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Regional Kleines Haus: Die netten Brandstifter gleich nebenan
Nachrichten Kultur Regional Kleines Haus: Die netten Brandstifter gleich nebenan
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17:38 11.02.2019
Philipp Lux und Philipp Grimm (r.) Quelle: Foto: Sebastian Hoppe
Dresden

Wer lädt größere Schuld auf sich? Wer aus „purer Lust“ Dachböden oder das Weltgeschehen anzünden will oder wer die herannahende Gefahr ignoriert, weil er nicht imstande ist, sich auf sie einzustellen und sich zu verändern? Wer „die Verwandlungen scheut, mehr als das Unheil“? Max Frisch hat diese zeitlose und situationskompatible Frage nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeworfen und als Parabel zu einer Hörspiel- und zwei Bühnenfassungen verarbeitet. Ein Klassiker, der auch als Unterrichtsstoff in Schulen Eingang gefunden hat. Während zur gleichen Zeit beim AfD-Listenparteitag künftige Landtagsabgeordnete gegen höhere Abiturbildung für viel zu viele Kinder wetterten, hatte das Stück am Freitagabend im Kleinen Haus Premiere.

Die zweite Spielzeit der Intendanz Joachim Klements am Staatsschauspiels ist noch deutlicher von der Auseinandersetzung mit eben diesen Brandstiftern und ihren wütenden Claqueuren bestimmt als die erste. Jeder weiß, was gemeint ist, wenn ein solches Stück auf den Spielplan kommt. Gerade deshalb kann Regisseurin Nicola Bremer auf aktuelle plakative oder gar agitatorische Anspielungen völlig verzichten, wie man sonst über Inszenierungen etwa von Volker Lösch oder Hasko Weber nachlesen kann. Nur einige modernisierte Begriffe tauchen auf wie das „Startup“ des erfolgreichen Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann. Erfolgreich? Biedermann und Frau Babette glänzen hier mit einer Glatze und weisen so schon vor dem ersten Satz auf das Groteske dieser Aufführung hin. Ein „Lehrstück ohne Lehre“ nennt Max Frisch seine Arbeit, spricht später aber auch von einer Komödie. An eines der Brechtschen Lehrstücke erinnert die Dresdner Fassung schon, mehr noch an eine Farce.

„Merkt der denn nichts!“

Es scheint völlig selbstverständlich, wie die beiden Ganoven Schmitz und Eisenring Benzin und Zündgerät auf Biedermanns Dachboden einlagern können. „Merkt der denn nichts!“, möchte man aufschreien, oder will der nichts merken? Mit Philipp Lux und Viktor Tremmel bietet das Ensemble zwei seiner besten Komödianten für diese Rollen auf. In einer Mischung aus Charme, Chuzpe und Zynismus tarnen sie, von sich selbst amüsiert, ihre verheerende Absicht. Solchen goldigen Schlitzohren kann man doch nicht etwa böse sein? „Man muss auch ein bisschen Vertrauen haben“, sagt sich und dem Publikum Gottlieb Biedermann. Er ist nicht der heute denunzierte naive Gutmensch, sondern eher der gefährliche Ignorant.

Philipp Grimm gibt sich in dieser Rolle gekünstelt menschenfreundlich, weil er die Konsequenzen seiner Wahrnehmungen scheut. Es ist einfacher, an die domestizierende Wirkung eines gemeinsamen Gänseschmauses zu glauben als Alarm zu schlagen. Der Schauspieler erscheint als der junge „Keep smiling“-Typ, für den die Geschichte vom eigenen Aufstieg konstitutiv ist. Da passt die drohende Gefahr nicht hinein. Auch nicht allzu viel Empathie mit dem ehemaligen Angestellten Knechtling, den seine Entlassung in den Selbstmord trieb. Eine hübsche zeitgeistlose Verfremdung gelingt Regisseurin Bremer mit dem Dienstmädchen Anna. Anna-Katharina Muck erscheint als Alexa auf Beinen oder jedenfalls als eine dieser moralneutralen künstlichen Intelligenzen aus Sci-Fi-Filmen. Eine Sprechpuppe mit eckigen Bewegungen, die auch als Erzählerin oder Ansagerin das Geschehen vorantreibt.

„Sinnlos ist vieles“

Jakob Ripp hat eine kombinierbare Mauer aus Großbausteinen auf die Bühne gesetzt. Ein Symbol für das Domizil, aber auch für die gedankliche Gefangenschaft. Noch kürzer als angekündigt ist der Bühnenspuk nach nur 80 Minuten vorbei. Konsequent wird der Sound scheinbarer Normalität durchgehalten, und gerade diese bedrohliche Heiterkeit wirkt wie ein Menetekel. Der auf wenige Sätze reduzierte Epilog hebt dies nicht auf, wenn Anna „Sinnlos ist vieles“ resümiert. Die surreal getanzten Intermezzi im Scheinwerferrot der Flammen bleiben den Nachweis ihrer Notwendigkeit allerdings schuldig, zumal die Musik nicht eben inspiriert und inspirierend wirkt. Der aufgeschlossene Besucher bekommt mit Fragen in das Publikum Grübelstoff für den Nachhauseweg mit. „Wer glaubt alles, was er sieht?“ Noch dringender ist die Frage nach dem Menschenbild, nach dem Göttlichen in uns oder der „Verderbtheit von Anfang an“ im Sinne der Erbsünde.

Wem das noch nicht genügt, dem sei der Essay von Ulrich Beck 1992 im Programmheft empfohlen. Er verbindet darin die Rolle von 17 Millionen DDR-Asylanten im neuen Westen, den Fremdenhass nach der Wende mit dem Klassiker von Max Frisch.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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