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Kathrin Schmidt: Dresdens neue Stadtschreiberin – eine Corona-Leugnerin?

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15:00 23.06.2021
Kathrin Schmidt
Kathrin Schmidt Quelle: Imrana Kapetanovic / Kiepenheuer & Witsch
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Dresden

Was hatte das für eine literarische Wucht, „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“, dieses Romandebüt von Kathrin Schmidt damals 1998. Welch ein ausgeflipptes Panorama von Geschichte in Geschichten. Welch bewegte und bewegende Prosa, meilenweit jenseits von nüchternem Realismus dahinsegelnd. Die Phantasie zweier Frauen in Thüringen im Jahr 1976 – der Arbeiterin Josepha Schlupfburg und ihrer Urgroßmutter Therese – wird zum Motor. Sie unternehmen Expeditionen zu vergessenen Erinnerungen. Im Raum entrollt sich eine imaginäre Leinwand, auf der sich groteske Szenen einer Familiengeschichte abspielen, die um den Ersten Weltkrieg beginnt und bis Mitte der 1970er Jahre reicht.

Diese kraftvolle Sinnlichkeit des Erzählens. Da duftet, riecht und stinkt es – nach Männerschweiß, „östlicher Uniform“ und Sperma. Da wird gekocht und gegessen, bevorzugt kräftig und traditionell. Die sexuelle Lust wird zur gewaltigen Triebkraft der Ereignisse. Manche treibt sie in den Wahnsinn. Die Frauen besitzen magische Kräfte. Naturgesetze sind aufgehoben. Göttinnen bevölkern das Personal. All dies erzählt in einer etwas altertümelnden Sprache von barocker Überfülle.

Wie deutsche Geschichte Spuren in der Seele hinterlässt

Von diesem Stil ist Kathrin Schmidt mittlerweile abgekommen. Geblieben ist ihr Interesse, das Verdrängte in der deutschen Geschichte literarisch zu gestalten. Nun ist die studierte Psychologin, 1958 im thüringischen Gotha geboren, die heute mit Mann und fünf Kindern in Berlin-Mahlsdorf lebt, als diesjährige Stadtschreiberin für sechs Monate nach Dresden gekommen.

Was sie uns zeigt, sind weniger die Ereignisse deutscher Geschichte, sondern wie sie Lebenswege prägt, welche Spuren sie in den Seelen hinterlässt. Der Roman „Koenigs Kinder“ (2002) fügt etwa ein Dutzend Lebensgeschichten in Berlin-Lichtenhagen zu einem kunstvollen Puzzle zusammen. Auslöser ist das Verschwinden eines Mädchens, Kind russlanddeutscher Spätaussiedler, das mit durchschnittener und wieder zugenähter Kehle gefunden wird. Die Autorin konfrontiert uns mit den Nachtseiten der jüngsten deutschen Geschichte, wie eine Rezensentin schrieb.

In „Seebachs schwarze Katzen“ (2005) verstrickt sich ein verheirateter Mann im Auftrag der DDR-Staatssicherheit in eine unsaubere Geschichte. Er schläft mit vielen Frauen, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und die an den Geheimdienst zu geben. Eine Psychologiestudentin, die seiner Frau sehr ähnelt, wird zu seiner Geliebten. 1990 offenbaren Akten das alles. Die Ehe zerbricht. Die Erkenntnis seiner Schuld am Verrat kommt zu spät. Der „Fettvettel Zeit“ kann er nicht entrinnen; die Vergangenheit stürzt ihn in Verwirrtheit.

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Der Roman „Kapoks Schwestern“ (2016) beginnt in einer Kleingartenkolonie in Berlin-Treptow und erzählt von einer jüdischen Familie in der DDR. Eine weit verzweigte Geschichte tut sich auf, die aber nicht chronologisch geordnet ist, sondern zwischen den Zeiten springt. Präzise schildert sie die Befangenheit im Umgang mit dem Jüdischen in der DDR, die ihre Ursache in der Verdrängung der Vergangenheit hat. In der Erzählsprache fällt einem der beträchtliche Unterschied zum wilden Stil ihres Romandebüts hier sehr deutlich auf.

Dazwischen liegt der Roman „Du stirbst nicht“, 2009 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Der lässt uns die Perspektive einer Betroffenen einnehmen. Eine Frau, Helene Wesendahl, Schriftstellerin, hat nach einer Blutung im Hirn das für sie Existenzielle verloren: die Sprache. Alles muss sie mühsam wieder erlernen, sich neu über sich selbst und ihre Umgebung klar werden. Gebannt verfolgt man diese Rückkehr ins Leben: die ersten Wahrnehmungen, Träume, Ängste, das Gefühl von Ausgeliefertsein und Verunsicherung. „Im Kopf formt sich doch vor, was sie sagen möchte. Aber es kommt nicht aus dem Mund heraus.“

Das ist Kathrin Schmidt selbst widerfahren. Aber es ist dank ihrer literarischen Gestaltungskraft kein therapeutischer Erfahrungsbericht geworden, sondern weit mehr: Ein Buch, das uns unter anderem die grundlegende Frage stellt, wie wir ein Bild von uns selbst gewinnen und welch entscheidende Rolle Sprache dabei spielt.

Das Böse im Guten

Nach diesem schweren Einschnitt beschränkte sich Kathrin Schmidt zunächst auf die kürzere Form. Ein Band mit 31 Erzählungen erschien 2011 unter dem Titel „Finito. Schwamm drüber“. Tragisches und Komisches vermischen sich da. Gegensätze zu zeigen, habe sie sich schon sehr früh zum Prinzip gemacht, hat sie einmal in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt. „Ich versuche ja, das Böse im Guten zu zeigen und das Gute im Bösen, das Lachen im Weinen und das Weinen im Lachen.“

Welch großartige Sprachkünstlerin hier am Werk ist, können wir erst recht ermessen, wenn wir ihre Gedichte lesen. Hier überrascht sie uns mit einem Reichtum an Bildern, Assoziationen und sprachlichen Neuschöpfungen.

Als Lyrikerin hatte sie einst begonnen. Schon die 15-Jährige fiel in der „Poetenbewegung“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) als außerordentliche Begabung auf. In ihren ersten Lyrikbänden – „Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik“ (1987) und „Flußbild mit Engel“ (1995) – sei Sprache Ausdrucksmittel für sie gewesen, sagte sie in einem Gespräch in der Zeitschrift „Ostragehege“. Seit „Go-In der Belladonnen“ (2000) ist ihr Sprache zum Material geworden. Lyrik ist für sie: „Sprechen im Gegensatz zu Sagen.“ Für uns Leser bedeutet das, nicht nach der Aussage zu suchen, sondern unsern Blick zu weiten auf die vielen anderen Dimensionen, die Worte besitzen: ihre Mehrdeutigkeit, was sie an Bildern wachrufen, Ähnlichkeiten des Klangs, nicht logisch, sondern assoziativ.

„sommerschaums ernte“ (Kiepenheuer & Witsch, 103 S., 20 Euro), ihr achter und jüngster Lyrikband, verfasst wie die anderen in durchgehender Kleinschreibung, nimmt zum Ausgangspunkt Erfahrungen einer Frau als Mutter, Familie, Älterwerden, Abschiede, Aufenthalte im Garten, Vergänglichkeit. Ihre Orte sind neben Städten vor allem die dörfliche Landschaft. Naturwissenschaftliche Begriffe, Vokabeln unserer Gegenwart aus Statistik, Recycling, Digitalisierung, Ökonomie, Industrie oder Politik verwandelt diese Sprachmagierin in ihren Zeilen zu wundersamen Fügungen.

Sie überrascht mit kühnsten Sprüngen im Gang der Assoziationen. Dennoch hat das einen Rhythmus, der bisweilen an antike Elegien erinnert und erzeugt trotz aufgestört dissonanter Gedankensplitter einen Wohlklang der Worte.

Als Formkünstlerin höchsten Grades weist sie sich in einem meisterlichen Sonettenkranz mit dem Titel „Aschene Quadrille“ aus. Es geht – ausnahmsweise in Groß- und Kleinschreibung – um Fotografien mumifizierter Eulen. Ein Tanz der Bilder, prall gefüllt mit ungewöhnlichsten Zeilen wie: „Entschlossen drehen auf den Mauern Flügel / der Nacht die Luft ab am Empfängnishügel“.

Als Intellektuelle, die sich beunruhigt Gedanken macht über die seltsamen Blüten, die der Zeitgeist heute treibt, zeigte sie sich in einer 2019 in Weimar gehaltenen Rede, abgedruckt in der Zeitschrift Sinn und Form Nr. 4/2019. Wie sie über DDR-Sozialisation, ausgeblendete soziale Herkunft, AfD, Pegida, Islam, Männer und Frauen sowie genderkorrekte Sprache nachdenkt, das ist ein seltenes Beispiel kluger, unaufgeregter und differenzierter Betrachtung.

Dort mahnt sie unter anderem: „Und wo schon eine Assoziation, ein ‚komisches Bauchgefühl’ ausreicht, einen beliebigen Gegenstand unter Diskriminierungsverdacht zu stellen, heißt es aufpassen, daß das Konzept der ‚diversity’, des modernen Gegenbegriffs zur Diskriminierung, nicht Freifahrtschein für ein absolutes Nebeneinander von Individuen wird, die einen wirklichen Konsens weder aushandeln müssen noch können und sich über nichts anderes mehr sicher sind als über ihre individuellen Besonderheiten.“

Ihre Meinung zu Corona: selbstsicher und undifferenziert

Im Oktober 2020 jedoch erklärte sie in der Berliner Zeitung überraschend selbstsicher und undifferenziert, Corona – am 11. März 2020 von der WHO zur weltweiten Pandemie erklärt – sei keine Pandemie. Um eine Pandemie handle es sich nur bei einem großen Anteil von schweren Krankheitsverläufen und erhöhten Todeszahlen unter den Erkrankten. „Davon kann aber heute keine Rede sein, und zwar weder in Deutschland noch in anderen Staaten.“ Im Herbst 2020 trat Kathrin Schmidt der Basisdemokratischen Partei bei, die teils radikale Kritiker an der Corona-Politik in ihren Reihen hat.

Auf der Internetseite „Rubikon“ behauptet sie, die Corona-Schutzimpfung bei Kindern sei ein „großangelegter Menschenversuch“. Sie unterstellt Impfwilligen einen „von supranational lobbyierter Profitgier der Pharmaindustrie befeuerten und sich selbst vertuschenden Verblendungszusammenhang zwischen Regierenden und Regierten“.

Die Antrittslesung am Freitag, 19.30 Uhr, wird als Livestream aus dem Dresdner Kulturpalast übertragen

Von Tomas Gärtner