Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Musik-Doku „Swans – Where Does A Body End?“ läuft in Dresden an
Nachrichten Kultur Regional Musik-Doku „Swans – Where Does A Body End?“ läuft in Dresden an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
20:17 09.01.2020
Ekstase auf der Bühne – bei den Konzerten der US-Band Swans verausgabt sich Frontmann Michael Gira bis zur letzten Minute. Quelle: Salzgeber & Co. Medien GmbH
Anzeige
Dresden

Es gibt mehrere wunderbare Momente in Marco Porsias Dokumentarfilm „Swans – Where Does A Body End?“, in dem natürlich drin ist, was draufsteht: Michael Gira und seine phänomenale Band. Einer der wirklich besonderen Momente aber ist, als Kollege Thurston Moore heute nachstellt, wie Gira damals in den Achtzigern nach den Konzerten von der Bühne kam. Mit überdrehten Augen hätte er sich wie apathisch backstage in einen Stuhl gepflanzt und gekeucht. Er drohte, aus sich heraus zu kippen. Man nennt es Verausgabung. Es ist der Daueraggregatzustand im Künstlerleben des Michael Gira.

Wer „Swans – Where Does A Body End?“ sieht – in Dresden gibt es dazu in gleich drei Kinos Gelegenheit – und seine Band noch niemals zuvor bei einem ihrer Auftritte gesehen hat, wird unbändige Lust darauf bekommen. Dresdner sind da schon mal besser gestellt, denn die Stadt, präziser der Briesnitzer Beatpol gehörte immer wieder zu den gern bedienten Swans-Stationen. Unvergessen auch jener Abend, da Michael Gira die längste Swans-Pause mit seinem Projekt Angels Of Light überbrückte und mit dem Dutch-Harbor-Abend und Will Oldham im damals noch Star Club genannten Beatpol gastierte. Es war nur der Vorgeschmack auf das, was nach der 2010er Wiedervereinigung kommen sollte.

Fünf Jahre für die Entstehung des Films haben sich gelohnt

Der kanadische Regisseur Marco Porsia arbeitet vor allem in digitalen und analogen Schnitträumen von Fernsehstudios und für Musikvideos. Gelegenheitsmusiker ist er auch. Alle diese Sparten und Berufungen sieht man seinem Zweistundenfilm an. Die Bezeichnung Fleißwerk ist keine Übertreibung und greift dennoch zu kurz, denn Porsia hat sich quasi in die Swans geschleust, um allen verfügbaren Materials habhaft zu werden, Michael Gira ausführlich zu treffen, mit ihm und seiner sehr eigenen Welt vertraut zu werden, mit ihm zu reisen, Konzerte zu hören und erst danach zu filmen. Fünf Jahre dauerte dieser Prozess, musste so lange dauern und hat sich gelohnt.

Intim ist dieses Kinostück geworden, wobei die Betonung durchaus auf Kino liegt. Und den Vorführern der Säle müsste man schon mal stecken, dass sie mit dem Dreh am Lautstärkeregler nicht zimperlich sein sollten. Es erhöht nicht nur die Intensität des Erlebnisses, es ist essenziell, so wie Lautstärke immer enorm wichtig ist, wenn die Swans für zwei, drei Stunden auf den Bühnen stehen und ihre unikat-brachiale, wut-zärtliche Avantgarde lebendig halten. Wenn Michael Gira, mithin bald 66 Jahre alt, mit sonorer Stimme singt und spricht, beschwört, predigt, schamanengleiche Mantras bringt, über Sex und die anderen Siebendinge tönt, wenn er Gitarren wuchtet und bei den Kollegen Maß nimmt.

Der Trailer zum Film

Swans sind lebendige Musikgeschichte, Gira ist ein Überlebender. Im Film erzählt er knapp, aber prägnant über die alles andere als einfachen Kinder- und Jugendjahre in Kalifornien, von ersten Ausbrüchen in die Welt und dem Wiedereinfangen des Vaters, vom Bruch mit dem Sonnenstaat und seinem Aufschlagen im schattigen New York der End-Siebziger, als Big Apple dort, wo Michael Gira zu leben versuchte, eher gefährliche Gosse denn Big Apple war. Frühe Aufnahmen seiner ersten Band Circus Mort von 1981 sind zu sehen, natürlich auch der Start der Swans, als ihnen Joy Division noch näher stand, als es ihnen für die eigene Ausrichtung lieb sein konnte.

Hier kreuzen sich auch das erste Mal die Wege von Michael Gira und Thurston Moore, der kurz mitmacht, dann aber Sonic Youth gründet und auf Tuchfühlung bleibt. Neben ihm kommen in „Swans – Where Does A Body End?“ u.a. noch Amanda Palmer, Blixa Bargeld, Ben Frost, Karen O von den Yeah Yeah Yeahs, Devendra Banhart, Kid Congo Powers und Norman Westberg zu Wort und Bild. Ausschließlich anerkennend sind ihre Äußerungen und münden im Bild eines Menschen, der „ehrlich, leidenschaftlich und echt alles dafür opfert, im Mahlstrom seiner eigenen Kunst authentisch zu sein“ und „Dauerhaftes für den Moment“ zu erschaffen. Von brutaler Schönheit ist oft die Rede, wenn die Musik der Swans beschrieben wird. Und wie zu sehen ist, lassen sich schon 13-Jährige zu Fans formen, wenn Eltern daheim die richtigen Platten auflegen.

Ein neues Album im gewohnten Doppelformat

Wichtigste Säule des Films sind die offenen, privaten, ergiebigen und respektvollen Gespräche mit der langjährigen Sängerin und Gira-Partnerin Jarboe. Hier bekommt das Werk entscheidende Kontur und geht weit über ein aus Crowdfunding finanziertes Fan-Geschenk hinaus.

Wie beschreibt Thurston Moore gleich noch mal den frühen Gira? Mit überdrehten Augen hätte er sich wie apathisch backstage in einen Stuhl gepflanzt und gekeucht, drohte, aus sich heraus zu kippen? Verausgabung als Daueraggregatzustand? Es könnte auch Konzertbesucher beschreiben und beileibe nicht nur die frühen… Als Michael Gira vor und während der bislang letzten Tour das erneute Ende der Swans verkündete und gleichsam betonte, diesen bewährten Namen für nunmehr offene und rotierende Besetzungen im ohnehin schon üppigen Personalkatalog bereitzuhalten, war es kein Schock. Auch die DNN vermuteten vorab zum 2017er Konzert im Beatpol, es sei vielleicht nur die Rekonvaleszenz, nicht der Tod der Schwäne.

Genauso ist es gekommen: Im Oktober 2019 erschien auf Young Gods/Mute mit „Leaving Meaning“ ein neues Album im gewohnten Doppelformat, für den kommenden April ist eine Deutschlandtour geplant (Termine siehe unten). Michael Gira überrascht hier wie dort nicht mit gänzlich neuen Kolleginnen und Kollegen, gleich gar nicht mit neuen stilistischen Einflüssen, die den Swans-Horizont komplett drehen würden. Die zwölf Stücke von „Leaving Meaning“ vereinen viele Altmitglieder wie Kristof Hahn, Norman Westberg, Larry Mullins und Paul Wallfisch, wiederholt aufgerufene Gäste wie Baby Dee und die schwedischen Hauswolff-Schwestern Maria und Anna sowie erstmals die australischen Experimentalgeister The Necks und Ben Frost sowie A Hawk And A Hacksaw. Weit über zwei Dutzend Musikerinnen und Musiker waren an der Entstehung der 15. Swans-Produktion beteiligt, die freilich im haptisch-feinen Papp-„Koffer“ liegt.

Michael Gira gibt den Swans wieder mehr Raum für Nuancen. Nur brachial zu sein ist nicht das Motto, zwingend allemal. Oft mäandern die Stücke, schreiten aus auf über zehn Minuten, bekommen fast bulgarisch anmutende Frauenchöre, minimalistische Tastenflächen, Streicherbetten, Akkordeonsprengsel, dann wieder fulminante tonale Steh-Sätze. Böse Zungen sagten schon „eingängig“ dazu. Bei den Swans aber ist alles relativ.

„Swans – Where Does A Body End?“ läuft ab Donnerstag im Programmkino Ost, im Kino im Dach sowie im Thalia Dresden.

Swans live: 28. April. Berlin, 5. Mai Hamburg, 18. Mai Wiesbaden, 23. Mai Köln

Von Andreas Körner

Die Konzertreihe „Offenes Palais“ soll nach der Trennung vom Förderverein Palais im Großen Garten e.V. gemeinsam mit dem Dresdner Verein „Erkenne Dich selbst im Fremden“ fortgeführt werden. Inhaltlich geht man da in verwandte Richtungen.

09.01.2020

Mit einem Trauergottesdienst in der Kreuzkirche hat Dresden einen bewegenden Abschied von Peter Schreier genommen. Rund 3000 Menschen erwiesen dem Sänger die letzte Ehre.

09.01.2020

Das renommierte Ensemble Modern feiert sein 40-jähriges Bestehen – und gastiert in seinem Jubiläumsjahr auch wieder in Dresden.

08.01.2020