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Regional Joachim Klements erste Saisonbilanz
Nachrichten Kultur Regional Joachim Klements erste Saisonbilanz
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19:07 22.01.2019
Joachim Klement Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

Joachim Klement ist als Intendant des Dresdner Staatsschauspiels schon mittendrin in seiner zweiten Saison. Zeit also, um über Entwicklungen zu sprechen, auch über Zahlen. Vor allem aber darüber, dass die Freiheit der Kunst vereinzelt in Frage gestellt und daher verteidigt werden muss.

Frage: Herr Klement, ich möchte gern anknüpfen an unser erstes Gespräch vor fast anderthalb Jahren, kurz vor dem Auftakt Ihrer ersten Spielzeit in Dresden. Was hat sich in der Zwischenzeit am meisten geändert: in der Stadt, in Deutschland, in Europa? Und welche Erwartungen von Ihnen haben sich erfüllt – oder auch nicht?

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Joachim Klement: Erstens muss ich persönlich sagen, dass es mir in der Stadt sehr gut geht. Ich habe eine Reihe liebenswürdiger Menschen kennengelernt, bin mit einigen auch schon freundschaftlich verbunden. Und ich möchte auf keinen Tag in dieser Zeit verzichten. Als jemand, der im Westen sozialisiert ist und zum ersten Mal in Ostdeutschland arbeitet, merke ich aber, dass sich die Resonanzräume dort und hier doch deutlich unterscheiden.

Inwiefern?

Mit Blick auf die Frage von Lebensrealitäten. So wundert mich jetzt nicht mehr, dass hier eine große Skepsis herrscht bei Fragen von Repräsentanz oder Politik – auch wenn ich sie überhaupt nicht teile. Das hat damit zu tun hat, dass es 40 Jahre lang verschiedene Ausprägungen und Erfahrungen gegeben hat. Das schlägt sich immer noch nieder. Außerdem hatte ich am Anfang oft den Eindruck: Vergisst man über die persönlichen Einschnitte in Biografien, die ja existieren, nicht, was zwischendurch alles geschafft wurde?

Das sehe ich ähnlich. Heute wird oft aus der Perspektive argumentiert, dass man sich im Osten noch einmal als Opfer sieht, nun als eins der bundesdeutschen Politik. Das positive Narrativ von 1989, das Ende der DDR aus eigener Kraft und unblutig herbeigeführt zu haben, spielt da kaum eine Rolle.

Und das ist schade. Manchmal wünsche ich mir auch, dass die Widersprüchlichkeiten zwischen Ost- und Westdeutschland, aber auch die vor Ort als Reichtum empfunden würden, als Antrieb, sich einzubringen. Auf der anderen Seite geht es uns viel zu gut, als dass wir gute Gründe zum Jammern hätten.

Ansonsten beunruhigt mich vor allem eine Orientierung nach extrem Rechts, die vergisst, dass wir grundsätzliche Vereinbarungen haben. Es kann nicht sein, dass es nicht mehr möglich sein soll, in einem hoch industrialisierten und wohlhabenden Land Kriegsflüchtlingen Unterkunft zu gewähren. Wenn ich daran denke, welche Länder in der Zeit der Nationalsozialisten deutsche Flüchtlinge aufgenommen und ihnen eine neue Heimat gegeben haben – die dann wiederum später zurückkehren konnten, um hier vieles wieder aufzubauen. Diesen Bezug auf die eigene Geschichte darf man nicht kleinreden.

Von der Geschichte zur Gegenwart. Die AfD macht immer wieder Stimmung gegen Kulturinstitutionen. Stichwort Sachsen-Anhalt, wo ein AfD-Landtagsabgeordneter in Halle den Opern-Intendanten absetzen will, weil der politisches Theater macht.

Vor allem macht er ein künstlerisches Programm, mit dem er dafür sorgt, dass das Theater in Halle und darüber hinaus wahrgenommen wird. Ich kenne Florian Lutz und verfolge seine Arbeit seit vielen Jahren, auch die des dortigen Schauspiel-Intendanten Matthias Brenner. Sie leisten Bemerkenswertes. Solche Äußerungen sind ein Ausweis, dass jemand grundsätzlich keine Ahnung hat. Es muss einem nicht alles gefallen, was in der Kultur passiert. Das ist aber auch teilweise die Aufgabe kultureller Arbeit. „Deutsche, kauft deutsche Zitronen!“ hat diesem Land noch nie gut getan.

Laut Grundsatzprogramm sieht die AfD Kultur und Kunst unter dem Einfluss von Parteien. Beim Lesen stößt man auf ein relatives Unverständnis der Rolle von Kunst und Kultur im Land.

Es gibt dort einen ausgeprägten Willen, alles zu instrumentalisieren. Ich finde es manchmal höchst mittelalterlich, was einem da begegnet. Aber die Welt ist eben größer als die eigenen Interessen. Nur weil ich eine Meinung oder Haltung habe, ist das doch nicht gleichzeitig mehrheitsfähig. Man muss sich auseinandersetzen. Gleichzeitig geht es nicht darum, Meinungen einzuschränken – jeder darf sich artikulieren. Und die Kunst ist frei.

Der verschärfte Ton führt, zumindest vereinzelt, dazu, dass ein Dialog schwer bis unmöglich scheint. Verbal vermintes Gelände, sozusagen.

Ja, aber ich finde, das hat mit zwei Dingen zu tun. Es gibt einerseits deutliche Haltungen, die auch entsprechend formuliert werden. Gerade auf der rechten Seite möchte man, dass die Gräben tiefer sind. Diesen Eindruck habe ich. Es geht um Abgrenzung, nicht um ein Miteinander. Andererseits ist da die Frage, wie viel auch die Medien zu all dem beitragen. Dinge werden heute sehr viel mehr zugespitzt, natürlich auch, um Aufmerksamkeit zu erregen für das eigene Produkt. Die Verkaufszahlen müssen stimmen in einem sich stark wandelnden Medienmarkt.

Das kann ich aus meiner Perspektive bestätigen. Die Dinge beschleunigen sich und darin liegt die Gefahr: Man schaut weniger nach rechts und links, weil das Tempo dazu zwingt, geradeaus zu blicken.

Genau. Deshalb sind aber auch solche Erfahrungsräume wie Theater einfach gut und wichtig. Man wird rausgenommen aus dieser Situation.

Stichwort Theater. Wie fällt die Bilanz Ihrer ersten Spielzeit in Dresden aus?

Wir haben Zeit gebraucht, um Erfahrungen zu machen, beispielsweise zu sehen, welche Erwartungshaltungen da sind. Das ist wie immer bei einem Neubeginn. Wilfried Schulz fing 2009/2010 mit gut 172 000 Zuschauern an, in meinem ersten Jahr 2017/2018 waren es fast 188 000. Trotzdem sind das natürlich längst noch nicht die Zahlen, die man zwischenzeitlich hatte.

Schulz’ letzte Zuschauerzahl 2015/2016 lag bei rund 250 000, die Folgespielzeit unter Jürgen Reitzler kam auf knapp 240 000.

So ein Start hat ja mit mehreren Dingen zu tun. Man muss erstmal ein Repertoire aufbauen. Es fehlen viele Stücke, die man noch anbieten könnte, weil das Ensemble sich verändert hat. Das ist also etwas völlig Normales. Außerdem gibt es mit dem Kulturpalast und dem Kraftwerk Mitte im Herzen der Stadt rund 2000 Plätze jeden Abend mehr als eine Möglichkeit, Kultur zu erleben. Das ist viel für eine Stadt wie Dresden und für uns eine Konkurrenzsituation – aber auch eine Herausforderung, mit der man sportiv umgehen kann.

Und wie ist die Entwicklung der ersten vier Monate der aktuellen Saison?

Man sieht sehr deutlich, dass sich das nach oben entwickelt. Der Dezember war finanziell der erfolgreichste in der Geschichte des Hauses: Wir hatten gut 42 000 Besucher in 120 Vorstellungen. Enorm, was da im Haus geleistet wurde. Von September bis Jahresende kamen rund 10 000 Zuschauer mehr als im Zeitraum des Vorjahres. „Der Untertan“ wird sehr gut besucht im Schauspielhaus, „Wir sind auch nur ein Volk“ im Kleinen Haus. Und bei „9 Tage wach“ im Kleinen Haus ist etwas gelungen, was man sich immer wünscht: regionaler Bezug, die nicht einfache Biografie von jemandem von hier, der bundesweit Fernsehkarriere gemacht hat. Da kommen auch Menschen zu uns, die sonst nicht zwingend ins Theater gehen. Die Aufführung ist vor allem deshalb lohnend, weil sie nicht pädagogisch ist. Sie erzählt vom Faszinosum Rausch, aber auch von der Gefahr.

Eine große Produktion war und ist „Das große Heft“...

...eine außergewöhnliche Arbeit von Ulrich Rasche, die ein Haus auch an seine Belastungsgrenzen bringt. Stoff und ästhetischer Rahmen liegen eng beieinander. Eine zweite bemerkenswerte Arbeit ist Sebastian Hartmanns „Erniedrigte und Beleidigte“...

...die ich jetzt auch noch genannt hätte...

...weil dort grundsätzlich über das Erzählen im Theater erzählt wird. Die Kollegen entscheiden auf der Bühne immer wieder neu, wie der Abend weitergeht. Zusätzlich entsteht auf 35 Quadratmetern, die das Ensemble live bemalt, Kunst. Dass zwei solche Inszenierungen in einer Spielzeit gelingen, ist schon außergewöhnlich. Normalerweise ist man schon froh, wenn man eine hat in dieser Kategorie.

Von Torsten Klaus