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Regional Kabale und Liebe feiert Premiere
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17:38 11.02.2019
Szene mit Raiko Küster, Hans-Werner Leupelt, Moritz Kienemann und Luise Aschenbrenner (v.l.). Quelle: Foto: Sebastian Hoppe
Dresden

Ein maskiertes Pärchen, wie Romeo und Julia in diesen Tagen, kugelt sich verzückt durchs Publikum im Foyer. Die bereits offene Bühne zeigt eine Bar mit geräumiger Lounge, im Irgendwo zwischen Wäldern, die am Ende im Herbstlicht erglühen werden. Deckenstrahler leuchten wie aus Einschusslöchern. Auf der Couch im Vordergrund diskutieren zwei Männer, ein junger und ein älterer, während sich die Premierengäste in die Sitzreihen sortieren.

Aber keine Angst, sie verpassen nichts, denn das Gespräch läuft in Schleife, bis Ruhe eingekehrt ist im Saal. Wir sind allerdings nicht in Verona, sondern in teutschen Landen, und der Musikus Miller ist gerade dabei, den von sich überaus eingenommenen Sekretarius Wurm ab- und zurechtzuweisen. Er könne seiner Tochter Luise keinesfalls zu einer Ehe mit ihm raten. Aus bekannten und zumeist einleuchtenden Gründen, die der seinerzeit 24-jährige Schiller in erstaunlicher Lebensklugheit aufgeschrieben hat.

Mit Herz und bürgerlichem Selbstbewusstsein

„Kabale und Liebe“ also, im Dresdner Schauspielhaus inszeniert von dem 30-jährigen Georgier Data Tavadse im Bühnenbild von Thilo Reuther, in einem neureich-dekadent anmutenden Milieu (Kostüme) von Irène Favre de Lucascaz. Es wird häufig simultan gespielt; zumindest sind stets auch Figuren präsent, die mit der vordergründigen Szene nichts zu tun haben. Präsident von Walter (Hans-Werner Leupelt) kümmert sich um seine Bonsai-Sammlung, Hofmarschall von Kalb (Raiko Küster) buchstäblich herumhängend um die Bestände der Bar. Ansonsten wurde die Personage wesentlich verschlankt.

Ahmad Mesgarha spielt einen alleinerziehenden Vater, Ekaterina Gorynina, nur einmal beiläufig als Mutter bezeichnet, hat ihm sein Violoncello abgenommen und leitet damit virtuos und einfühlsam die Stimmung der Zuschauer, was natürlich nichts mit den Befindlichkeiten der eitlen, dummen, geltungssüchtigen Millerin zu tun hat. Der Vater also, ohne ständig von ihr genervt zu sein, scheint einer mit Herz und bürgerlichem Selbstbewusstsein, wird aber schnell einknicken vor der auftrumpfenden Macht und am Ende, als alles schon zu spät ist, peinlich geblendet nicht vom Glanz des Goldes, sondern vom Anblick hingeworfener Banknoten.

Entzückend frische Verliebtheit

Scheinbar paradox: Trotz der vielen Modernismen wirkt das Ganze eher traditionell, um nicht zu sagen konventionell. Der Ton macht die Musik, nicht eine beliebige Optik. So sind wir jedenfalls weit entfernt von Postdramatik oder Stückzertrümmerung. Jeder Darsteller spielt mit Emphase und Hingabe, was ihm gegeben und aufgetragen ist, mit höchster Konzentration auf das Wort, einen allerdings „entstaubten“, verschlankten und ergänzten Text. Es mutet dennoch an wie Schiller vom Blatt gespielt, freilich auch etwas klischeehaft im Wechsel der Grundsituationen bzw. sozialen Ebenen.

Was nicht nur gut durchgeht, sondern sehr anrührt bei der entzückend frischen Verliebtheit von Luise (Luise Aschenbrenner) und Ferdinand (Moritz Kienemann). Der hat so gar nichts von der militärischen Straffheit eines Majors, scheint völlig durchdrungen von Poesie und Gefühl. Auf der Ebene der Macht herrscht gefällige Routine, und schon da ist Ferdinand leicht überfordert, gerät schon beim ersten Konflikt ins Deklamieren. Erst recht werden die Töne falsch, die Ohren taub, die Augen blind, sobald ihn die Eifersucht packen wird. Zwischendurch hat er beinahe ein Techtelmechtel mit der mondänen Lady Milford, die der Reihe nach Sektkorken knallen lässt, den Major ziemlich daneben findet („Mein Gott, Walter“), herzzerreißend über die Zustände im Lande – den Preis für ihren Hochzeitschmuck – berichtet, ehe Ferdinand mal handgreiflich probiert, wie weit er mit ihr gehen kann.

Überraschender Souverän

Es braucht dann noch etwas Zeit, bis sie die Konsequenzen daraus zieht, dass sie bei aller Liebe und Konsequenz am Lauf der Dinge nichts bessern kann. Aber eine starke, ganz auf sich gestellte Frau, die sich souverän der Rolle des Lust- und Schauobjekts entledigt. Sie braucht weder Kammerdiener noch Zofe und die auf Augenhöhe führende Begegnung mit Luise gibt nur den letzten Anstoß. Betty Freudenberg interpretiert das mit schwankender psychologischer Grundierung, so gut es geht, macht damit auch deutlich, dass hier nicht entlarvt oder analysiert, sondern ohne deutlichen Anflug von Satire schlicht vorgeführt wird, wie eine oligarchisch geprägte Welt funktioniert. Und das tut sie um einiges anders als die von Adel und Kirche bestimmte bei Schiller.

Als eigentlicher Souverän, möchte man beinahe sagen, erweist sich Wurm (Lukas Rüppel). Er führt den Präsidenten nahezu wie am Nasenring. Er ist geschäftig, tüchtig, geduldig, genau. So diktiert er Luise den Brief an Kalb, lehrt sie, dass man Ohnmacht mit „h“ schreibt (den Brief an Ferdinand lässt sie dann bleiben). Wurm ist ein sachlich denkender Zyniker, wie geschaffen für Politik und Business, einer, der einfach Karriere machen muss unter diesen Umständen. Am Ende wird er dem Präsidenten einiges (auch Wahres) an den Kopf werfen, was nicht bei Schiller steht, und sich den Staub von den Füßen schütteln.

Theater als moralische Anstalt?

Ob Walter und Kalb, der in wahrer Todesnot Ferdinand eigentlich unübersehbar glaubhaft machte, dass er nie etwas mit Luise zu tun hatte, angesichts der sich anbahnenden Katastrophe bei sich angekommen sind oder weiter mit falscher Münze zahlen, wird nicht ganz klar. Jedenfalls hat Selbstsucht nicht das letzte Wort, sondern Trauer um die teils verblendete und jedenfalls sinnlos hingemordete Jugend, eingeschlossen jene, die „Heißa nach Amerika!“ ausgezogen ist.

Walter und Kalb tragen Ferdinands Leiche fort. Miller bleibt zurück mit dem Bündel, das gerade noch eine Tochter war, versucht sie aufzurichten, Der Frau fällt beim Spielen unvermittelt der Bogen aus der Hand. Es scheint endlos.

Theater als moralische Anstalt? Auch hier erscheint Ferdinand vor allem als Opfer, obwohl er doch aus Selbstsucht, aus verletzter Eitelkeit ein Fast-noch-Kind getötet hat. Als Opfer einer Tradition freilich auch, die unsere eigene war und doch ziemlich fremd geworden ist, wie mir scheint. Jemand aus der Ferne hat jetzt daran auf eine so sympathische Weise erinnert, dass sich dagegen schlecht schulmeistern lässt. Es ist wie die plötzliche Umarmung durch einen Unbekannten, auch wenn dahinter vielleicht ein Missverständnis steckt.

Der Schlussbeifall steigert sich, erreicht fast die Stufe der Begeisterung. Die zurückgegebene Sympathie ist bedeutsamer als der Umstand, dass bei Schulaufsätzen die Köpfe gehörig rauchen werden.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Tomas Petzold

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