeiteten Hintergrund durchschimmert. Holzapfel färbt in jüngster Zeit die Halme mit Naturpigmenten und Tuschen ein. Das Bild „Spatial Forms“ (2019) hat dadurch einen teilweise marmoriert-gebatikten Charakter. Bemerkenswert, dass die teils geknickten Halme nicht brechen und mit welcher Akribie die Halme miteinander verbunden und ineinandergeschoben sind.

Halme, die mit Akribie verbunden sind

Der Künstler entwickelt seine Vorlagen am Computer und zeichnet ein Liniengewebe auf den Holzplatten vor. Sehen kann man diese Bildanlagen noch auf „Massif du Vercors“ (2017), dem Bild mit dem gegenständlichsten Bezug in der Ausstellung. Man erkennt eine hohe Horizontlinie, die das Bild in Himmel und Landschaft – die wiederum aus dem südfranzösischen Bergmassiv und einem Gewässer im Vordergrund besteht – teilt. Durch eine gezielte Wahl der Halmabstände erscheint der Berggipfel im rechten oberen Bildviertel unglaublich räumlich.

Olaf Holzapfel – ein Architekt, Physiker und Analytiker, der sein malerisches Empfinden nicht verleugnen kann. Auch wenn er nicht mit dem Pinsel malt.

bis 24. Januar, Galerie Gebr. Lehmann, Neustädter Markt 11/12, geöffnet Di-Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr, Tel. 0351/801 178 3, info@g-gl.de

www.galerie-gebr-lehmann.de

Von Patrick-Daniel Baer

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