Nathan der Weise am Volkstheater Bautzen Rezension
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Regional Weisheit für Waisen – Lessing-Premiere in Bautzen
Nachrichten Kultur Regional Weisheit für Waisen – Lessing-Premiere in Bautzen
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11:28 09.03.2020
„Nathan der Weise“ wird derzeit in Bautzen aufgeführt. Hier: Szene mit Richard Koppermann, Lutz Hillmann, Katja Reimann, Maja Adler und Alexander Höchst
„Nathan der Weise“ wird derzeit in Bautzen aufgeführt. Hier: Szene mit Richard Koppermann, Lutz Hillmann, Katja Reimann, Maja Adler und Alexander Höchst Quelle: Miroslaw Nowotny
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Bautzen

„Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“ So lässt Gotthold Ephraim Lessing seinen weisen Nathan per Regieanweisung (quasi happy) enden, auch wenn echte Geschwisterliebe immer noch unmoralisch erscheint. Am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen hatte der Stoff nun Premiere.

Glaube, Liebe und Gewalt

Die Story, ein dramatisches Gedicht in Blankversen mit fünf Aufzügen als Ode an den Humanismus, die bei der posthumen Berliner Uraufführung vor 237 Jahren, also vier Jahre nach des Aufklärers Tod, noch echt religiösen Sprengstoff barg, hält rings um den Kern der Ringparabel, die die prinzipielle Gleichwertigkeit von Gläubigen aller Art herleitet, noch etliche andere Nuancen für zeitlos-relevantes Theater parat: Glaubensfragen, Liebesgeschichte, Generationenkonflikt – und nebenher die Schilderung von allgegenwärtigen Kriegsverlusten. Plus dem Gegengift: Milde und Toleranz mittels Weltbildung.

Dazu ist hier nun just mit Sultan Saladin ein einerseits schlauer, andererseits brutal-erfolgreicher Herrscher an der Macht. So verloren nicht nur der junge schwäbische Tempelherr und Recha jeweils ihre Eltern, auch Nathans Frau ist samt allen sieben Kindern ermordet – somit erscheinen fast alle mehr als Opfer denn als Täter, der ewige Kreislauf der Gewalt aus reinen Rachegründen ist vorgezeichnet, käme nicht die wildtreibende Potenz von Saladins verstorbenem Bruders Assad und des Juden Reichtum (auch an Güte und Weisheit) ins Spiel…

Bautzendebüt für Regisseur Knödler

Nun assoziiert Nathan in Bautzen als das der Lessingstadt Kamenz nächstgelegene feste Ensemble unter ursächsischen Theaterfreunden zweierlei: einerseits die Dresdner Inszenierung von Wolfgang Engel als Höhepunkt beim 9. Sächsischen Theatertreffen 2016 – damals außerhalb der Wertung um den sächsischen Theaterpreis arg gefeiert. Andererseits die jüngste eigene Inszenierung am Deutsch-Sorbischen Volkstheater anno 1991 – den jungen Tempelritter, der in Nathans Abwesenheit dessen Tochter Recha aus dem Flammen rettet, spielte damals Lutz Hillmann, seit 1985 als Schauspieler am Haus, seit 1998 dessen Intendant, seit 2020 nun Nathan.

Gastregisseur Carsten Knödler schuf sich für diese komplexe Lage als Bautzendebüt eine eigene Spielfassung (Sklaven und Mamelucken), ergänzt sie nur behutsam mit heutigem Jargon, aber generiert in einer wirklich grandiosen Kulisse von Ausstatter Frank Hänig mit einer konzentrierten Ensembleleistung eine durchweg knackige Spannungshaltung, in der man Lessings feingeschliffene Kaskaden sauber gesprochen genießen kann.

Ein Schauspielabend voller Fiktion mit allen theatralen Finessen

In der prägnanten wie düsteren Kulisse – ein bombengeborstenes Betonschachbrett mit zerstörter Gazastreifenmauer, ein blutroter Pfeil als Spielpfad und ein Portal mit Einschusslöchern (als Antiklagemauer später von hinten beleuchtet) samt eingebauter Schlupftür für Templer – ist der Jude Nathan umzingelt von fünf Christen und zwei Muslimen (auch der Emir ist gestrichen). Alle machen dem alleinstehenden Juden das Leben nicht leicht. Immer wieder kreuzen laute Hubschrauber, nur sichtbar dank Suchscheinwerferblitzen, gefährlich nahe über das verminte Terrain.

Nach der Rettung der 18-jährigen Tochter aus der Feuersbrunst begehrt der christlich-ritterliche Heißsporn plötzlich jene Recha – trotz ihres vermeintlich jüdischen Glaubens. Der vom Sultan (Alexander Höchst) zuvor unerklärlicherweise verschonte Jüngling versteht den Zweifel ihres Vaters nicht und verrät dessen vermeintliche Sünde – gottesneutrale Erziehung eines Christenkindes – kurzerhand an den Patriarchen. Doch Nathan, der dem Sultan per Rochade finanziell hilft und ihm via Fabelerzählung verklickert, warum zwar jedem sein Gott der liebste, aber keiner besser als der andere sein kann, weiß noch mehr.

Knödler beschert Bautzen einen Schauspielabend voller Fiktion mit allen theatralen Finessen – jenseits von modischen Bühnendrehen und heftigen Kulissenwechseln. Neben der fulminanten Bühne, exzellenten Lichtstimmungen und klug reduzierter Soundcollage im sanften Dreiklang prägen sich auch die farblich klar akzentuierten Kostüme ein (ebenso von Frank Hänig).

Einzig das rasche Kippen zur absoluten Liebe aufgrund jeweils einen reinen Augenblicks – zuerst von Recha, dann vom Tempelherrn – gerät etwas zu rasch. Ebenso wie dessen abrupte Abkehr vom „jüd’schen Wolf im philosoph’schen Schafpelz“, hinter den er die „Hunde schon zu bringen wissen“ werde. Beide werden sehr jugendfrisch von Maja Adler und Richard Koppermann gespielt. Ralph Hensel ist als grausamer Patriarch mit rotem Handschuh (rechterhand) in seinem kühlen Fundamentalismus leicht unterfordert, während der souveräne Auftritt der beiden Damen – Katja Reimann als nicht nur beim Schach schlagfertige Sittah und Gabriele Rothmann als recht forsche Daja – keineswegs überrascht. Der gelungene Einstieg Marian Bulangs in die Rolle des Derwischs Al Hafi (innerhalb der Endprobenwoche) ins Team ist schlichtweg sensationell – und einen eindrücklicheren Klosterbruder als Erik Dolata, mit roten Kreuz auf dem Bauch und jungfräulich-bleibendem Sprengstoffgürtel unter der Kutte, kann man sich kaum vorstellen.

Nächste Vorstellungen: 12., 17. & 28. März sowie 3. & 7. April

www.theater-bautzen.de

Von Andreas Herrmann

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