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Regional „Mit der Faust in die Welt schlagen“: Muss man in der Lausitz Nazi sein?
Nachrichten Kultur Regional „Mit der Faust in die Welt schlagen“: Muss man in der Lausitz Nazi sein?
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10:24 16.09.2019
Ingo Tomi, Tillmann Eckardt, Sven Hönig und Daniel Séjourné in der Romanbearbeitung. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Eine Warnung scheint vorab angebracht: Wer Lukas Rietzschels Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ oder gar dessen Bühnenfassung als Erklärstück für den Erfolg der AfD im Osten ansehen möchte, der irrt. Der Westen und ratlose Politiker in der besonders anfälligen Lausitz wünschen sich zwar solche zurückverfolgbaren Kausalketten, die Ansätze für ein Gegensteuern bieten könnten. Der Erfolg des erst 25-jährigen bodenständigen Autors mag sich zum Teil damit erklären lassen. Doch ein direkter Zusammenhang zwischen der beschriebenen Nazi-Jugendgang im Sorbenland und den objektivierbaren Lebensbedingungen „Keine Sparkasse mehr, kein Bäcker, keine Apotheke, kein Arzt“ wird erst auf Seite 297 kurz vor Ende des Romans hergestellt, und zwar von einem Dresdner Pegida-Redner. Der Niedergang der Infrastruktur und der Verlust der Erwerbsmöglichkeiten aber begann schon vor mehr als 25 Jahren.

Kein Erklärstück für den Erfolg der AfD im Osten

Journalistische Recherchen bestätigen ebenso wie der Sachsen-Monitor, dass sich die strammen AfD-Wähler in den ländlichen Räumen gar nicht so abgehängt fühlen. Ihre Drift nach Rechtsaußen lässt sich kaum noch rational und nur mit gefühlten Ressentiments, Ängsten und völliger Orientierungslosigkeit begründen. Auch bei Lukas Rietzschel ist diese Sinnleere spürbar. Dass sie aber folgerichtig in chauvinistische Gewaltbereitschaft münden muss, erhellt weder im Roman noch in der vom Autor selbst mitgestalteten Bühnenfassung am Dresdner Staatsschauspiel. Die suboptimalen Lebensbedingungen in der Lausitz treten vielmehr hinter die austauschbaren Generationen-, Erziehungs- und Beziehungskonflikte zurück, wie sie ebenso in wohlstandsverwahrlosten Milieus anzutreffen sind.

Betty Freudenberg und Daniel Séjourné. Quelle: Sebastian Hoppe

Empathie ist gewollt

Woher rührt dann die subkutan unterstellte spezielle Anfälligkeit der Heranwachsenden hier gegenüber dem alten Nazi-Geist? Weil der Sozialismus so schlimm war und die Vorbilder der Großelterngeneration diskreditiert sind? Diese Jungs zeigen besonders in der Bühnenfassung doch auch ihren weichen Kern und eine latente Sehnsucht nach archaischen Geborgenheiten und Harmonien. Man kann sie trotz ihrer Anschläge und Gewalttaten gar nicht in toto verurteilen, und Autor Rietzschel tut das auch nicht. Empathie des Lesers oder Zuschauers sei durchaus gewollt, erklärt er in diversen Interviews.

Viele Berichte statt Szene

Die wertungsfreie, nüchterne und in lakonischem Deutsch gehaltene Beschreibung der Verhältnisse, unter denen die Brüder Tobias und Philipp aufwachsen, begründet allein noch gar nichts. Ja, es gibt wenig, was externen Halt bieten könnte. Aber es gibt in der Elterngeneration keine prägenden Nazis. Fast eine Stunde lang leidet der Spielzeitauftakt am Freitag im Kleinen Haus unter den gleichen Problemen wie die meisten Romanverstückungen. Viele erzählende und berichtende Passagen statt Szene, der Rest des Personariums steht am Rand und hört zu. Wo bleibt das Aufschreckende, fragt man sich zeitweise, denn Entfremdungen von Partnern beim Hausbau und frustrierende Familienrituale gibt es nicht nur in der gebeutelten Kohleregion.

Dann schleichen sich Alarmsignale ein, die Aufschrift „Jude“, die Absicht eines Schülers, eine Lehrerin umzubringen. Da ist die subtile Faszination des Verbotenen, das Hakenkreuz, der Hitlergruß. Woher diese Affinitäten rühren, was für die Brüder gar die Einstiegsdroge in die von Menzel geführte Clique bildet, kann nur vermutet werden. Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltoflegt in ihre Inszenierung auch nicht mehr hinein, als die Romanvorlage bietet.

Nach etlichen Längen gewinnt die Bühnenfassung dann noch vor der Pause an Intensität und folgt damit auch dem Romanverlauf. Das Innenleben der Clique, ihre gruppendynamischen Prozesse, der dem verhassten eigenen Befinden entspringende Hass auf die Sorben, die „Polacken“ und andere Ausländer werden packend geschildert. Brandanschläge, Prügelattacken, die Provokation mit Schweinekadavern vor einem Flüchtlingshaus bieten deftiges Theater.

Packende Schilderung der Gruppendynamik

Daniel Séjourné, Ingo Tomi und Ursula Hobmair Quelle: Sebastian Hoppe

Die fünf Männer, sonst auch in Mehrfachrollen der älteren Generation agierend, sind hier ganz ungestüme Jugend, leben eine geradezu animalische, unkanalisierte Energie aus. Alle sieben Spielerinnen und Spieler verdienten eine Nennung, erwähnt werden sollen Tillmann Eckardt als Tobias und Daniel Séjourné als Philipp. Obschon die rechte Szene kein Beispiel einer weiblichen Führungsfigur kennt, gibt Ursula Hobmair den im Roman männlichen Anführer Menzel. Der Sinn dieser „Hosenrollen“-Besetzung erhellt sich aber nicht, zumal sie männlich-radikaler spielt als die knetbaren Jungs.

Spiel im Braunkohletagebau

Guus van Geffen, ebenfalls Niederländer, hat eine einfache Bühne gebaut, die mit viel Fantasie an die Hänge eines Braunkohletagebaus erinnert. Das eifrig genutzte Planschbecken in der Mitte symbolisiert den daraus entstandenen See. Wie in manchem Nazi-Stück wird am Schluss auch ein gewisser Sog der Bürgerlichkeit spürbar. Es gibt einen Ausweg aus diesem Provinz-Komplex, durch Ausbildung anderswo, durch Arbeit vor Ort. Die Clique bröckelt. Zumindest in der zweiten Halbzeit ist in Dresden eine treffende Schilderung der Szene zu erleben. Spät, in der Reflexion, tauchen mögliche Zusammenhänge mit den materiellen Umgebungsbedingungen in der Lausitz auf. Schlüsse muss man selber ziehen.

Nächste Vorstellungen: 18. & 27.9., 8.10.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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