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Regional Mit „Hüttenkäse“ begibt sich die Herkuleskeule auf den Jakobsweg der Selbsterkenntnis
Nachrichten Kultur Regional Mit „Hüttenkäse“ begibt sich die Herkuleskeule auf den Jakobsweg der Selbsterkenntnis
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16:17 29.06.2019
Szenenbild aus "Hüttenkäse" an der Dresdner Herkuleskeule Quelle: Robert Jentzsch
Dresden

Irgendwo am Ende eines Pilgerweges wartet Gott oder was man dafür hält. Im Zeitalter der Selbstvergöttlichung ist es wohl das Ego, das wahre Ich hinter dem gekränkten, das es mit Hilfe ausdauernder Muskelkontraktionen zu finden gilt. Also eine altbewährte und kostensparende Form der Selbsttherapie. Irgendeinen Defekt wird ja wohl jeder noch an sich entdecken können, um bei der Massenbewegung der Hypochonder dazuzugehören.

Manie der Selbstoptimierung

An der seit Jahrzehnten einfach nicht flacher werden wollenden „Herkuleskeule“ nehmen die Texter Michael Frowin und der designierte Keulen-Chef Philipp Schaller gemeinsam mit drei glänzenden Spielern und zwei Musikanten die Pilgersucht zum Rahmen für das neueste Programm „Hüttenkäse“. Eine Woche lang gab es schon Voraufführungen, am Donnerstag kam endlich die offizielle Premiere. Drei Regentage oder zwei Spielstunden lang bleiben ein Jungpfarrer mit Pastoralkomplex, eine ausklinkungsbedürftige bindungsunfähige Lehrerin und ein geradeausgestrickter Proletarier mit Direktantrieb in einer Schutzhütte auf dem Jakobsweg eingesperrt.

Der Anlass dieser stylischen Selbstzumutung auf der Wandertour wird natürlich glossiert, die Manie der Selbstoptimierung, des Self-Design, die Selbstüberwachung per Self-Tracking. Aber mit den eingestreuten zahlreichen Arabesken gerät das dichte und temporeiche Programm auch zu einer Nabelschau auf den durchgeknallten Geisteszustand der gesamten überzivilisierten westlichen Welt.

Eine Therapie wird selbstredend nicht angeboten, das wäre billiger Agitprop, aber eine gnadenlose Diagnose. Man liegt dazu nicht auf der Couch, sondern auf einem zittrigen Doppelstockbett in der Hütte mit verkästen Socken eben. Naja, der Herr Pfarrer Lars versucht es schon mit Freundschaftskullern und Selbsterforschungsübungen, stößt aber bei Dirk, von Beruf Spulenwickler, auf sächsische Dickfälligkeit und bei Lehrerin Marion auf Abwehrfeuer ob des Angriffs auf ihre Ego-Festung. „Wer willst Du sein?“, insistiert Lars. „Der Dirk“, kommt es von Dirk alias Jürgen Stegmann zurück, der in der Kontinuität der Sachsen-Prototypen an der Keule wie Hans Glauche oder Wolfgang Stumph steht. „Ganz normal“ will er sein und es ein bisschen wie früher haben. Er kann nichts daran ändern, dass seine elektrischen Spulen in Kriegsdrohnen verbaut werden, auch an Asien kann er nichts ändern, aber daran schon, dass Flüchtlinge nebenan in Containern untergebracht werden. Seine Meisterin findet er in Oberlehrerin Marion, die ihn wegen eines verbal unkorrekten „Sorry“ in Grund und Boden rammt. Eine köstliche Nummer von Nancy Spiller.

Wirkte Hannes Sell bei „Traum und Zeit“ noch etwas eingeklemmt zwischen den beiden Schallers, so kann er sich nun als der überambitionierte Gutmensch, aber auch als ätzender Beobachter in „Hüttenkäse“ voll entfalten. Was aufgegabelt unters Messer kommt, stinkt zwar, ist indessen gar kein Käse. Zu den geschickt eingeflochtenen Nummern zählt beispielsweise die treffliche Schilderung der einsetzenden Rituale und Reflexe von Nazis und Antifa, wenn 22 Flüchtlinge in das gar nicht so fiktive 254-Seelen-Dorf Bohnsdorf-Kaulquapp kommen, das im Chemnitzer Kabarett schon eine Rolle spielte. Die Ankömmlinge erbarmen sich des überalterten Ortes, in dem „der letzte Eisprung 1997 stattfand“.

Es geht um die Verschiebung von Perspektiven

Meistens wird es tiefgründiger, kommen große Themen. Besonders in den Couplets und Liedern, mit Verve vom bewährten Duo Jens Wagner und Volker Fiebig nicht nur begleitet, sondern mit vorgetragen. Neben der Selbstsuche geht es um Angst und Krisenpanik, dieses in ganz Europa umgehende Gespenst, um die ängstlichen und depressionsverliebten Deutschen sowieso, um die „sozialen Abwärtsvergleiche“ mit den noch schlechter Gestellten. „Keiner will verzichten, wieso ich?“ wird am Schluss gefragt. Es geht um die Verschiebung von Perspektiven. „Jeder kriminelle Flüchtling löst mehr Empörung aus als kriminelle Unternehmen“, heißt es unter Szenenbeifall. Eine Verschiebung, die von unserer emotionalen Beeinflussbarkeit an Stelle realer Fakten begünstigt wird.

Träume schimmern auf, die durchaus etwas mit Selbstfindung, mit dem „Weg der Erleuchtung“ zu tun haben. „Das reine Sein“ in einer Haben-Welt gelte es anzustreben, ein Leben ohne Promi-Dinner, aber mit Liebe beim „G20-Punkt-Treffen“, mit Wölfen, die den verlassenen BER-Großflughafen erobern. Der Therapiebedarf sänke auf nahe Null, der Jakobsweg wildert zu. Manchmal staunt man, wie die Vielzahl der subtil miteinander verwobenen, dennoch weit gefächerten Themen zu einem runden Hüttenabend verwoben werden.

Regisseur und Schauspieler Mario Grünewald hat es gut hinbekommen, ohne Holperstrecken auf dem Jakobsweg zu bleiben. Ohne Replik auf gängige DDR-Lieder bis hin zu den ehrenwerten „Moorsoldaten“ scheint man indessen an der Keule nicht auszukommen, halb Köder, halb Parodie. Das Eingangslied „Wir werden fliegen“ hätte auch ganz gut zum Finale gepasst.

Etwas längeren Premierenbeifall hätte der „Hüttenkäse“ verdient, aber vielleicht fühlten sich manche auch zu sehr getroffen.

nächste Aufführungen: 3. Juli, 5. Juli, 6. Juli, 9. bis 13. Juli, 16. bis 20. Juli, Herkuleskeule Dresden im Kulturpalast

www.herkuleskeule.de

Von Michael Bartsch

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