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Regional „Ich gehe sehr gern in die Extreme“ – Der Dresdner Cellist Friedrich Thiele im Interview
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11:34 23.01.2020
Friedrich Thiele: „Ich versuche auf der Bühne, alles in den einen Moment zu legen“. Quelle: Rene Gaens
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Dresden

Der Dresdner Cellist Friedrich Thiele ist in einer leidenschaftlichen Musikerfamilie großgeworden. Bereits als Vierzehnjähriger war er als Jungstudent zu Peter Bruns an die Leipziger Musikhochschule gegangen; 2016 wechselte er dann an die Musikhochschule nach Weimar.

Eine Anzahl nationaler und internationaler Wettbewerbserfolge hat ihn kürzlich auf einen vielversprechenden Karriereweg katapultiert. Für DNN hat Martin Morgenstern mit ihm gesprochen, bevor Friedrich Thiele am Sonnabend als Solist in Schostakowitschs Erstem Cellokonzert im Alten Schlachthof zu hören ist.

Frage: Wie hebt man sich heute eigentlich von den unzähligen anderen Cellistinnen und Cellisten ab? Wie würden Sie Ihren Ton oder Ihre spielerische Besonderheit beschreiben, oder nach welcher streben Sie?

Friedrich Thiele: Ich gehe sehr gern in die Extreme, scheue kein Risiko und versuche auf der Bühne, alles in den einen Moment zu legen. In der heutigen Zeit des großen Perfektionismus ist das immer wieder gern gesehen, und damit hebt man sich auch von der Masse ab. Mir macht es einfach keinen Spaß, einem Cellisten zuzuhören, der die ganze Zeit nur Angst hat, dass ein Ton daneben geht.

Eine unglaubliche Erfahrung

Wie viel davon hat mit dem Instrument zu tun, das Sie unter den Fingern haben?

Auf jeden Fall eine Menge. Es ist eine französisches Cello, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Leihgabe des deutschen Musikinstrumentenfonds. Ich spiele es schon seit fast zehn Jahren, und auch wenn es keinen großen Namen trägt, kann es definitiv in den großen Sälen mit den bekannten Instrumenten mithalten. Das erleichtert mir das Spiel extrem, wenn ich weiß, dass der Sound auch bis in die letzte Reihe vordringt.

Aufmerksame Dresdner haben Sie kürzlich am ersten Cellopult der Staatskapelle unter Christian Thielemann entdecken können. Demnächst spielen Sie unter Sir Simon Rattle beim BR ...

Nach dem ARD-Preis im September haben mich beide Orchester gefragt, ob ich mich denn nicht einmal als Solo-Cellist ausprobieren möchte. Sowohl die Staatskapelle Dresden als auch das BRSO haben ja freie Solo-Stellen. Die Konzerte mit der Staatskapelle waren schon eine unglaubliche Erfahrung, und genauso freue ich mich jetzt schon auf das Projekt Ende Januar in München.

Das Pult haben Sie in Dresden mit dem Tschaikowski-Preisträger 2011 Norbert Anger geteilt. Ich habe mir mal die Preisträger dieses Wettbewerbs seit 1962 angeschaut. Wahnsinn, welche Lebensläufe die einzelnen Preisträger hingelegt haben. Wettbewerbe scheinen noch immer das einzige Eintrittstor für eine erfolgreiche Musikerkarriere zu sein – würden Sie zustimmen?

Teilweise stimmt das. Doch selbst das reicht oft nicht aus. Es gibt auch erste Preisträger des ARD- und Tschaikowski-Wettbewerbs, von denen man heute gar nichts mehr hört. Ebenso gibt es Cellisten, die ohne Teilnahme an den ganz großen Wettbewerben bekannt geworden sind. Das sind aber natürlich die Ausnahmen.

Es gehört auch eine gute Portion Glück dazu

Generell sind diese Wettbewerbe als Sprungbrett auf die große Bühne gedacht, und genau deswegen nehmen auch so viele Cellisten daran teil. Jeder Cellist, der behauptet, dass ihm Wettbewerbe Spaß machen, dem kann ich nicht glauben. Es ist mental und physisch eine sehr anstrengende Zeit, und nicht jeder kann diesem enormen Leistungsdruck standhalten.

Während des Studiums streben wohl die allermeisten Musiker eine Solokarriere an. Wie und wann entscheidet es sich eigentlich, ob man am Ende tatsächlich Solist wird?

Letztendlich hat man es nicht immer selbst in der Hand, und es gehört auch eine gute Portion Glück dazu. Für den Sprung in die ganz großen Säle muss der richtige Agent am richtigen Tag in deinem Konzert sitzen und deinen Stil mögen. Natürlich muss man viel an sich selbst arbeiten, aber man sollte vor allem versuchen, authentisch zu bleiben. Auch eine Solo-Stelle in einem Orchester kann ein erstrebenswertes Ziel eines Solisten sein.

Eine lebende Legende

Als Schüler von Wolfgang Emanuel Schmidt sind Sie sozusagen „Urenkelschüler“ von Rostropowitsch, dem Widmungsträger des 1. Cellokonzerts von Schostakowitsch. Wie nähert man sich eigentlich so einem Schlüsselwerk? Hören Sie die legendären Aufnahmen quer, studieren die Partitur, belesen sich über Schostakowitsch? Also: wie kommt die Musik zu Ihnen?

Natürlich kenne ich die alten Aufnahmen und habe auch ein tolles Buch über Schostakowitsch gelesen (Shostakovich and Stalin, Solomon Volkov), doch das hilft nur als Einstieg in die Lektüre, um die Hintergründe des Stückes kennenzulernen. Ich hatte nicht nur die Möglichkeit, von Prof. Schmidt Meinungen über das Stück zu erfahren, sondern habe schon mehrfach Unterricht von David Geringas erhalten, einem Schüler von Rostropowitsch, der das 1. Cellokonzert auch schon hunderte Male aufgeführt hat und für mich eine lebende Legende darstellt. Durch diesen Input bin ich selber viel mehr in die Materie eingestiegen und konnte mir meine eigene Meinung bilden.

Wenn Sie das Konzert beschreiben müssten: was passiert da? Was wollen Sie transportieren? Und: spielt Rostropowitsch da bei Ihnen im Kopf mit, machen Sie bestimmte Dinge bewusst anders?

Das Konzert wurde 1959 geschrieben, als die schlimme Zeit unter Stalin zu Ende ging, in der Schostakowitschs Werke teilweise verboten und zensiert wurden. Deshalb kann man an vielen Stellen in dem Cellokonzert ironische, sarkastische Motive herauslesen, die sich gegen Stalin richten. So wurde beispielsweise im letzten Satz Stalins Lieblingslied „Suliko“ bewusst banal und verzerrt versteckt. Für mich beinhaltet das Konzert einfach alles, was Schostakowitsch ausmacht. Offensichtlicher und versteckter Sarkasmus gegen Stalin, viele extrem rhythmische Elemente, Schmerz, Leid und Sehnsucht im langsamen Satz und das Ausloten aller möglichen Extreme. Das macht das Konzert so einzigartig und beliebt.

Schostakowitschs letzte Werke sind bald ein halbes Jahrhundert alt. Welche Cellokonzerte wurden seitdem geschrieben, die ich mir unbedingt anhören sollte? Und welche Cellistinnen und Cellisten haben das letzte halbe Jahrhundert aus Ihrer Sicht geprägt?

Im Moment lerne ich das Konzert von Mieczysław Weinberg, das gerade sehr im Kommen ist. Ebenso ist das Konzert von W. Lutoslawski einzigartig. Es beginnt mit einer unglaublichen Cello-Kadenz. Ich mag es eigentlich nicht, einzelne Cellisten herauszuheben, da ich bei jedem der großen Solisten einzelne Stücke finde, die mich besonders beeindruckt haben und andere wiederum nicht so sehr. Aber allgemein waren es für mich schon Jacqueline du Pré und Mstislaw Rostropowitsch, an denen wohl niemand ohne weiteres vorbeikommt.

Toleranz und Ausdauer fördern

Wenn Pablo Casals als Zugabe ein katalanisches Lied interpretierte, Rostropowitsch die Bachsuiten an der Berliner Mauer spielte oder Thomas Demenga über Donald Trump tweetet, verhalten sich Musiker zu ihrer Zeit. Sind sie dazu moralisch verpflichtet? Wie halten Sie es mit diesem Thema?

Ich glaube, dass man sich nur zu politischen Themen äußern sollte, wenn man sich auch wirklich intensiv damit beschäftigt hat. Die Arbeit von Igor Levit finde ich umwerfend und beeindruckend, doch es ist nicht jeder dafür gemacht. Ich halte mich politisch lieber zurück, doch engagiere mich dafür mehr für die Musikvermittlung für Kinder in Regionen, die oftmals noch nie ein Cello live gehört haben. Die Freude an klassischer Musik den Kindern weiterzugeben, ist mir sehr wichtig. Gemeinsames Musizieren fördert, aufeinander zu hören, fördert Toleranz und Ausdauer. Alles Dinge, die wir täglich in unserer Gesellschaft brauchen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Konzert am 25. Januar, 19.30 Uhr: „taktwechsel“, Alter Schlachthof Dresden. Werke von Mussorgski, Rachmaninow, Schostakowitsch und Borodin. Mitwirkende: medicanti, Wolfgang Behrend, Leitung, Friedrich Thiele, Violoncello

Tickets: über Reservix sowie in allen Reservix angeschlossenen Vorverkaufsstelle

Von Martin Morgenstern

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