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Regional Klipphausen ehrt den Dichter Wulf Kirsten – mit einem Wanderweg
Nachrichten Kultur Regional Klipphausen ehrt den Dichter Wulf Kirsten – mit einem Wanderweg
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09:46 10.08.2019
Wulf Kirsten signierte nach der feierlichen Eröffnung des Wanderwegs im Schloss Klipphausen Bücher für seine Leser. Quelle: Tomas Gärtner
Klipphausen

In dem programmatischen Gedicht „sieben sätze über meine dörfer“ hat Wulf Kirsten 1965 auf berührende Weise ausgesprochen, wie tief verwurzelt er in seiner Herkunftsregion ist; mit den hart arbeitenden Menschen, die dort, über den linkselbischen Tälern die „erde bei Meißen“ bestellen, mit der geologischen Struktur zwischen Constappel und Siebenlehn. Mit Hundskamille und Gundermann von hier garnierte er seine Verse. Als Dichter mit unglaublicher Wortfülle seinen Mitbewohnern turmhoch überlegen, begreift er sich dennoch als „armer / karsthänse nachfahr“, ihnen aufs engste verbandelt, „mit meinesgleichen / ein herz und eine seele“.

Anspruchsvolle Lyrik braucht das Innehalten

Noch in „erdanziehung“, dem jüngsten Gedichtband des 85-Jährigen, stoßen wir mehrfach auf Erinnerungen an die Kindheit, an „völkerball auf dem schulhof / zu Sachsdorf an der Wilden Sau“. Die Gegend, die seine poetische Imagination nährt und diesem Dichter zu seiner Einzigartigkeit verholfen hat, können wir jetzt entlang seiner Verse durchwandern. Das eingangs erwähnte Gedicht haben die Initiatoren vom Thüringer Literaturrat – seit 1965 lebt Wulf Kirsten in Weimar – der Route als Titel gegeben. Etwa sieben Kilometer lang ist sie. Man sollte großzügig kalkulieren, es geht hügelauf und talab. Dazu ist ausreichend Zeit für das Lesen der Gedichte einzurechnen. Anspruchsvolle Lyrik wie diese braucht das Innehalten.

Start und Ziel ist der Steinbruch, zugleich Wanderparkplatz vor dem Schloss Klipphausen, am nördlichen Ende der Hühndorfer Straße. Nach einem Abstecher zur alten Schule in Sachsdorf geht es durch den Schlosspark zum Geburtshaus des Dichters, ein Stück zurück und dann auf der Straße Im Winkel hinunter zum Mühlgraben ins Tal der Wilden Sau an Lehmannmühle, Schlossmühle, Neudeckmühle vorbei hinauf Richtung Röhrsdorf. Dort macht man kehrt, nimmt dann den 2016 wieder eröffneten Kirchenweg zurück nach Klipphausen.

Erste Wanderer an einer der Tafeln mit dem Gedicht "legende" vor dem Geburtshaus von Wulf Kirsten Quelle: Tomas Gärtner

Die Elbhöhen zwischen Dresden und Meißen, erklärt uns Wulf Kirsten in seinem Essay „Gehügelter Landstrich“ auf der großen Informationstafel am Steinbruch, bilden jenen Landschaftskorpus, der seine Bildwelt aufbaute.

„Je ferner der Fuß dem Gelände, desto eindringlicher ging die Landschaft, die mir als mein bescheidenes, aber überschaubares Weltmaß zugemessen worden war, dann in Sprache auf.“ Ein Foto von 1940 zeigt die Mutter mit vier der fünf Kinder. Das Kerlchen in Lederhosen rechts, der Älteste, ist er.

Der Effekt, den wir als Gedichte lesende Wanderer erleben können: Ein Fleck, an dem man achtlos vorübergegangen wäre, bekommt Bedeutung. Die Verszeilen in Kleinschreibung, die man am besten laut vorträgt, um das Spiel mit Worten, Vokalen und Konsonanten darin klingen zu lassen, bauen Bilder vor unserem inneren Auge, die sich in das schieben, was wir gerade betrachten. So belebt sich die Stelle.

Landschaft als Teil der Poesie

Vor der ehemaligen Schule in Sachsdorf zum Beispiel setzt man Zeile um Zeile ein „klassenfoto“ zusammen, stellt sich vor, wie diese „urbilder einer ochsentreibenden jugend“ mit „fröbelohren“ ausgesehen haben mögen.

Man sieht sie über das „flußknie“ der Wilden Sau springen, schaut im Schlosspark auf die „versammelte stallbrüderschaft“, sinnt nach, was „kollerbüsche“ und grüne „brackwolle“ sein könnten, sieht die Eltern die „ackerwalze“ aus einer „gestürzten grabsäule“ übers Feld ziehen, hört an der Wilden Sau, wie der bücherhungrige Junge als „schwartenheini“ und „faulpelz“ beschimpft wird und erzürnt dem Dorf den Rücken kehrt. Vor der Neudeckmühle ersteht ein „landgasthof“ wieder auf, in dem „schwalchweise einheimisches bier / in die sanft schwellenden bäuche / der flaschentrompeter“ gluckst. Oben an der Kirschallee auf die evangelische Kirche von Röhrsdorf zu sieht man „Oswin, mann aus dem armenhaus“ Leitern ins Geäst lehnen, bis ihn hoch oben der Tod traf, „Oswin samt leiter / aus dem leben gestürzt“.

Am Abzweig des 2016 wieder angelegten ursprünglichen Kirchwegs breitet sich eine „abendlandschaft“, der Betrachter ruht „unter einem kupfernen wolkensaum“ und lässt „die ackerbreiten unendlich sein“. Und vor Wulf Kirstens Geburtshaus, Neudeckmühlenweg 4, scheint eine einsame alte Frau zu stehen: „jetzt wartet die mutter am tor / die kinder lärmen ihr noch im ohr. // sie haben sich in der welt verlaufen, / keins will sich mehr mit dem andern raufen.“

Wulf-Kirsten-Wanderweg: Stationen & Gedichte

1. Steinbruch Klipphausen: „sieben sätze über meine dörfer“, Erläuterungen, Essay „Gehügelter Landstrich“

2. Alte Schule Sachsdorf: „klassenfoto“

3. Brücke über die Wilde Sau in Sachsdorf: „kniestück“

4. Schlossgarten Klipphausen: „die letzte versammlung der knechte“

5. Schlossgarten Klipphausen: „die ackerwalze“

6. Schlossgarten Klipphausen: „unterirdische landschaft“

7. Schlossgarten Klipphausen: „über die weizenstoppel“

8. Schlossgarten Klipphausen: „fraßbilder“

9. Geburtshaus Wulf Kirsten (Neudeckmühlenweg 4): „legende“

10. Im Winkel: „unvergesslicher augenblick“

11. Mühlgraben: „lebensspuren“

12. Lehmannmühle: „an alter mühle vorbei“

13. An der Wilden Sau: „erdenbürger“

14. Schlossmühle: „selbst“

15. Neudeckmühlenweg: „werktätig“

16. Neudeckmühle: „landgasthof“

17. Saubachtal: „kindheit“

18. Kirchweg (nach Klipphausen): „abendlandschaft“

19. Röhrsdorf: „verlorene sätze“

Wer von Tafel zu Tafel wandernd diese Verse liest, kehrt die Richtung ihrer Entstehung um. Einst fand die Gegend Eingang in die Sprache des Dichters, nun kehrt seine Sprache zurück in die Gegend. „Wo die Gedichte Wulf Kirstens Teil der Landschaft werden, wird die Landschaft als Teil der Poesie ganz greifbar“, sagte Christoph Schmitz-Scholemann, Vorsitzender des Thüringer Literaturrats, zur Eröffnung. Ein Jahr nur haben sie vom ersten Vorschlag bis zur Realisierung gebraucht, nachdem Klipphausens parteiloser Bürgermeister Gerold Mann sein klares „Ja“ dazu sagte.

Der Dresdner Dichter Michael Wüstefeld erlebte bei einer seiner Begegnungen mit Wulf Kirsten, dass der sich entlang der Feldraine besser auskannte als auf den Straßen. So wüsste auch er keine bessere Weise, diesem Dichter eine Referenz zu erweisen, als diese „Flurgänger-Ehrung“ auf Schusters Rappen.

Wulf Kirsten: erdanziehung. S. Fischer. 96 S., 22 Euro

Von Tomas Gärtner

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