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Regional Joachim Król entführte im Dresdner Schauspielhaus in die Kindheit von Camus
Nachrichten Kultur Regional Joachim Król entführte im Dresdner Schauspielhaus in die Kindheit von Camus
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14:33 10.01.2020
Joachim Król bei einer Lesung. Quelle: Dietrich Flechtner/Archiv
Dresden

Wer Joachim Król im Dresdner Schauspielhaus Albert Camus‘ „Der erste Mensch“ lesen hörte, wanderte für knappe zwei Stunden durch die Kindheit des französischen Schriftstellers - im heißen Algier, in bitterer Armut. Auf den ersten Blick erzählt der autobiografische Roman vor allem vom Bildungswunder Albert Camus – schaffte er es schließlich als Sohn einer Analphabetin zum berühmten Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger. Auf den zweiten Blick jedoch war Króls Rezitation eine Erzählung über Familie, die Menschen, die einem in einem Moment gar so fremd erscheinen und im nächsten zutiefst verbunden.

Kaum hat sich der Vorhang geöffnet und das Scheinwerferlicht auf Król positioniert, schlüpft der Schauspieler in die Rolle des jungen Jacques Cormery, ist Camus’ Alter Ego. Dabei nutzt Król jeden Muskel seines Körpers. Er greift nach links und nach rechts, zappelt mit den Beinen, duckt und streckt sich, rückt hin und her. Als durchquere er jeden Winkel und jecke Ecke in der Kindheit des kleinen Albert.

Musikalisch untermalt wird die Reise vom Orchestre du Soleil

Eine Kindheit mit all ihren kleinen Geschichten – der Tag am Meer, nach dem der Sand noch an den Knöcheln klebt, die Fahrten mit der Straßenbahn, die sich durch die heißen und dichten Straßen Algiers schiebt, die Nachmittage in der Stadtbücherei, an denen Albert an den Regalen entlang schlendert, völlig ziellos, nur auf der Suche nach zufälligen Worten und dem Geruch bedruckter Seiten.

Musikalisch untermalt wird die Reise durch Camus’ Kindheit vom Orchestre du Soleil. Da geht es mit schnellen Bass- und Trommelklängen auf eine hitzige Zugfahrt durchs algerische Hinterland und mit einer melancholisch klingenden Bassklarinette durch die Straßen der Stadt, in die Nacht einkehrt. So kreiert das Ensemble eine Klang-Szenerie, die beweist, dass Vorstellung keine vorgefertigten Bilder braucht.

Unterstützt wird dies von Króls Stimme, welche bei jedem Charakter des Romans zu einer ganz und gar eigenen wird. Da ist Camus’ herrische Großmutter, die schon lange oder vielleicht schon immer die Rolle der Mutter übernommen hat. Alt und faltig kommt sie daher, ihre Hände nach Waschlauge riechend und ihre tiefe, raue Stimme angsteinflößend, die Augen eiskalt.

Króls Rezitation zeigt, was Familie bedeutet

Die Mutter hingegen ist ein stilles Wesen – schweigt sie doch die meiste Zeit. Sie ist Analphabetin, beinahe taub, und mit dem Sprechen tut sie sich schwer. Und doch – trotz ihrer kargen Worte, ihrer unbeholfenen Sätze – weiß der Zuschauer, dass sie ihren Sohn liebt. Meist ist es nur ein zaghaftes Lächeln, welches die Gutmütigkeit der Mutter fühlbar macht. Weniger zaghaft, vielmehr derb und plump, kommt Camus’ Onkel Etienne daher. So brüllt dieser wie sein Hund, marschiert mit ihm durchs Gebüsch, geht voller Inbrunst auf die Jagd – ein Tölpel, wie er im Buche steht.

Albert wirkt deplatziert. Er ist klug, wissbegierig, lebenshungrig, anders als seine Verwandten. Lycee? „Für meine Familie ergab das Wort keinen Sinn“, schreibt Camus. Und doch schafft er es aufs Gymnasium. Mit der Hilfe seines Lehrers Monsieur Germain, der das Potenzial des Jungen erkennt, ihn fördert und unterstützt.

Auf dem Lycee angekommen, ist vieles anders. Die neuen Lehrer sind nicht wie Monsieur Germain. Nicht wie ein Vater, eher wie ein Onkel, einer von vielen. Da wird dem Zuhörer klar: Germain ist viel mehr als nur ein Lehrer für den jungen Albert. Er füllt die Lücke, die dessen toter Vater hinterlassen hat. „Wir fühlten das erste Mal, dass wir existierten.“

Króls Rezitation zeigt, was Familie bedeutet. Da sind die Schläge der Großmutter und das Unverständnis der Familie für die Lebenswelt des Jungen am Lycee. Sie zeigt aber auch die Liebe einer Mutter, die keiner Worte bedarf. Und sie beweist, dass Familie nichts manifestes ist. Dass die eigenen Wurzeln nicht unweigerlich den eigenen Weg bestimmen. Und dass ein Lehrer auch ein Vater sein kann.

Von Laura Catoni

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