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Regional Hinter den Kulissen – Hier entstehen die Bühnenbilder der Staatsoperette
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12:54 04.09.2019
Theatermalerin Carina Slavik gestaltet ein riesiges Bühnenbild. Die Theaterwerkstätten werden von Staatsoperette und tjg gemeinsam genutzt. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Der Geruch von Farbe trifft auf die Geräusche einer Schleifmaschine. Zahlreiche Holzelemente, daneben eine Plastik aus Styropor, gegenüber bemalte Seidenvorhänge. Wohin das Auge auch reicht, die Theaterwerkstätten der Staatsoperette Dresden gleichen wahrlich einer bunten Wundertüte für alle Sinne – die Kreativität in den Räumen lässt sich förmlich spüren.

Seit 2016 werden die Bühnenbilder für die Inszenierungen in den neuen gemeinsamen Werkstätten von Staatsoperette und Theater Junge Generation (tjg) auf dem Gelände des früheren tjg in Cotta gefertigt. Auf rund 2500 Quadratmetern wird dort getüftelt und gestaltet: Es befinden sich in den Werkstätten Malsaal mit Farbküche, Schlosserei, Näherei, ein Bereich für Skulpturen und Plastik sowie eine Schreinerei. Letztere unterteilt man nochmals in Maschinenraum und Bankraum. Insgesamt sechs Frauen und vier Männer setzen hier in zahlreichen Stunden Arbeit die Entwürfe von Bühnen- und Kostümbildnern um.

Komplexes Bild

Hinter den Kulissen zieht Mario Radicke die Fäden. Der 59-Jährige ist seit 20 Jahren Technischer Direktor an der Staatsoperette. Über 100 Bühnenbilder haben seit 2001 unter seiner Aufsicht Gestalt angenommen.

Gleich zu Anfang klärt Radicke auf – den Beruf des Kulissenbauers gibt es so eigentlich nicht. Das sei viel komplexer. „An einem Bühnenbild arbeiten Tischler, Schlosser, Theatermaler und Theaterplastiker sowie Dekorateure“, erzählt er. Das entstehende Bild sei somit eine Melange aus Handwerk und Kunst – dementsprechend ebenso ein Gemisch der Berufe.

Mario Radicke ist Technischer Direktor der Staatsoperette. Über 100 Bühnenbilder sind unter seiner Aufsicht entstanden. Quelle: Dietrich Flechtner

Anfangs entwickelt ein Bühnenbildner mit dem Regieteam ein Modell des Bühnenbildes, den Entwurf stellen sie anschließend den Technikern vor. Diese entscheiden mit der Intendanz, ob das Konzept überhaupt realisierbar ist – schließlich ist nur ein bestimmtes Stellenkontingent vorhanden. „Die Künstler gehen oft vom Maximum der Möglichkeiten aus. Die Ideen kosten demnach meistens viel zu viel“, weiß Radicke aus Erfahrung.

Zudem spielt auch die Anzahl der Neuproduktionen eine Rolle – der Etat muss schließlich für alle reichen. „Oft besteht deshalb der Drang zu reduzieren. Aber man will nicht an Attraktivität sparen“, erklärt der 59-Jährige. Nicht selten gibt es deshalb lange Verhandlungsphasen mit Regie und Bühnenbildner.

Danach erstellen die Teams eine Bauzeichnung, die schließlich an die Cottaer Werkstatt übergeben wird. Innerhalb dieser sogenannten Werkstattübergabe werden weitere Einzelheiten, etwa zu den Materialien oder der Gestaltung der Oberflächen, exakt mit dem Bühnenbildner bestimmt.

Hinter diesen Wänden verbergen sich die Theaterwerkstätten. Quelle: Dietrich Flechtner

Marcus Großer führt in Cotta als Produktionsleiter die Fabrikationsstätte und setzt die künstlerischen Ideen in das Bühnenbild um. Radicke fungiert als Chef des Ganzen und sichert vor allem, dass die Bühnendekoration am Ende auch funktional ist. Einmal pro Woche ist der Dresdner deshalb in Cotta vor Ort und informiert sich über den Stand der Entwicklungen.

Keine Automatismen

Jedes Bühnenbild ist ein Unikat – und damit eine Herausforderung. „Wir können die Fertigungszeiten manchmal nur schwer einschätzen. Schließlich ist es jedes Mal ein völlig neuer Prozess mit neuer Technik und neuen Materialien. Etwas, was wir eben zuvor noch nicht in der Art und Weise gefertigt haben“, so der Direktor.

Anhand der Anzahl von Neuproduktionen während der Spielzeit und dem Premierenplan werden sogenannte Produktionszeiten für die Fertigung festgelegt. Rund 30 bis 40 Produktionstage haben die Handwerker dann meist Zeit, die Entwürfe umzusetzen. Manchmal aber auch weniger.

„Letztlich schaffen wir es immer irgendwie. Vor allem durch die aufopferungsvolle Hingabe der Mitarbeiter“, erzählt Radicke. Außerdem verrät er: Wenn es hart auf hart kommt, helfen sich die Werkstätten der beiden Nachbar-Theater des Öfteren mal aus. Und er plant jedes Mal zwei Wochen Pufferzeit ein.

Eingekauft wird speziell für das jeweilige Stück. Produktionsleiter Marcus Großer bestellt die Materialien und ist außerdem verantwortlich für die ein oder andere Kuriosität. So wurden zum Beispiel ein Zahnarztstuhl aus den 50ern, ein Auto oder eine freistehende Badewanne beschafft. Dafür stöbert der Werkstättenleiter auch gerne mal auf Gebrauchtwaren-Websites wie Ebay-Kleinanzeigen.

Kunst ist vergänglich

Die Staatsoperette und das tjg sind derweil, ihrem Standort geschuldet, die einzigen Theater in Dresden mit derart großer Lagerkapazität vor Ort. Hinter der Bühne der Staatsoperette lagern momentan auf 1200 Quadratmetern die Bühnenbilder für zehn Inszenierungen, weitere sechs sind in Containern ausgelagert. „Der Rest wird aufgrund von mangelnden Lagerkapazitäten entsorgt. Manche Bühnenbildteile sind zudem so speziell, dass wir oft keine Verwendung mehr dafür haben“, sagt Radicke. Schlimm ist das für ihn jedoch nicht: „Ich weiß ja, dass jedes Bild nur für eine bestimmte Zeit gefertigt wird.“ Da seien ungeplante Katastrophen wie der Wasserschaden 2017 viel tragischer.

Die Kostüme werden auf 160 Quadratmetern in einem Fundus in Laubegast aufbewahrt. Die Wiederverwendungsquote sei hier zwar um ein Vielfaches höher als bei den Requisiten, und einige Teile werden bei speziellen Aktionen verkauft – dennoch kann auch vieles nicht aufgehoben werden.

Durch den neuen Standort im Kraftwerk Mitte ist auch die Bühne im Vergleich zur alten Spielstätte der Operette viel größer geworden, so Radicke. Folglich brauche er in einigen Bereichen eigentlich mehr technische Mitarbeiter – die bei der Stadtverwaltung beantragten neuen Stellen wurden bisher jedoch noch nicht genehmigt. „Die dritte Spielsaison in unserer neuen Spielstätte haben wir mit 83 Prozent Auslastung abgeschlossen. Das sind fast 15.000 Zuschauer mehr als in der vorherigen Spielzeit. Die Bühnenbilder sind in dieser Hinsicht maßgebend, um das Publikum optisch anzuziehen“, so der 59-Jährige.

Getaktete Abläufe

Zunächst liefern Schlosser oftmals Konstruktionen und Gerüste als Arbeitsgrundlage (Bühnenbildgrundlage). Die Schreiner fertigen derweil Möbel, Rahmenwände und andere diverse Bühnenelemente. Sind diese Arbeitsschritte abgeschlossen, geht es an die Feinheiten. Dekorationselemente werden in der Näherei genäht oder gepolstert, im Malsaal erhalten die Bühnenelemente die endgültige Oberflächengestaltung.

Raumausstatterin Paula Beutmann Quelle: Dietrich Flechtner

Ist erst einmal alles fertig, wird das Bühnenbild abschließend zusammengebaut – eine Art Test-Aufbau. „So erklärt sich auch die Deckenhöhe von 6,5 Metern. Denn die Elemente können auch mal in die Höhe ragen“, sagt Radicke. Danach wird alles demontiert und final in die Staatsoperette gebracht: Dort finden dann die ersten Proben samt Kulisse statt.

Und dort feiert auch am 7. September die neue Inszenierung „Hier und Jetzt und Himmelbau“ Premiere, es ist die erste der Amtszeit der neuen Staatsoperettenintendantin Kathrin Kondaurow . Bis dahin muss also alles fertig sein. „Für das komplette Bühnenbild haben wir 34 Tage. Bis jetzt liegen wir gut in der Zeit“, sagt Radicke zufrieden. Seit Mitte Juli arbeitet das Team an der Umsetzung der Entwürfe: Die Holzkonstrukte sind fertig und auch die Schlosserarbeiten abgeschlossen – jetzt geht es an die Details. Die Zuschauer dürfen gespannt bleiben, bis sich schließlich der Vorhang hebt.

Premiere „Hier und Jetzt und Himmelbau“ am 7. September, 19.30 Uhr, Staatsoperette Dresden im Kraftwerk Mitte, Text von Jan Neumann, Musik von Leo Fall bis Friedrich Holländer, von Sven Helbig bis Wincent Weiss, ein Auftragswerk der Staatsoperette Dresden

Von Annafried Schmidt

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