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Regional Kampflied der Paketkuriere - Neue Ausstellung im Kunsthaus Dresden
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18:52 26.11.2019
Bekannte Gesichter in Saal II – Der Aufstieg der westlichen Mittelschicht. Quelle: David Brandt
Dresden

Das Museum für fremde und vertraute Kulturen, kurz MuKul genannt, okkupiert das Kunsthaus Dresden. Wie es sich für ein richtiges Museum gehört, präsentiert es nicht nur seine Dauerausstellung „Das Verschwinden der Mittelschicht“, sondern hat auch gleich zwei Sonderausstellungen parat. „Indian(er) Jones I-V (… it belongs in a museum)“ ist die Personalshow der österreichischen Künstlerin Lisl Ponger, außerdem wird die internationale Gruppenschau „Lost Horizons“ präsentiert.

Was ist das MuKul eigentlich?

Der Begriff „Museum“ ist dem Altgriechischen als Bezeichnung für die Heiligtümer der Musen entlehnt und beschreibt heute im Grundtenor eine Einrichtung, die gemeinnützig, im Dienste der Gesellschaft und zum Zwecke des Studiums zu einem bestimmten Thema Dinge und Informationen sammelt und einer Öffentlichkeit zugänglich macht. Das MuKul unterscheidet sich von Museen im herkömmlichen Sinn, da ihm ein klassischer Präsentationsort fehlt. Das MuKul hat weder eigene Räume noch einen Online-Auftritt.

In der prekären Situation ohne Domizil befand sich auch lange Jahre die Berlinische Galerie, bis sie 2004 eine alte Industriehalle in Berlin beziehen konnte. Doch während die 1975 als Verein gegründete Berlinische Galerie sich stets um einen permanenten Standort bemühte, sucht das 2014 von Lisl Ponger für eine Ausstellung in der Wiener Sezession gegründete MuKul nichts dergleichen und begnügt sich mit schlaglichthaften Auftritten im Weltmuseum Wien, dem Museum der Moderne in Salzburg und aktuell im Kunsthaus Dresden.

Blick in Lisl Pongers Personalshow „Indian(er) Jones“, die sich Spielbergs Filmfigur als Projektionsfläche gesucht hat. Quelle: David Brand

Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, Beschreibungen der Vorstellungen vom „Anderen“ über Prozess-Skizzen der Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie Aspekte der bildlichen Repräsentation dieser Identitäten gehören seit Jahren zu den künstlerischen Themenfeldern von Lisl Ponger. Mit MuKul adaptiert die Künstlerin Inhalte und Präsentationsformen klassischer ethnologischer Museen und überträgt Methoden zur Dokumentation einer vom Verschwinden bedrohten Bevölkerungsgruppe systemkritisch und augenzwinkernd auf die westliche Mittelschicht als aussterbende Spezies.

Die Frage, wer denn überhaupt zur verschwindenden Mittelschicht gehört, scheint schwierig zu beantworten. Während in den USA klar und klassisch nach dem Einkommen klassifiziert wird, spielen in weiten Teilen Europas neben den ökonomischen Indikatoren auch Bildung und kulturelle Merkmale eine Rolle. Infolge der Digitalisierung, sozioökonomischer Veränderungen und des kulturellen Wandels befindet sich die ehemals breit aufgestellte mittlere Bevölkerungsschicht seit Jahren auf Diät gesetzt, ehemals sichere Arbeitsplätze werden nur noch befristet vergeben, Statussymbole des Lifestyles und Wertevorstellungen sind zunehmend nur noch schwer zu erhalten. Die Reichen werden reicher, Armut verbreitet sich und die Mittelschicht schrumpft.

Ein breites Potpourri an gesammelten Ausstellungsstücken wie ein Null-Euro-Schein, ein Kuvert für Schmiergelder, das Brettspiel „Klassenkampf“, das Seidenhalstuch „Gaucho“ von Dior, Fetische des Kapitalismus und Statussymbole, asiatische Imitationen von Luxusartikeln, Fotos vom Café Haus Altmarkt und ein DEFA-Film über den Indianerkult in Radebeul beschreiben den Aufstieg und Fall der westlichen Mittelschicht. Präsentiert wird auch ein „Emergency Evacuation Kit“, das von den Lehman Brothers an die Mitarbeiter als Reaktion auf 9/11 verteilt wurde und den eigenen Niedergang sieben Jahre später nicht verhindern konnte. Der Kopf eines Bankers ist als Gipsabdruck für die Nachwelt erhalten.

Die Ausstellung untersucht das Verhältnis der Mittelschicht zu Nation, Demokratie und Kapitalismus, karikiert die Folgen von Steuerparadiesen und Bankenkrisen, fokussiert das Prekäre neuer Arbeitsverhältnisse und die künstlichen Konstrukte kultureller Identitäten und verweist auf mit globaler Dynamik neu aufstrebende Schichten in einzelnen Ländern.

In inszenierten Fotografien gibt es keine Zufälle

Lisl Pongers PersonalshowIndian(er) Jones“ spielt auf Steven Spielbergs Abenteuerfilme an, in denen Harrison Ford einen Mittelschichtsprofessor spielt, der seltene Artefakte sammelt und seine Gier nach Gold zügelt, indem er die geretteten und erbeuteten Dinge für das Gemeinwohl Museen und Sammlungen zur Verfügung stellt. Der Fotozyklus umfasst fünf Arbeiten und nimmt somit den 2020 erscheinenden fünften Teil der Saga vorweg – bitterböse zeigt Ponger in „Free Trade – A Pipe Dream“ den Protagonisten erschöpft auf einer Matte liegend, vollgedröhnt mit Opiaten, die Schmerz-, Sucht- und Zahlungsmittel zugleich sind. Es wird wohl kein sechster Teil folgen, weder als Film mit dem in die Jahre gekommenen Schauspieler noch als Foto der Künstlerin.

„Das Glasperlenspiel“ ist das zweite Foto in Pongers Serie und voller ethnologischer Verweise. Wie auf einem Suchbild lassen sich Kuriositäten von vor der Kolonialzeit, Trophäen und Handwerksobjekte entdecken. Auch Kunstwerke sind in die Architektur des Fotos eingebaut, die Objekte sind dieselben, aber der Modus der Präsentation hat sich verändert. In inszenierten Fotografien gibt es keine Zufälle.

„Lost Horizons“ ist die dritte der aktuell im Kunsthaus präsentierten Ausstellungen. Acht internationale Künstler erzählen mit ihren Ausdrucksmitteln vom Umgang mit indigenem Wissen und vom Kampf um Selbstbestimmung. Besonders eindrucksvoll und verstörend ist „Chain Reaction“ von Tim Sharp. Ketten waren das erste Landvermessungsinstrument in Amerika, deshalb haben die Bundesstaaten gerade Grenzen. Die Firma, die das patentiert hat, produzierte aber auch in der Sklaverei verwendete Handschellen. Das Kunstwerk spielt mit der Ästhetik von Folklore und der Brutalität von Geschichte anhand einer einfachen Erfindung, einem kleinen Baustein, der das Leben und die Gesellschaft formte.

Wer gehört zur Mittelschicht?

Ryts Monet verwendet in der Arbeit „Riserva Aurea“ Banknoten. Geld als eine länder- und kulturübergreifende Verbindung, wobei das Geld eine abstrakte Komponente ist, die dargestellten Blumen aber real vorstellbar. Oder sind es alles nur „Blüten“? Zu sehen sind florale Motive, die in ihrer Ausschnitthaftigkeit auch Tattoos und Körperbemalungen entlehnt sein könnten, die Fragmente der Banknoten werden wie ein Herbarium präsentiert. Dreht man den Rahmen, sieht man rückseitig die Geldscheine und kann sie einzelnen Ländern zuordnen.

Insgesamt sind die Ausstellungen im Kunsthaus äußerst unterhaltsam und nehmen aufeinander Bezug. Einziger Kritikpunkt ist, dass in den einzelnen Ausstellungspanels nicht wirklich erklärt wird, mit welcher Definition von Mittelschicht gerade gearbeitet wird. Somit scheint an manchen Stellen der Begriff zu locker eingesetzt bzw. für das gerade zur Verfügung stehende Ausstellungsstück passend gemacht. So sind zum Beispiel Masken von Politikern wie Trump und Putin ausgestellt, doch weder die Staatsvertreter noch die Zielgruppe für diese billigen Pappmasken gehören zur Mittelschicht. Vielleicht werden diese Staatsmächte aber auch zitiert, weil sie für die gesellschaftlichen Veränderungen, die zum Verschwinden der Mittelschicht führen, mit verantwortlich zeichnen.

Fest steht, dass in Deutschland die „gute Mitte“ in Auflösung begriffen ist. Das merkt man auf politischer Ebene in der Parteienstruktur und an den Wahlergebnissen, bei den schulischen Leistungen wird das Gefälle größer und Markenartikel taugen heute nicht mehr als Statussymbole. Aber taucht da am Horizont nicht eine neue Mitte auf, man muss sie nur anders beschreiben?

bis 12. Januar 2020, Kunsthaus Dresden, Rähnitzgasse 8, geöffnet Di–Do 14–19, Fr–So 11–19 Uhr

www.kunsthausdresden.de

Von Patrick-Daniel Baer

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