HfBK Dresden: Diplomaustellung 2020 noch bis Anfang November
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Regional Diplomaustellung der HfBK Dresden: Facettenreich wie lange nicht mehr
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HfBK Dresden: Diplomaustellung 2020 noch bis Anfang November

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14:33 19.10.2020
Arbeiten von Philipp Putzer im Vordergrund, dahinter links von Stefan Schleupner, rechts das Bild von Hamidreza Yaraghchi. Quelle: Adina Rieckmann/Simone Liss
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Dresden

Cleaner geht es nicht. Ein leerer Raum, an den Wänden acht Paneele, eine Pedale am Boden. Wer seinen Fuß darauf setzt, ist mittendrin. Mittendrin in dem Sound. Man ist ihm geradezu ausgeliefert. Kinderschreie, startende Drohnen, Baustellenlärm, was auch immer. Man kann sich diesen Klängen nicht entziehen. Sie schieben einen wie eine Masse vor sich hin, vor sich her. Unerbittlich. Wer sich diesen zehn Minuten aussetzt, macht eine spannende körperliche Erfahrung. Es scheint, als würde man sich in einem bildhauerischen Material bewegen, als sei man Teil davon. Aus jedem der selbstgebauten weißen Kanäle kommt ein anderer Klang, man schreibt sozusagen seine eigene Inszenierung, seinen eigenen Sound. Felix Ermacora ist mit seiner Klangplastik „Implosion“ im Atelier 103 etwas sehr Bemerkenswertes gelungen. Wer Entgrenzung am eigenen Leib erfahren will, hier ist es möglich. Denn alle festen Strukturen sind aufgehoben, Raum und Zeit aufgelöst. Und so erzeugt diese Klangplastik unbedingten Handlungsdruck, zwingt einen geradezu zur eigenen Positionsbestimmung. Vielleicht aber fordert sie aber auch auf, inakzeptable Grenzen zielgerichtet zu übertreten.

„Passiv/Aggressiv“ von Willy Schulz

Hund. Wanne. Grubenwagen. Steine. Sensen. Bomberjacken. Das ist das, was man sieht, was man im Oktogon sieht. Der Rest ist das uralte Spiel, ich sehe das, was du nicht siehst und das ist: Gewalt, pure Gewalt. Der Hund fletscht die Zähne, gleich wird er einen anspringen, jetzt in diesem Moment. Wie die Sensenmänner mit den Bomberjacken. Martialisch stehen sie da, warten nur auf das Signal. Dann schlagen sie los - ins Gesicht, in die Weichteile, immer und immer wieder. Gnadenlos. Irgendeiner greift sich die Steine und fängt an zu werfen. Mitten in die Menge hinein. Schreie gellen durch den ganzen Raum. Wunden klaffen, Blut, wohin man sieht. Blut? Wo? Man sieht nur Erdbeersaft oder was auch immer, aber kein Blut. Der Hund soll gefährlich sein? Der? Dieses farbenfrohe Etwas? Niemals. „Passiv/Aggressiv“ heißt der Titel dieser Arbeit von Willy Schulz und sie zwingt dazu, alte Denkmuster beiseite zu schieben, seine eigenen Projektionsflächen neu zu denken.

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Langwellen im „Radio-Profil“ von Stefan Schleupner

Wellen über Wellen – vom Meer, vom Wind, vom Rauschen. Drei überdimensionale Blätter, ein riesiger Radiograph mitten im Pentagon Ost. Hingestellt hat ihn Stefan Schleupner. Und er konfrontiert den Betrachtern mit nichts Geringerem als mit dem, was wir Menschen nicht fassen können, nicht verstehen. Seine Maschine zeichnet Radiolangwellen auf elektromagnetische Wellen mit Wellenlängen zwischen 1000 und 10.000 Metern. International werden die Langwellensender allmählich abgeschaltet. Der Deutschlandfunk zum Beispiel stellte die Ausstrahlung auf 153 kHz zum 31. Dezember 2014 ein. Nur wenige Institutionen, wie Geheimdienste, nutzen den Langwellenbereich noch. So kommt, dass man hauptsächlich nur noch kosmisches Rauschen und elektromagnetische Winde hören kann, genauer gesagt, empfängt. Dieses Rauschen aber, das ist das, was die Maschine von Stefan Schleupner empfängt und aufzeichnet. Wer sich auf dieses Gedankenspiel, auf seine Arbeit „Radio-Profil“ einlässt, der liest das, was aussieht wie Meereswellen, als einen Gruß aus dem Universum. Eine faszinierende Vorstellung.

„Hidden Angels“ von Ronja Sommer

Ob dieser Weg – die enge Wendeltreppe hinunter – schon zur Arbeit von Ronja Sommer gehört? Und was erwartet einen dort unten – in diesem geschlossenen dreieckigen Hof? Container über Container. Wuchtig stehen sie da, besetzen den Raum und den Betrachter. Erst hört man die Klopfzeichen, dann die Altstimme, den sakralen Gesang. Dann sieht man die offene Tür. Und man weiß schon vorher, hier wartet das Schreckliche auf einen, dass, was man nie sehen möchte, gern verdrängen will. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto stark vergrößert: Götter in Weiß, assistiert von drei Frauen, stehen um einen Tisch, auf dem ein Leichnam liegt. Anatomieunterricht für Künstler um 1920, hier gleich in den umliegenden Räumen. Sofort stellen sich Assoziationen ein, fallen einem Flüchtlingslager, wo auch immer ein, sieht man Josef Mengele im KZ Auschwitz-Birkenau hantieren. Und stellt sich Fragen: Was sehe ich wirklich? Wie möchte ich sehen? Und warum weiche ich lieber aus? Gibt es so etwas wie einen objektiven Blick? „Hidden Angles“ heißt diese starke Arbeit. Ihre Stärke liegt darin, dass sie in einem ein unbehagliches Schwingen auslöst, ein sich selbst in Frage stellen.

die Arbeit von Viktoria Kurnicki Quelle: Adina Rieckmann/Simone Liss

„Seeking The Spheres To Connect Them“ von Nadine Glas

Fünf Holzrahmen stehen auf Sockelfüßen frei hintereinander im Pentagon Ost. Die Rahmen sind mit Kettfäden aus cremeweißem Baumwollgarn bespannt und mit mehreren Formen in bunter Wolle bewebt. Man kann sie als abstrakte Zeichnungen lesen, die alle zusammen ein Raumbild ergeben. Man kann aber auch dem Titel folgen: „Seeking The Spheres To Connect Them“ („Auf der Suche nach den Sphären, um sie zu verbinden“). Dann entdeckt man in den Mustern nicht nur einen Rhythmus, sondern auch gewebte Musik, Computercodes und Chiffren. Nadine Glas hat sich von einer Zeile aus dem Walt Whitmans Gedicht „A noiseless patient Spider“ inspirieren lassen und bietet mit ihrer Arbeit eine Art Suche an, eine Sinnsuche? Hier geht es nicht um den Wandteppich fürs Wohnzimmer, stattdessen um ein intuitives Spiel mit Linien und deren Verdichtung bis hin zur konkreten Form im Raum. Die Künstlerin spielt ein ganz eigenes Weltkonzert und, das macht diese Arbeit so besonders, sie bezieht den Betrachter mit ein, macht ihn zum Teil des Spiels. Je nachdem, von welchem Standpunkt aus man die Holzrahmen betrachtet, ob aus der Nähe, der Ferne verweben sich die Chiffren zu neuen Bildern, zu neuen Erklärungsmustern.

Insgesamt 34 Absolventinnen und Absolventen

Diese fünf Arbeiten von Schülern aus der Klassen von Carsten Nicolai, Wilhelm Mundt, Susan Philipsz und Anton Henning stehen für die hohe Qualität der diesjährigen Diplomausstellung. 34 Absolventinnen und Absolventen zeigen auf unterschiedliche Art und Weise, was sie interessiert, antreibt und bewegt. Nun, es muss einem nicht alles gefallen, Manches scheint zu viel gewollt, zu wenig eingelöst, zu pompös, gar simpel. Doch eines kann man diesem Jahrgang nicht absprechen: Ernsthaftigkeit für sein eigenes Tun und Schaffen, Mut zum Risiko, zu Großformaten und auch zu gesellschaftsrelevanten Themen. Coronabedingt wurde die Diplomausstellung auf den Herbst verschoben, fast scheint das ein Glücksfall zu sein. So konzentriert, facettenreich, spannend hat die Autorin schon lange nicht mehr ein Diplom an der Kunsthochschule Dresden gesehen.

Drei starke Arbeiten im Pentagon Süd

Auch nicht solch einen wunderbar kuratierten Raum wie den Pentagon Süd. Drei starke Arbeiten von Studentinnen aus den Klassen Christian Macketanz, Christian Sery und Carsten Nicolai. Von unglaublich malerischer Qualität die Sandsteinformationen von Erika Richter, präzis, emotional aufgeladen zugleich. Hier wird sehr schnell klar, die Künstlerin will alles zeigen, nur nicht das Postkartenmotiv, die schöne Landschaft. Ihre „Erosionen“ sind stattdessen nichts anderes als Porträts – von Steinformationen zu verschiedenen Jahreszeiten. Das Porträt aber macht die versteinerte Ewigkeit zu einem Moment, hält die gigantische Zeitspanne fest.

Sol Namgung brilliert mit einer ganz eigenen, frischen Übersetzung des Vokabulars der Abstraktion der klassischen Moderne, mit Gemälden mit seltsamen Titeln wie „Frühstück“, „Ego 2020“ oder „Guckkasten“. Zu sehen sind reduzierte, aber farbenfrohe Gemälde, die geometrische, figürliche und künstlich organisch anmutende Elemente kombinieren. Unterschiedlicher können malerische Positionen kaum sein. Beide aber fügen sich – wie dafür gemacht – in das Diplom von Viktoria Kurnicki ein. „Immer nur eine Annäherung“ nennt sie ihre Spiegel-Schrift-Installation. Sie zeigt nichts anderes als die Länge eines Gedankenflusses, als eine umgesetzte Reflexion über die eigene Arbeit. Wenn man es genau nimmt, ist die Künstlerin die erste an der Akademie, die über ihr Diplom schreibt – Zeile für Zeile, Satz für Satz, Gedanke für Gedanke, wie „Ich möchte nicht behaupten, dass man meiner Handschrift irgendwelche Charakterzüge entnehmen kann, jedoch hat sie natürlich etwas sehr Persönliches.“ Oder: „Irgendwann begann ich mich einfach zu schämen.“ Wofür? möchte man fragen, wenn man diese eigenwillige und poetische Arbeit sieht, wenn man sich ihr annähert, sich in der Tiefe der Spiegel verliert.

Der diesjährige Diplompreis des Freundeskreises der Hochschule ging übrigens an Lea Zepf aus der Klasse Martin Honert für ihre Arbeit „Das Dritte Standbein“, eine Installation frei nach dem Surrealisten René Magritte, einem Nachdenken über Künstlerexistenzen im Heute 2020. Verdient hätten ihn in diesem Jahre – so die Autorin – mehrere Absolventinnen und Absolventen. Überzeugen davon kann man sich noch bis zum 1. November.

www.hfbk-dresden.de

Von Adina Rieckmann