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Regional „Hochhausmelodien“ in der Florian-Geyer-Straße 15 uraufgeführt
Nachrichten Kultur Regional „Hochhausmelodien“ in der Florian-Geyer-Straße 15 uraufgeführt
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13:39 12.11.2019
Hochhaus Olicia Quelle: Hartmut Schütz
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Dresden

Es waren am Ende die Kontraste, die für den Reiz und die Spannung dieses Nachmittags sorgten: „Hochhausmelodien“ war die Uraufführung WHH17–Kammermusik (als Teil des Projektes „Nachbarschaften 2025“ für die Bewerbung Dresdens um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“) überschrieben, die am Sonntag nicht nur zwei Etagen des Johannstädter Wohnhauses Florian-Geyer-Straße 15 erfüllte.

Mit Überziehpantoffeln zum 20-Minuten-Konzert

So unterschiedlich, wie die Bewohner eines solch großen Hauses sein können, so verschieden gaben sich die fünf Teile des Nachmittags, für die der Begriff „Kammermusik“ weit ausgelotet war. Drei Mieter in der 12. und 15. Etage hatten ihre Wohnungen für die Aufführungen zur Verfügung gestellt, ein Fahrstuhl wurde zum Konzertort und das Treppenhaus barg von unten bis oben eine Klanginstallation, die auch das Auge ansprach.

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Das Interesse daran war beachtlich, wenngleich das Platzangebot in den Wohnzimmern erwartbar gering war, so dass die jeweils 20-minütigen Konzerte mehrfach stattfinden mussten, um den Besuchern nacheinander die Chance zu geben, alles zu hören. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kunsthauses Dresden war der Nachmittag bis hin zu den Überziehpantoffeln minutiös vorbereitet, so dass die Gäste durch das Gebäude gelenkt werden konnten, ohne den Bewohnern ihren Sonntag zu rauben. Kaffee, Kuchen und Wein vor dem Eingang sorgten zusätzlich für eine entspannte Atmosphäre.

Hochhaus-Musik mit Fama M'Boup Quelle: Hartmut Schütz

Fahrstuhlmusik und Treppenhauskunst

Hinaufgelangen zu den Wohnzimmerkonzerten konnte man auf zweierlei Weise. Der Weg durchs Treppenhaus führte durch die Musik von Sol-i So, Jaei Hyuk Ra und Elias Jurgschat (Studiengang Komposition an der Dresdner Musikhochschule), die beim Aufstieg entschwand, entgegenkam und sich in der Bewegung immer anders mischte: Posaunenklänge, Gesang, Sprache, Geräusche, Geigenspiel erfuhren von Etage zu Etage, die man entlang eines roten Fadens erklomm, beständige Wandlung. Gegenstände, Bücher und Kleidungsstücke an den Wänden begleiteten den Weg, der Blick über die Stadt sorgte für zusätzliche Eindrücke.

Zum kleinsten Konzertsaal als Gegenpol des riesigen Treppenhauses wurde der Fahrstuhl, der jeweils einem Hörer die Gelegenheit bot, die „Miniatur“ von Manos Tsangaris zu erleben. Der Komponist (Perkussion und Stimme) und Emily Yabe (Viola und Performance) gaben dabei dem Begriff „Fahrstuhlmusik“ einen neuen Inhalt, denn wo man sonst banal umspült wird, wurde man hier von den Musikern intensiv und aus nächster Nähe umspielt und fand sich für eine knappe Minute mitten im Klang – eine starke Erfahrung, das sonst Musikern in einem Ensemble vorbehalten bleibt.

Beim Eintritt in die Wohnungen wurde sichtbar, wie sich die Bewohner der Zweckmäßigkeit des Gebäudes entgegenstemmen, denn was die Flure an Nüchternheit verströmen, war hier mit Kunstsinn im Detail ausgeglichen und man sah sich unvermittelt etwa aufregend abstrakten Gemälden gegenüber. Und der weite Blick aus den Fenstern über Stadt und Elblandschaft geriet fast zu einer Ablenkung, der man sich mit Nachdruck verweigern musste.

Hochhaus-Musik mit Anna-Lucia Rupp Quelle: Hartmut Schütz

Streichquintett und raffinierter Elektronik-Jazz

Ein Streichquintett im Wohnzimmer war fast noch die normalste Situation unter den drei Wohnzimmerkonzerten. Und auch dem Elbhang-Quartett (hier in Quintettbesetzung mit Sabine Meng und Clara Jacob, Violine, Maria Heyn und Petra Sahm, Viola sowie Sebastian Schellong, Violoncello) dürfte sie vertraut gewesen sein, sind doch die Mitglieder keine Berufs-, sondern ambitionierte Hobbymusiker. Sich da öffentlich an Bruckners Quintett F-Dur zu setzen, war dann wohl auch in diesem kleinen Rahmen unproblematisch. Und dabei überzeugte das Quintett mit Lebendigkeit und Ausdruck, der alles verbale Bestehen auf dem Laienstatus in den Hintergrund schob.

Hochprofessionell, doch nicht weniger lebendig spielte zwei Türen weiter das Duo „Olicía“ (Anna-Lucia Rupp und Fama M’Boup) mit Stimmen, Keyboard, Perkussion und Elektronik einen aus live gesampelten Loops und gespieltem Instrumentarium raffiniert gemixten Elektronik-Jazz, der dank neuestem Equipment bequem in der nicht eben geräumigen Küche dargeboten werden konnte. Der Sound und die Musik von „Olicía“ waren eine erfrischende Überraschung.

Auf dem Heimweg durchs Klanglabyrinth

Traditionell im besten Sinn ging es drei Etagen tiefer zu, wo die Sängerin Sandra Mo zur Gitarre griff und zwischen den Liedern von den Wechselfällen des Lebens als Schlagerstar erzählte. Dass sie das ohne Larmoyanz kann, ist wohl einem starken Charakter zuzurechnen. Nach dem Abschied von der Showbühne arbeitet die Sängerin heute als Musiktherapeutin und sie nahm ihren Auftritt gleich als Gelegenheit, auf die entsprechende Kraft der Musik zu verweisen. Auf die Bekanntheit ihrer Lieder konnte sie noch immer rechnen: Volksmelodien waren ebenso darunter, wie der einstige Ohrwurm „Hätt’ ich nochmal...“ oder auch humorvoll-freche.

Der Weg zum Ausgang durch das Klanglabyrinth des Treppenhauses erinnerte wieder an die Spannweite der Musik dieses Nachmittags. Und es drängte sich dabei die Frage auf, ob ein solch kleinteiliges, rares und mit der Idee des Besonderen sehr speziell inszeniertes Konzert tatsächlich einen Schub für die Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt“ bedeuten kann. Als kulturelle Selbstvergewisserung, an der sich der Facettenreichtum des hiesigen Musiklebens ablesen lässt, war dieser Nachmittag interessant, wie er es auch als vielgestaltiges Musikerlebnis war. Dem Anspruch dessen, was Kulturhauptstädte ausmachen kann und in den vergangenen Jahren auch ausgemacht hat, schien er allerdings nicht so ganz zu genügen.

Von Hartmut Schütz