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Regional Holzhammer statt Skalpell – „Mein Kampf“ am Staatsschauspiel Dresden
Nachrichten Kultur Regional Holzhammer statt Skalpell – „Mein Kampf“ am Staatsschauspiel Dresden
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18:05 03.12.2019
In der Dresdner Inszenierung von George Taboris Farce „Mein Kampf“ schlüpft Philipp Grimm in die Rolle des nicht sonderlich talentierten Kunstmalers Adolf Hitler. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

George Taboris „Mein Kampf“ ist so recht ein Meisterstück des Absurden und der philosophisch-ironischen Aufklärung. Die späte Abrechnung (1987) des ungarisch-britischen Autors jüdischer Abstammung mit seinem Erzfeind ist zugleich eine Art humorvoll-kritisches Sittengemälde über das Leben der Juden, angesiedelt in einem Wiener Männerasyl kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Hier schneit eines Tages ein ärmlich gekleideter junger Mann herein, der unbedingt Kunstmaler werden will. Sein Name: Adolf Hitler.

Die Dresdner Erstaufführung kurz nach der deutschen Wiedervereinigung konnte gebührenden Widerhall kaum finden. Nun aber gibt es in einer Spielzeit gleich zwei Inszenierungen im Einzugsgebiet. Während die Landesbühnen im März 2020 mit einer eigenen Fassung aufwarten, greift das Staatsschauspiel Dresden auf eine Braunschweiger Inszenierung von Daniela Löffler aus dem Jahr 2014 zurück, die am Sonnabend in weitgehend identischer Besetzung zum ersten Mal über die Bühne ging.

Alles Braune plakativ auf den bösesten Nenner gebracht

Matthias Werner hat sie mit zwei kahlen grauen Wänden, die einen schmalen Durchgang nach hinten lassen, in eine Art Bunker verwandelt. Die Möblierung ist spartanisch schlicht, aber sauber und modern bis komfortabel, denn hier gibt es sogar ein zu geistigen Obsessionen verführendes Frühstück. Lifestylisch angehaucht wird das Ganze noch durch einen verdorrten, LED-illuminierten Bonsai, der aber nur als Stütze für einen Bogen dient, mit dem der Koch Lobkowitz (Moritz Dürr), der sich eigentlich für Gott hält, gelegentlich Schicksal spielt und Pfeile in die graue Wand verschießt. Während er, wie auf Wolke sieben, symbolschwanger im weißen Tutu herumläuft, ist sein geistiger Widerpart, der Buchhändler Schlomo (Hans-Werner Leupelt), nur ein biederer grauer Geselle, der sich und die Welt retten will, indem er Gutes tut, aber letztlich das Gegenteil erreichen wird.

Die anderen Personen, die sich zunächst behelfsweise auf dem Tisch gelagert haben, passen nicht so recht in die Szene, bleiben erst einmal anonym: eine Frau mit Baby(puppe), die ihre Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille verbirgt, ein Mädchen, das fast in einer grauen Kutte verschwindet, ein Mann, der gelegentlich wie ein Hahn kräht und ansonsten gegen sich selbst Schach spielt. Außerdem taucht da noch das Puppenhuhn Mizi auf, ehe es eigentlich an der Reihe ist.

Ansonsten erzählt Daniela Löffler die Geschichte wohl genau so, wie sie aufgeschrieben ist. Ob sie damit auch dem Inhalt gerecht wird, darüber lässt sich trefflich streiten. Auch bei einem sehr weltläufigen Thema besteht die Gefahr, dass die Wirkung ausbleibt, wenn zu wenig Rücksicht auf die Projektionsfläche genommen wird. Noch fragwürdiger als die Methode der kryptischen Vorwegnahme scheint mir jedoch eine übertriebene Penetranz, mit der die intelligente Farce über weite Strecken zur einer Art Klamotte degradiert wird, in der alles Braune plakativ auf den bösesten Nenner gebracht wird.

Möchtegern-Kunstmaler Adolf Hitler (Philipp Grimm) und Buchhändler Schlomo (Hans-Werner Leupelt) Quelle: Sebastian Hoppe

Hitler (Philipp Grimm), der vermeintlich angehender Kunststudent, platzt also mit seiner Mappe herein in die erschrockene Gesellschaft, der abgemagerte Hippie, eher eine Jesus-Karikatur, hält ungefragt emphatische, fanatische Reden, wird zurechtgewiesen usw. Vor allem aber leidet er an Verstopfung und ist die meiste Zeit damit beschäftigt, sich mit ersichtlich äußerster Anstrengung aus diesem Zustand zu befreien. Mit heruntergelassenen Hosen – wenn es geht, auch auf dem Tisch. Glücklicherweise geht es nicht, aber braun ist auch die Haselnuss-Creme Nutella.

Eine wirklich geniale Idee

Wo brutale Penetranz vorherrscht, mit dem Holzhammer statt mit dem Skalpell agiert wird, verpuffen die Pointen, zumindest ihre feineren Nuancen. Wie Hitler Schlomos Idee klaut, sein Erinnerungsbuch „Mein Kampf“ zu nennen, mag ja noch angehen, aber dann reißt Schlomo dem ungebetenen, ständig randalierenden und schweinigelnden Gast – mit dem ihn trotz alledem eine Art Sympathie oder auch nur sein schlechtes Gewissen verbinden – einfach lange Haare und Schnurrbart wie eine Verkleidung ab und quetscht ihm eine totgetretene Maus (?) unter die Nase. Könnte heißen: nichts passiert, was nicht schon vorgesehen ist. Ähnlich läuft das mit der Sentenz, Hitler sei ein so schlechter Schauspieler, dass er eigentlich in die Politik gehen müsse. Dieser hier war wohl schon von selber darauf gekommen auf seinen Irrwegen durch Wien, die er wie in einem Alptraum zumeist nur in Unterhosen zurücklegt.

Dabei gibt es am Engagement von Grimm wie des übrigen Ensembles nichts auszusetzen sowie auch einige beinahe oder kurzzeitig wirklich berührende Momente, etwa wenn Schlomo Hitler, der nie weinen konnte, mit dem erst zynisch verlachten Tod der Mutter doch noch zu Tränen rührt. Viel puren Leerlauf dagegen, wenn Schlomo Gretchen, „die einzige Wiener Jungfer über 14“ (Ursula Hobmair) empfängt und sie es ihm mit Gummibärchen schön macht.

Mein Gott, jetzt zieht sich auch noch die Christine Hoppe aus, befürchtet man, wenn die Dame mit der Sonnenbrille nach dem Mantel auch noch das Kleid abwirft, aber dann hat sie darunter ein allerdings verfehlt mondänes Kostüm der kahlköpfigen Frau Tod, die eher verzweifelt um ein bisschen äußeren Anschein von Gefährlichkeit ringt. Sie ist eher der kluge Tod aus dem Märchen und nichts deutet auf eine „wunderbare Freundschaft“, die bis nach Coventry und Auschwitz führen wird.

Zuvor muss sie die ausführlichen peinlich berührenden Martern mit ansehen, die der Herr Himmlischst (Sven Hönig) auf Hinweise Hitlers dem Schlomo angedeihen lässt, um an dessen Buch heranzukommen, das ja nur den aus Grimms Märchen bekannten letzten Satz enthält. Das ist ein Aufwand, den Philipp Grimm nicht auffangen kann, wenn er mit seinem irren Blick, aber nun elegant als Diktator gestylt, die Seiten überfliegt, und hinter ihm dessen aus mehr aus 1000 Scheiben unterschiedlich braun geröstetem Toast mühselig von den Darstellern zusammengesetztes „Konterfei“ in voller Schönheit zu sehen ist. Eine wirklich geniale Idee, die in Dresden wohl eher ein müdes Lächeln erzeugt. U.a. wurde dafür eine Batterie von sieben Toastern an einer Kraftstromleitung (ca.10 kW) auf die Bühne gebracht. Ich weigere mich, darin eine Anspielung auf Verbrennungsöfen zu sehen. Bei dem Gedanken wird mir einfach nur schlecht.

Der Beifall des Premierenpublikums für die Darsteller war sicherlich verdient, hielt sich aber deutlich in Grenzen.

nächste Aufführungen: 11. & 22.12., 9.1.

www.staatsschauspiel-dresden.de

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