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Regional Messermord im Gegenlicht - „Die zwölf Geschworenen“ im Chemnitzer Schauspiel
Nachrichten Kultur Regional Messermord im Gegenlicht - „Die zwölf Geschworenen“ im Chemnitzer Schauspiel
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16:16 26.09.2019
Einer der Geschworenen (Marko Dyrlich, Mitte) muss auch vor sich selbst geschützt werden. Quelle: Dieter Wuschanski
Dresden

Eigentlich ist alles klar nach der sechstägigen Verhandlung, 1954 erstmals in den USA als „Twelve Angry Men“ als Fernsehspiel von Reginald Rose zu sehen: Der 19-jährige Sohn, als Halbwaise von seinem Vater oft geschlagen, schreit zehn Minuten nach Mitternacht diesen nach zwei eingesteckten Faustschlägen an: „Ich bringe Dich um!“ Ein Nachbar darunter hört das und sieht ihn danach im Hausflur flüchten.

Eine andere Nachbarin, gegenüber der Hochbahn wohnend, sieht die Tat, von der Bahn geweckt, durch das Fenster jener vorbeirasenden Bahn. Auch so ein Messer, wie die Tatwaffe in der Brust des Opfers, besaß der Beschuldigte bis kurz vor der Tat.

Ein Schuldspruch bedeutet den Tod

Nun, so die gesamte Handlung, sind „Die zwölf Geschworenen“, als bunt gemischte Jury aus der Bürgerschaft rekrutiert, solange unter sich eingeschlossen, bis sie ein einstimmiges Urteil gefällt haben. Gelingt ihnen das nicht, sind andere dran. Jeder ist frei in seiner Entscheidung, sie muss nicht extern begründet werden. Ein Schuldspruch bedeutet generell: Todesstrafe für den Täter.

Dies scheint aufgrund der Faktenlage nach fünf Minuten bei der ersten Schauspielpremiere der neuen Spielzeit im Chemnitzer Schauspielhaus höchstwahrscheinlich, wäre da nicht die Sehnsucht nach abendfüllendem Drama im Publikum – und Dirk Glodde als Geschworener Nummer 8 ein Architekt mit logischen Zweifeln am halbrunden Tisch. Denn es gibt unter Philosophen nur zwei logische Gründe gegen dieses Ende: einerseits die Möglichkeit des irreversiblen Irrtums, andererseits die Schuld, damit den Henker zum Mörder zu machen. Aber genau die haben es in sich.

Und so liegt laut Rose kein Hase im Pfeffer, sondern das Messer an der Kehle. Selbst mangels Geschworenengerichten und der elektrisierenden Dramatisierung durch den Stuhl als Erlösung vor dem (oder den) Bösen wurde das Gerichtsdrama in drei Akten rasch auch im plötzlich henkerfreien Nachkriegsdeutschland zum Renner: Die erste US-Kinoverfilmung mit Drehbuchmitarbeit des Autors gewann 1957 den Berliner Goldbären, der ZDF-Fernsehfilm von 1963 in Regie von Günter Gräwert und mit zwölf Männerrollen besetzt, wurde schon wie die heutige Theaterfassung von Horst Budjuhn übersetzt.

Spiegel des Gesellschaftszustandes

Die erste von etlichen Abstimmungen, von Nr. 1 als Obmann René Schmidt immer wieder stoisch angesetzt und als Test gedacht, endet also 11:1. Nun erläutern alle ihre Sicht – und die Zweifel mehren sich: Der erste Zeuge ist alt und hinkt, das Fenster war offen, der Bahnlärm höllisch, die Dame gegenüber schläft mit Brille? Auch das (hier verbotene) Einhandmesser gibt es überall zu kaufen – und es finden sich darauf keine Spuren.

Hätte es der Junge als Täter mit nur 167 Zentimeter Körpergröße (der Vater maß 1,85 Meter) wirklich von oben gestochen? Und es nicht nur cool abgewischt, sondern ganz mitgenommen – und wäre nicht so rasch wiedergekommen?

Von oben gestochen? Tatrekonstruktion zwischen den beiden Geschworenen Nr. 3 und 8, die am meisten wie wenigsten zweifeln. Quelle: Dieter Wuschanski

Das ganze Gremium wirkt anfangs im Spektrum wie in der legeren Haltung zum Sujet eher wie ein Ortsbeirat. Doch es offenbart sich bald über die Charaktere der Geschworenen der Zustand der Gesellschaft. Über Argumente und auch gewisse Sympathien festigen sich Fronten, die reine Logik hat es aber anfangs sichtlich schwer.

Schauspieldirektor Carsten Knödler zeichnet dabei sichtlich Typen, aber gönnt auch den vermeintlich Schwächeren beeindruckende Monologe, meist in Zweifel oder Streit – so sehr sensibel von Andreas Manz-Kozár als Nr. 2 vorgetragen. Mit Susanne Stein, Christine Gabsch und Andrea Zwicky besetzt er zudem drei kluge Figuren mit Frauen, während Christian Ruth und Wolfgang Adam furios die gesellschaftlichen Widerparts geben und Alexander Ganz als Werbetexter ein solides Debüt gelingt.

Stück zur Lage von Stadt wie Nation

Als Bühnenbildner hat Frank Hänig wieder eine neue Idee, die der „Chemnitzer Ecke“, einer baulichen Asymmetrie auf der rechten Bühnenseite, gerecht wird. Dort ist der Waschraum, mit Glasfliesen vom halbrunden Verhandlungsraum abgetrennt. Dessen Form wird aufgenommen von den drei zusammengesetzten Holztischen, die gemeinsam sowohl dem Ort als auch dem Zitronenhalbmond draußen in der letzten Sommernacht des Jahres huldigen, während die vierte Wand zum Zuschauerraum oft spielerisch als jenes von Rose erwähnte Fenster in die Ferne der Außenwelt genutzt wird.

Das alles bleibt weitestgehend zeitlos, während die Kostüme von Teresa Monfared absolute Heutigkeit widerspiegeln und, so man es gedanklich zulässt und ob der Wortspannung schafft, durchaus die Charaktere unterstreichen.

Wie schon mit Ibsens „Ein Volksfeind“ vor viereinhalb Jahren und „Adams Äpfel“ im jüngsten Mai hebt der Schauspieldirektor geschickt einen weiteren Klassiker als Stück zur Lage von Stadt wie Nation in den Spielplan, der es nicht nötig hat, plakativ mit dem Rohrzeigestock zu agieren und dem unterkomplexen Zeitgeist der lauten Ränder zu huldigen. Das hiesige Publikum, mit genügend Hirn zwischen den Ohren und der Ambivalenz öffentlicher Wahrnehmung nach demMessertotschlag beim Stadtfest in Erinnerung wie Knochen, weiß es zu würdigen: Bei der nach kurzer Schockstille lautstark gefeierten Premiere war außerdem eine außergewöhnlich hohe Intendantendichte zu beobachten.

Allesamt sahen eine runde Ensembleleistung, wobei neben Glodde, Adam, Ruth sowie den drei Damen auch Marko Dyrlich mit körperlicher Präsenz und sprachlicher Genauigkeit selbst im Exzesszustand hervorsticht. Der Bautzener des Jahrgangs 1975 spielt als Gast den Geschworenen Nr. 3, also den letzten und damit maßgeblichen Aufrechten, der aufgrund seiner harten Haltung erst beim Schlussmonolog Rührung hervorruft – das aber final restlos überzeugend.

nächste Aufführungen: 27. September, 5. & 30. Oktober, 28. November, 7. Dezember

www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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