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Regional Mit Stringenz zum Traumjob – Staatsschauspielerin Henriette Hölzel
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08:59 08.11.2019
Henriette Hölzel Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

Es ist bei weitem kein normaler, aber ein konsequenter Weg: Von der allerersten Inszenierung auf der damals als Sparte nagelneuen Dresdner Bürgerbühne – die Kriemhild in Hebbels “Nibelungen” anno 2009 – über die Leipziger Schauspielhochschule ins Dresdner Schauspielstudio, einem kurzem Westabstecher und einigen Fernsehfilmrollen vergingen nur zehn Jahre, bis Henriette Hölzel, nun mit 25 Jahren, als frisch engagierte Staatsschauspielerin mit Anton Tschechows Waria und Anna Seghers Maria in zwei Hauptrollen auf der Bühne ihres Opas Peter Hölzel zu sehen ist.

Kurz vor der heutigen Premiere unterhielt sich für die Dresdner Neuesten Nachrichten Andreas Herrmann mit der dynamischen Radebeulerin des Jahrgangs 1993, die einst als Handballerin (linke Konterläuferin) auch Leistungssport betrieb und in deren Filmdatenbank unter Sport noch Akrobatik, Ballett, Fechten, Fußball, Jonglieren sowie Reiten, als Dialekt Sächsisch, als Stimme Mezzosopran und als Instrumente Akkordeon und Klavier stehen.

Wie ereilte Sie Anna Seghers‘ „Transit“?

Henriette Hölzel: Vor den Sommerferien gab es ein Gespräch mit dem georgischen Regisseur Data Tavadze. Er sagte mir, dass ich für die Rolle der jungen Marie vorgesehen sei. Das hat mich gefreut. Ich habe sehr schnell den Roman gelesen. Es ist ja eigentlich nicht der Stoff meiner Generation, aber er hat mich begeistert, vor allem die sehr klare Sprache.

„Der Roman spiegelt eine kafkaeske Situation wider“

Dieser Roman kommt nun als eigene Fassung heraus – wie gestaltete sich der Probenprozess?

Es gab zu Probenbeginn eine fertige Fassung von Julia Weinreich, und wir haben dann unsere Positionen einbringen können, das war ein sehr offener und kreativer Prozess. Wir springen von der Narration in die Figuren, immer im direkten Kontakt mit dem Zuschauer.

Das klingt abstrakt. Wie wird das denn szenisch gelöst?

Der Roman spiegelt eine kafkaeske Situation wider: Alle sind ständig auf der Suche nach Papieren - Einreise- oder Ausreisepapieren und Transit-Visa. Das ist also gar nicht so abstrakt, eher sehr konkret. Szenisch lösen wir das vor allem über Rhythmuswechsel und Brüche. Außerdem suchen wir viel nach natürlichen Impulsen. Also: Wenn ich einen Text so oft hintereinander spreche, dass ich als Spielerin wirklich außer Atem gerate, erzählt das dem Zuschauer etwas über die Situation, was ich so vielleicht gar nicht hätte spielen können. Im besten Fall berührt das.

Kafkaesk?

Ja, man wartet an einem Ort, aber kommt nicht weg. Soll aber weg. Man wartet auf einem Amt auf Papiere und bekommt sie nicht. Dieser bürokratische Wahnsinn, die Verzweiflung, die Angst, die Hoffnung, die Langeweile. Das ewige, sinnlose Warten.

Sie selbst bleiben aber immer in der Rolle der jungen Marie?

Nicht immer. Jeder hat einen unterschiedlichen Erzählstrang: Moritz Kienemann ist Seidler, der hauptsächlich durch die Geschichte führt. Ahmad Mesgarha springt zwischen vielen Figuren hin und her. Ich bin sowohl Marie als auch Anna Seghers. So zeigen wir auch die biografischen Parallelen, die im Roman verankert sind, wobei die Erzählstränge immer wieder zusammengeführt werden. Aber es ist nicht so, dass jetzt ich Anna Seghers spiele, ich leihe ihr nur meine Stimme.

Hat sie die Beschäftigung damit gefesselt?

Ja, sehr. Was sie mit „Transit“ aufgeschrieben hat, ist überwältigend. Nicht nur wegen der sehr heutigen Flüchtlingsproblematik. Dem muss man gerecht werden, indem man es gut erzählt.

Startschuss der Schauspielkarriere mit 15 Jahren

Zu Ihnen: Sie sind jetzt nach der Rückkehr nach Dresden in drei Rollen gleichzeitig, bald in vier. Wer sind Sie zwischendurch?

Na, ich selbst, hoffentlich.

Wenn das „ich selbst“ beschreiben müssten ...

Ich versuche, sehr offen und ein bisschen selbstironisch zu sein. Bin lebensbejahend, manchmal zu sensibel. Aber ich bin auch ehrgeizig und habe viel Spaß an dem, was ich mache. Manchmal hätte ich gern die Fähigkeit, mich besser zu schützen – zum Beispiel vor Dingen, die mich aus der Bahn werfen.

Ihr Weg in dieses Theater ist bislang neu ...

Naja, aber mein Großvater Peter Hölzel war hier im Schauspielhaus schon Schauspieler – von 1971 bis 1990, vorher am TJG und in Zittau. Leider habe ich ihn nicht mehr kennenlernen können. Es klingt zwar klischeehaft, aber ich wollte dann auch Schauspielerin werden, spätestens ab Zehn. Ich hatte das Gefühl: Ich darf in diese Fußstapfen treten, war schon früh hier sehr viel Theater gucken, habe parallel an den Landesbühnen im Jugendclub gespielt. Und dann kamen 2009 „Die Nibelungen“ …

Die allererste Bürgerbühnen-Produktion 2009 unter Winfried Schulz – Sie waren 15 und starteten mit Kriemhild?

Genau, das war die allererste richtige Theatererfahrung unter professionellen Bedingungen, wo ich dachte: Wow, so kann es gehen.

Ihre Eltern haben nicht abgeraten?

Niemals! Sie haben mich immer total unterstützt. Doch wir sind keine reine Künstlerfamilie: Meine Mutter arbeitet als Betreuerin für geistig Behinderte, mein Vater ist als Monteur immer in der Weltgeschichte unterwegs, mein Bruder hat auch sehr viel gespielt, ist dann Erzieher geworden.

Leipziger Studium, Dresdner Schauspielstudio, zwei Jahre Schauspiel Essen – und nun mit 25 wieder hier auf Ihrer Traumbühne. Das ist schon recht stringent?

Das stimmt. Als Warja in Tschechows „Kirschgarten“ auf der großen Bühne – das war der Punkt, wo ich sagte: erstes Ziel erfüllt. Aber Traum ist vielleicht als Wort dafür zu groß. Der Umweg über Essen war auch gut und wichtig für mich, ich habe dort einen Sprung gemacht und weiß nun besser, was ich will und kann.

Film und Fernsehen oder die Bühne?

Eigentlich warten doch auch Film und Fernsehen?

Mache ich wahnsinnig gerne. Aber es ist nicht leicht, das mit einem Festengagement zu vereinbaren. Es ist die große Crux der Entscheidung: Film oder Theater. Es wäre schön, wenn beides ginge, aber man braucht für Film halt vor allem: Zeit. Wie es da weitergeht, wird man sehen.

Was unterscheidet die Filmarbeit von der auf der Bühne?

Film ist ganz anders. Man muss sofort da sein, kann sich nicht wirklich reinspielen, man ist viel näher dran, muss feiner sein. Kleine Dinge haben da eine große Wirkung. Und es gibt keine direkte Rückmeldung vom Publikum.

Werden Sie denn schon auf der Straße angesprochen?

Tatsächlich schon einmal: nach dem Dresdner Tatort „Déjà-vu“, wo ich eine kleine Rolle spielte.

2009 Start an der Bürgerbühne, 2019 erste Hauptrolle am Staatsschauspiel – was könnte 2029 sein?

Mit 35? Vielleicht ja ein Kind? (lacht). Ich könnte mir vorstellen, auch im Film angekommen zu sein. Dabei geht es nicht darum, berühmt zu sein, sondern um ein Zutrauen in meine Fähigkeiten. Aber auch am Theater hoffe ich auf interessante Stoffe und Rollen. Ich würde damit gern in die Stadt strahlen, damit man ins Gespräch kommt und man viele Leute für Theater interessiert. Es geht mir eigentlich um Begegnungen mit Menschen und vielen verschiedenen Rollen.

Was wären denn Ihre Traumrollen?

Shakespeares Julia oder Wildes Salome würde ich wahnsinnig gern spielen. Aber auch neue, moderne Frauenrollen, die noch nicht oder dann für mich geschrieben sind? Vielleicht aber auch Regie – ich habe in Essen einen Jugendclub geleitet, das hat echt Spaß gemacht.

Zurück zur heutigen Premiere: Wenn Anna Seghers den Roman heute geschrieben hätte, würde sie ihn sicher nicht „Transit“ nennen. Ihr Vorschlag?

Vielleicht „Wartezimmer“.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Premiere am Freitag im Kleinen Haus 2 ist ausverkauft, weitere Vorstellungen am 12., 23. & 29. November sowie 15. & 28. Dezember.

Von DNN

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