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Regional Seethalers „Das Feld“ auf dem Theaterkahn in Dresden
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11:15 25.02.2020
Friedrich-Wilhelm Junge präsentiert die Beiträge der verstorbenen Bewohner als szenische Lesung. Quelle: Carsten Nüssler
Dresden

Am Ende bleibt bei aller Melancholie so etwas wie ein Aufruf zur Lebensfreude, ein Appell, das Dasein zu genießen. Ausgerufen von den Toten, den lange schon Toten, beerdigt im alten Teil des Friedhofs der „unbedeutenden Kleinstadt“ Paulstadt. Im Innern des Dresdner Theaterkahns kann man ihnen nun zuhören, gemeinsam mit dem Mann, der „fast täglich“ kommt und sich „auf eine morsche Holzbank unter einer krummgewachsenen Birke“ setzt.

Herrlich lakonische Sprache

Auf der Bühne des Theaterkahns ist dieser Mann Friedrich-Wilhelm Junge, seines Zeichens Gründer des kleinen, außergewöhnlichen Theaters. Er präsentiert uns auch die Beiträge der verstorbenen Bewohner Paulstadts als szenische Lesung. Als großartige Darbietung, bei der jene Menschen allein durch Junges Betonung, Mimik und Gestik lebendig werden.

Vor eineinhalb Jahren erschien „Das Feld“ von Robert Seethaler, schnell wurde es, wie auch seine vorangegangenen Romane „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“, zum Bestseller. Zu einem Beispiel auch, wie man ohne jede Übertreibung, mit einer herrlich lakonischen Sprache und genauer Figurenzeichnung dafür sorgen kann, dass das ganze Leben in kleinen Mosaiksteinchen aufscheint, wie Friedrich-Wilhelm Junge es in seinem Grußwort anlässlich der Premiere sagte.

Mathias Bräutigam am Cello und Michael Fuchs am Klavier zeichnen für die Musikeinspielungen (vom Band) verantwortlich; die getragenen Stücke von Gabriel Fauré, Richard Strauss und Michael Fuchs passen gut zu der kontemplativen Atmosphäre des Ortes.

Carsten Nüssler hat die Bühne prägnant eingerichtet, von ihm sind auch die eindrucksvollen Schwarz-weiß-Fotos, die jeweils passend zu den präsentierten Paulstädtern an die rückwärtige Wand sowie an seitlich begrenzende Lamellen projiziert werden. So sitzt Junge mal auf schlichten Steinquadern, mal auf eben jener Holzbank, auf dem Boden liegen ein paar Herbstblätter, und auf den ersten Fotos sehen wir einen Wald. Der uns zu Herm Leydicke führt, der in einer engen Beziehung zu dem Besucher gestanden haben muss, oder auch nur zu dessen Mutter. Sein Ratschlag zum Schluss lautet: „Sag: Ich liebe dich.“ Er, der Liebhaber vieler Frauen, habe das nie getan, und es schmerze ihn bis heute. Fast noch dringlicher, noch wichtiger: „Es ist nicht dein Krieg!“ Was auch immer erzählt würde, welche Argumente vorgebracht – „Es ist nicht dein Krieg!“

Die zweite Figur, die sich uns vorstellt, ist der ehemalige, langjährige (29 Jahre!) Bürgermeister Paulstadts, dessen Ansprache zwischen trockenem Humor und Selbstgefälligkeit changiert, dem Fotos von Baukonstruktionen und Straßen zugeordnet sind. Leser des Romans wissen, was in dieser szenischen Darbietung nicht genannt wird: dass eines der ehrgeizigen Bauprojekte dieses Heiner Joseph Landmann Schuld am Tod dreier Mitbürger war. Landmann rettet sich in das teilweise Zugeben von Fehlern und die Behauptung: „Ich war einer von euch.“

„Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt“

Nach der Pause ist es Zeit für die Frauen: Für Martha Avenieu drapiert Junge elegante Damenschuhe auf den Steinquadern. Die junge Frau war „nicht wie die anderen Mädchen“, sie schrieb Briefe an ausgedachte Männer und auch einen Roman, verbrannte aber sämtliche Seiten. Sie bleibt ambitioniert, auch als sie ihre große Liebe kennenlernt, Robert, der so ganz anders ist als sie. „Wir waren so unterschiedlich, wir gehörten zusammen.“ Hätten sie bei allen Problemen glücklich zusammen alt werden können? Martha, die unbedingt „etwas aus unserem Leben machen“ wollte, und Robert, der immer Bedenken hatte, allzu genügsam war, „so kleine Hände“ hatte? Es war ihnen nicht vergönnt, das herauszufinden.

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Ein schönes, verschossen-edles Schultertuch segelt auf den Friedhofs-Bühnenboden und leitet den Beitrag Annelie Lorbeers ein. Die „elegante Dame“ lebte 105 Jahre. Der Preis dafür: Einsamkeit. Nüsslers Fotos zu diesem Part zeigen uns die zerfurchten Rinden der Baumstämme, und sie geben Annelie Lorbeer durchaus etwas von der Würde, ohne die „der Mensch ein Nichts“ ist. Die alte Dame ist auch im Grab noch vergesslich, sie hat einen feinen Witz, sie leitet in gewisser Weise zurück zu den einführenden Worten des Besuchers, der feststellte, dass „die wenigsten alten Menschen weise sind. Die meisten sind einfach nur alt.“

Seine Bedenken allerdings, (auch) die Toten würden vielleicht nur über Belanglosigkeiten reden, über ihre Krankheiten lamentieren, sie hat sich nicht bewahrheitet. Sie haben uns etwas zu sagen, die Toten dieser Kleinstadt, die Toten, die da selbstbewusst verkünden: „Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

weitere Termine: 1. März, 17 Uhr, 10. April, 20 Uhr, Theaterkahn

www.theaterkahn.de

Von Beate Baum

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