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Regional Hermann Glöckner-Schau in München – Der Nonkonformist aus Dresden auf großer Bühne
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17:24 11.12.2019
Hermann Glöckner: Selbstbildnis mit Pfeife, 1923-1924, Aquarell, Staatliche Graphische Sammlung München, Vereinigung der Freunde der Staatlichen Graphischen Sammlung München e. V. Quelle: Staatliche Graphische Sammlung München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
München/Dresden

Dieses Gold, dieses Mattgold, es sticht sofort ins Auge. Was für ein Schimmern! Es wirkt so leicht, so verspielt und gleichzeitig einfach nur streng und ernst. All die scheinbaren Kratzer, den flüchtigen Abrieb nimmt man erst sehr viel später wahr. Vorher sieht man nur die Farbe, nichts als die Farbe, das Strahlen, das Leuchten – radikale Monochromie eben.

Hermann Glöckner: Rechtwinkelige Durchdringung: Zeichen F auf Schwarz, um 1932. Doppelseitige Tafel, Geburtstagstafel für Frieda Glöckner; Seiten A und B: Tempera, Papier, Pappkörner, gelackt. Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung, München.  Quelle: Staatliche Graphische Sammlung München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Hermann Glöckner schuf diese doppelseitige Tafel um 1930/1932, fast zur gleichen Zeit wie die Tafel Rot über Schwarz und Blau. Auch diese formal-konstruktive Collage mit farbigen Papieren ist unglaublich. Es ist diese bedingungslose Ordnung, die einen in ihren Bann zieht. So einfach, klar, logisch, ja ruhig kommt diese Tafel daher und trotzdem so voller Wucht. Mit einem Farbenklang, der in seiner Radikalität seinesgleichen sucht. Ganz anders und dennoch genauso faszinierend die Rückseite dazu.

Hermann Glöckner Rechtwinkelige Durchdringung: Zeichen F auf Schwarz, um 1932 Doppelseitige Tafel, Geburtstagstafel für Frieda Glöckner 500 x 350 x 3 mm Seite B: Tempera, Papier, Pappkörner, gelackt Staatliche Graphische Sammlung München Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung, München Inv.-Nr. L 2413 Quelle: Staatliche Graphische Sammlung München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Figuren minimalistisch angedeutet, angeordnet, das ist archaische Geometrie – nicht mehr, nicht weniger. Der dreimal gebrochene Keil auf Schwarz vom 12. März 1937 ist auch solch ein Meisterwerk. Graphit und Tempera-Silber bestimmen die Seite A der festen, plattenhaften Tafel. Der collagierte Keil ist um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedreht. Er wirkt derart plastisch, dass sich unbedingt das Gefühl von Raum und Tiefe aufdrängt. Es ist nur eine dreimal gefaltete Flächenfigur, doch man traut seinen Augen nicht. Mehr Illusion geht nicht: Jetzt gleich, jetzt sofort schwebt der Keil aus der Tafel, direkt auf einen zu.

Innere Emigration unter den Nazis, aber auch in der DDR

In Dresden das Werk von Hermann Glöckner (1889 Dresden–1987 Westberlin) erklären zu wollen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Er zählt heute zu den Ausnahmekünstlern unter den Avantgardisten der deutschen klassischen Moderne. Gleichwohl war er selbst in der Elbestadt nur wenigen Personen bekannt – als Einzelgänger, als Nonkonformist. Seine Formexperimente führten ihn notgedrungen in die innere Emigration – unter der nationalsozialistischen Diktatur und im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat.

Dieser vornehme, zurückhaltende Mann konnte nicht anders, als im Verborgenen an seiner Kunst zu arbeiten. Nur so konnte er physisch und psychisch überleben. Hermann Glöckner schuf trotz der politischen Widrigkeiten, trotz der Abgeschiedenheit im Loschwitzer Künstlerhaus ein herausragendes künstlerisches Werk. Erst 1969 gab es erste öffentliche Anerkennung. Das Dresdner Kupferstich-Kabinett richtete ihm eine Ausstellung aus – zum 80. Geburtstag.

Zum 130. nun feiert die Staatliche Graphische Sammlung in München Hermann Glöckner als „Meister der Moderne“. Die Ausstellung zeigt Beispiele seines frühen Tafelwerks aus der Zeit von 1930 bis 1935. Das ist genau jener Zeitraum, in dem der Künstler damit begann, das Material seiner Ideen festzuhalten, eine Serie von mehr als 100 Kartons, zu denen Collagen aus Zeitungsausschnitten genauso gehören wie aus farbigem Papier zusammen gestellte Abstraktionen. Eigentlich wollte er diese Tafeln nur als Studienwerk betrachtet wissen, erst sehr viel später wurde ihm bewusst, dass genau dieses Studienwerk bahnbrechend für sein späteres Gesamtwerk ist.

Die Kuratoren Michael Hering (der zum Jahresbeginn 2016 von Dresden nach München gegangen war) und Franziska Stöhr begleiten diese Tafeln mit einer Gruppe seiner Modelli der 1960er- und 1970er-Jahre, Entwürfe zu geplanten großformatigen skulpturalen Faltungen. Diese räumlich-plastischen Faltungen aus Papier, Pappe und Pappkarton kann man sich heute ohne das frühe Tafelwerk nicht denken. Auch sie bildeten für ihn eine Art Vokabular, auf das er jederzeit zurückgreifen konnte. Hermann Glöckner hat diese leicht vergilbten Modelli Zeit seines Lebens als eine Inspirationsquelle verstanden. Sie sind – wie das frühe Tafelwerk – zugleich ein Schlüssel zum Verständnis seiner gesamten Arbeit.

Das nicht einmal 20 Zentimeter hohe Modelli „Mehrfache Verschlingung eines Passepartoutdeckels“ aus dem Jahr 1977 verdeutlicht es. Ein Karton, mehrfach gebogen, mit zwei Büroklammern stabilisiert. Dieses Knäuel hätte auch eine riesige Skulptur sein können, frei auf einem großen Platz stehend. Das sieht man schon diesem Pappmodell an. Vielleicht auch, weil man sich selbst in diesem Winzling verlieren kann. Hermann Glöckner wollte diese kleinen, zarten und provisorischen Modelli in monumentaler Größe ausgeführt sehen. Das war ihm und uns leider nicht vergönnt. Nur wenige Skulpturen wurden letztendlich umgesetzt.

Viele Leihgaben aus dem Dresdner Kupferstich-Kabinett

Diese bunt bemalten Kartons – sie wirken wie ein Modellentwurf für eine modernistische Stadt. Man meint das Ensemble von 1978 mit seinen acht farbigen Baukörpern längst irgendwo gesehen zu haben. Ja, genau, 2018 in der großen Ausstellung von Thomas Scheibitz im Kunstmuseum Bonn. Seine farbigen Quader, Rechtecke, Kreise und Dreiecke sprangen einen dort geradezu an. Natürlich war dieses Ensemble in Bonn nicht zu sehen. Das Déjà-vu muss dennoch nicht verwundern. Dem Altmeister eilt bis heute der Ruf eines artist’s artist voraus – Künstler, die andere Künstler inspirieren, wesentlich beeinflussen. Und ganz offensichtlich kennt der 1968 in Radeberg geborene Künstler den Nonkonformer und sein bis heute radikal erscheinendes Werk gut.

Diese Ausstellung in der Pinakothek der ModerneHermann Glöckner. Ein Meister der Moderne“ wäre ohne die großzügige Unterstützung des Kupferstich-Kabinetts Dresden, ohne die zahlreichen Leihgaben nicht das, was sie ist: fulminant, großartig, prächtig. Sie ehrt wirklich den Meister der Moderne, sie bestätigt ihn tatsächlich in der ersten Riege der Neuerer unter den Avantgardisten.

Hermann Glöckner: Hofewiese (Fachwerk-Scheune), 1932, Bleistift, Staatliche Graphische Sammlung München, Schenkung von Sebastian Schmidt, Dresden, 2017. Quelle: Staatliche Graphische Sammlung München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Wie gut, dass diese Ausstellung nicht in Dresden gezeigt wird, sondern in München. An der Elbe weiß man längst um ihn. Anderswo in Deutschland braucht es dieses Mattgold, das einem sofort ins Auge springt, oder dieses winzige Knäuel aus Pappkarton, in dem man sich einfach so verlieren kann. Dann vielleicht sieht man es auch anderswo, dass Hermann Glöckner der Meister, der Patriarch der Moderne ist.

Informationen zur Ausstellung

bis 19. Januar,

Pinakothek der

Moderne, Barer Str. 40, München

geöffnet täglich (außer Mo) 10-18, Do bis 20 Uhr

www.pinakothek-der-moderne.de

Von Adina Rieckmann

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