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Regional Künstlerort Ahrenshoop löscht wichtige Spur einer Ausnahmekünstlerin
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15:09 12.11.2019
Das vom Abriss bedrohte Haus von Gertrud Kleinhempel in Ahrenshoop – das 200 Jahre alte Büdnerhaus soll zwei neuen Ferienhäusern weichen. Quelle: SKD
Dresden/Ahrenshoop

Da steht er nun in Pillnitz, dieser honigfarbene Holzschrank, schlicht, schnörkellos, praktisch, selbst die Griffe sind auf das Wesentliche reduziert. Ein Schrank ist ein Schrank ist ein Schrank. Dieser hier ist ein echter Schatz. Er erzählt von dem Beginn einer neuen Zeit in der Möbelindustrie, von einfachen und dennoch formschönen Schränken, Tischen, Stühlen für eine breite Bevölkerungsschicht.

Eine der wichtigsten Akteurinnen der Kunstgewerbebewegung

Entworfen hat ihn 1906 die gebürtige Leipzigerin Gertrud Kleinhempel – für die Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst von Karl-Schmidt-Hellerau. „Sie muss eine unglaubliche Frau gewesen sein“, meint Klara Nemeckova vom Kunstgewerbemuseum Dresden. Was Gertrud Kleinhempel alles in ihrer Zeit geschafft hat, das sei beeindruckend. Das könne man allein schon an diesem einen Schrank sehen. Und das Museum besitze mehrere Möbelstücke von ihr. „Das Besondere aber ist, dass sie als Frau zu dieser Zeit Möbel entwirft, dreidimensionale Objekte“, sagt sie weiter. Das sei eine Rarität gewesen, Frauen sollten sticken, häkeln, zeichnen. Aber Möbel entwerfen?

1906 hat Gertrud Kleinhempel den Schrank entworfen, Quelle: SKD

Ab 1898 wirkte Gertrud Kleinhempel in Dresden als Möbel-, Schmuck- und Textilgestalterin. Zehn Jahre später ging sie nach Bielefeld an die Handwerker- und Kunstgewerbeschule. 1921 erhielt sie neben Käthe Kollwitz als eine der ersten Frauen eine Professur in Preußen. „Sie war eine der wichtigsten Akteurinnen der Kunstgewerbebewegung, sie stand ihren Kollegen Richard Riemerscheid und Bruno Paul von den Deutschen Werkstätten in Hellerau in nichts nach“, erzählt Klara Nemeckova.

1938, in der Zeit des Nationalsozialismus, suchte die Ausnahmekünstlerin in Ahrenshoop Zuflucht – in einem alten Reetdachhaus aus dem Jahr 1800. Sie wollte sich und ihre Beziehungen mit Frauen schützen. „Sie ahnte, dass sie abtauchen muss, eine wie sie mit ihren Frauenliebesgeschichten wäre damals in jeder Stadt gefährdet gewesen, egal, ob in Bielefeld, München oder Dresden“, sagt die Kunstwissenschaftlerin.

Bis zu ihrem Tod 1948 lebte Gertrud Kleinhempel an der See zurückgezogen. Ihr Haus aber ist eines der wenigen noch erhaltenen Büdnerhäuser in Ahrenshoop. Büdner waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts Bauern mit nur wenig eigenem Landbesitz. Sie siedelten sich in Ahrenshoop an und prägten mit ihren geduckten reetgedeckten Häusern den Charakter des Ortes. Jetzt aber sei der einstige Alterssitz von Gertrude Kleinhempel in Gefahr, erklärt Katharina Klünder vom Förderkreis Ahrenshoop. „Das Haus soll in den nächsten Monaten abgerissen werden“, sagt sie und weiter: „Natürlich verspricht sich der Investor davon den meisten Profit. Statt eines alten Hauses setzt er nun zwei neue Häuser hin. Das ist einfach die wirtschaftlichste Variante. Aber es ist eine Katastrophe für den Ort.“

Fassungslosigkeit in Dresden

Viele Künstlerhäuser seien bereits zugunsten gesichtloser Ferienwohnungsbauten abgerissen worden. Haus für Haus verliere der Künstlerort so seine Identität und Attraktivität, meint Katharina Klünder.

Die Gemeindevertretung scheint dies anders zu sehen, sie hat den Abriss des Hauses von Gertrud Kleinhempel bereits genehmigt, auch weil das Haus nicht unter Denkmalschutz steht. Ein Unding, meint Katharina Klünder, nur weil zu wenige Ahrenshooper und gleich gar nicht die Landesdenkmalpflege in Schwerin die Künstlerin kennen würden, reiße man ein über 200 Jahre ordentlich erhaltenes Haus ab. Und das, obwohl ein gerichtlich vereidigter Denkmalschutzgutachter in einem Gutachten das Objekt als Denkmal identifiziert und als unbedingt schutzwürdig eingestuft habe.

In Dresden ist man fassungslos. Die Kunstwissenschaftlerin Kerstin Stöver steht gemeinsam mit Klara Nemeckova vor dem zeitlos modernen Holzschrank im Wasserpalais in Pillnitz und sagt: „Wir konnten gerade mit Hilfe eines Stifters den Nachlass von Gertrud Kleinhempel erwerben, 2400 Zeichnungen! Die werden jetzt von der Sächsischen Landesbibliothek komplett digital aufbereitet. Und in Ahrenshoop soll ihr Wohnhaus verschwinden!“

Sie erzählt von der großen Mühe, mit der alle beteiligten Wissenschaftler im letzten Jahr die Ausstellung „Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1898 bis 1938“ gestemmt hätten. „Wir haben um jedes einzelne neue Detail aus dem Leben dieser Designerinnen gekämpft. Auch um das Werk von Gertrud Kleinhempel. Und nun soll wieder eine wichtige Spur gelöscht werden, das darf doch einfach nicht wahr sein“, sagt sie.

Porträt von Gertrud Kleinhempel Quelle: SKD

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben sich nun mit einem Brief an die Landesdenkmalpflege in Schwerin gewandt. Mit dem Abriss des Wohnhauses der Sächsin verliere Ahrenshoop ein unwiederbringlich wertvolles kultur- und baugeschichtliches Denkmal. „Das ist doch ein riesiger Verlust für den beliebten Ferienort“, meint Kerstin Stöver. Die Kunstwissenschaftlerin stellt sich immer wieder diese eine Frage: „Wieso sind die Ahrenshooper nicht schon viel eher aktiv geworden?“

Vielleicht weil sie nicht den honigfarbenen Schrank in Pillnitz kennen und die faszinierenden Entwurfsskizzen, weil sie all das nicht mit eigenen Augen gesehen haben.

Von Adina Rieckmann

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