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Regional Im Friedrichstattpalast Dresden wird wieder die Striezelmarktwirtschaft ausgerichtet
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15:28 27.11.2019
Die Striezelmarktwirtschaft ist fest in der Hand von Thomas Schuch (l.) und Carsten Linke. Quelle: Lisaweta Schuch-Wiens
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Dresden

Der Ruf nach Vorschriften, nach Verboten, nach Regelungen des Sprachgebrauchs, nach Normierung von Leselisten, nach Verbannung aller Positionen, die einem vermeintlich unfehlbaren Zeitgeist widersprechen, wird, das ist neu, immer öfter nicht von übergeordneten Instanzen autoritär vorgeschrieben, „sondern er kommt von unten. Von der Basis. Von den Studenten. Von kleinen, aber lautstarken Gruppierungen“, wurde unlängst in der Neuen Zürcher Zeitung beim Blick auf deutsche Hochschulen festgestellt.

Und auch jenseits des Universitätsbetriebs ist ein erheblicher Prozentsatz der Deutschen mittlerweile der Meinung, in Deutschland dürfe man nicht mehr seine Meinung sagen. Jedenfalls nicht am Arbeitsplatz, im Sportverein oder im öffentlichen Raum.

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„War wohl Whirlpoolwasser, widerwärtig, würg“

„Du darfst in diesem Land nicht mehr alles sagen. Du hast es nur noch nicht mitbekommen, dass Du nicht mehr sagst, was Du denkst“, heißt es in einer Nummer der neuen Striezelmarktwirtschaft, zu der im Friedrichstattpalast traditionsgemäß im Advent geladen wird. „Spalt ist nun die Weihnachtszeit“ – mit einem Songtext hegen Carsten Linke und Thomas Schuch sogar explizit die Absicht, „das Publikum zu spalten“, lassen dafür die Band Schrammstein martialisch grölen: „Bald nun ist die Weihnachtszeit / Wer schenkt uns die Axt zum Familienstreit!?!“

Ja, man bittet in einer ganz eigenen Art „zum Rest der Liebe... Quatsch... zum Fest der Hiebe... auch nicht... ach möge das Publikum doch selbst draufkommen“. Nostalgisch sehnt sich Linke deshalb mal nach der Zeit, „in der nicht allen schlecht war“, aber rasch stößt die Beschwörung einer Gesellschaft, in der alle gleich sind, an ihre Grenzen.

Und so wie der große Komiker Heinz Erhardt mal den berühmten„G-Sketch“ hinlegte, in dem er und seine Mitspieler eine komplette Konversation mit 79 G-Worten nacheinander bestritten, so spielen sich Linke und Schuch virtuos mit W beginnende (Wort-)Bälle zu. Als Schuch nach einem Schluck weichen Wassers grummelt „War wohl Whirlpoolwasser, widerwärtig, würg“ und dann vom Ort der Verkostung flieht, blickt Linke hinterher und meint: „Wohl Wessi!?“. Das Gelächter im Saal war groß, was man als Beleg dafür nehmen kann, dass der Kabarettist Ingo Appelt recht hatte, als er unlängst in der Süddeutschen Zeitung konstatierte, im Osten sei der Besser-Wessi noch immer angesagt.

Aus dem Westen kommt Sieglinde, Schwester der lange Jahre von Manfred Breschke gespielten Kultfigur Brunhilde. Sie ist für einen Sprung vorbeigekommen, obwohl es hier im Osten „ja nichts mehr zu holen gibt“, schreitet dann aber mit Siegfried „in trauter Zerstrittenheit“ in eine „gemeinsame“ Zukunft. Man darf gespannt sein, wie Schuch und Linke in künftigen Striezelmarktwirtschaften durchspielen, wie Siegfried und Sieglinde miteinander klarkommen, ob zusammenwächst, von dem man anfangs durchaus dachte, dass es auch zusammengehört.

„A Plätzchen a Day Keeps the Weihnachtsstress away!“

Nicht zu knapp wird in der aktuellen Striezelmarktwirtschaft das Gesundheitssystem aufs Korn genommen. Hübscher Einfall, Gesundheitsminister Jens Spahn mit einem Organspende-Stand auf dem Striezelmarkt auftreten zu lassen. Hat zwar nicht die brachiale Wucht des berühmten Monty-Python-Sketches, in dem einem eingetragenen Organspender auf seinem Küchentisch kurzerhand mit allerlei Spengler- und Schlosserwerkzeug die Leber entfernt wird, da er ja einen Organspendeausweis habe, ist aber auch ganz nett.

In einer anderen Nummer versucht Schuch als Arzt einem Kranken, der auf dem Land lebt, „wo die Abgehängten abhängen“ und nur noch telemediale Grundversorgung via Bildschirm möglich ist, zu helfen. Die Ferndiagnose endet damit, dass Linke dasteht wie die Bronzeplastik „Jahrhundertschritt“, die Wolfgang Mattheuer 1984 mit „Hitlergruß“ und „Rotfront-Faust“ als Parabel auf die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts schuf.

Die neue Striezelmarktwirtschaft hat durchaus die eine oder andere unausgegorene, nicht auf punktgenau das Zwerchfell treffende und insofern eher mäßig komische Nummer, ist aber im Großen und Ganzen nicht von schlechten Eltern. Ein dickes Extralob ist einmal mehr Daniel Vedres zu zollen, der Schuch und Linke nicht nur in bewährter Manier musikalisch famos unterstützt, sondern auch hier und da selbst szenisch aktiv wird und sei’s auch nur, dass er – Running Gag – immer wieder aufs Neue durchs Türchen mit der Nummer 24 auf dem Adventskalender (nicht nur für Kinder eigentlich der einzige Grund, morgens aufgeregt aus dem Bett aufzustehen) schaut und hoffnungsvoll „Ist schon Weihnachten?“ fragt.

Einmal ist Schuch so genervt von der Leier, dass er Vedres die Tür vor der Nase zuschlägt, bevor der auch nur einen Ton sagen kann. Weihnachten, nach dem viele eine neue Kleidergröße haben, ein Fest der Liebe? Durchaus, aber es schadet nicht, im Advent nach der Devise „A Plätzchen a Day Keeps the Weihnachtsstress away!“ zu verfahren.

nächste Vorstellungen: 3. & 5. bis 7. 12., jeweils 19.30 Uhr

Karten unter Tel. (0351) 490 4009

www.dresdner-friedrichstatt-palast.de

Von Christian Ruf

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