Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Gelungenes Experiment – Werke der letzten DDR-Kunstausstellung in Dresden
Nachrichten Kultur Regional Gelungenes Experiment – Werke der letzten DDR-Kunstausstellung in Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:51 23.12.2019
Angela Hampel: Paarungen I (Teil des Tryptichon) 1986 Mischtechnik auf Presspappe, Leihgabe der Künstlerin. Quelle: Franz Zadnicek; VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Dresden

Angela Hampel schaut sich jedes einzelne dieser 34 Gemälde genau an. Mit „Draußen, Drinnen und Ich“ zeigt Wolfgang Mattheuer sein viel zu kleines Atelier, die Fenster sind alle sperrangelweit geöffnet, ist er es selbst, der zum Sprung ins Freie ansetzt?

Neo Rauch hält schiere Resignation fest, mit einem traurig blickenden Mann in einem düster-blauen Zimmer. Was weiß dieser arme Mensch „Ohne Titel“, was hat er erlebt, dass seine Müdigkeit einen fast körperlich schmerzt? Und wer sind diese Menschen von Uwe Pfeifer, die „Auf dem Wege“ sind, dieser seltsam blickende Harlekin, diese rote, splitterfasernackte Frau, dieser Mann mit Federschmuck und Schnurrbart?

Angela Hampel Quelle: privat

Und natürlich steht die Künstlerin auch vor ihrem Triptychon „Paarungen“ – vor den Liebenden mit den grünen und roten Gesichtern. Nachdenklich blickt sie auf ihr eigenes Werk. Was erzählen ihr selbst diese kraftvollen und zugleich intimen Botschaften? Gemalt hat sie diese Lust und Verletzlichkeit 1986, da war sie 30 Jahre alt. Sie wollte das Triptychon damals unbedingt bei der X. Kunstausstellung der DDR zeigen, erinnert sie sich: „Natürlich! Wer von uns jungen Künstlern wollte nicht dabei sein“, sagt sie und schiebt die Erklärung sofort hinterher: „Das war die wichtigste Ausstellung in der DDR. Über eine Million Menschen schauten sie sich schließlich an. Und wir wollten doch, dass unsere Bilder gesehen werden, dass über sie diskutiert wird. Was Besseres konnte uns doch gar nicht passieren.“

Heute bleibe das nur noch ein Wunsch, dass ein Werk wirklich wahrgenommen, tatsächlich in der Gesellschaft verhandelt wird, das sagt sie auch noch. Angela Hampel war damals übrigens eine der 81 jungen bildenden Künstlerinnen und Künstler bis 35 Jahre, sie war auch eine der wenigen Frauen, 177 Männer durften ihre Gemälde damals ausstellen, aber nur 37 Frauen.

Lesen Sie auch: Städtische Galerie Dresden zeigt Bilder aus der X. Kunstausstellung der DDR

 Der Publizist Hans-Peter Lühr war einer der 1,1 Millionen Menschen, die damals die Ausstellung gesehen haben. Er spricht von einem Sog, dem man sich nicht ohne weiteres entziehen konnte. „Man musste nicht hingehen, man wollte da hin“, sagt er und auch, dass viele Freunde und Kollegen dort gewesen seien: „Wer über Kunst mitreden wollte, konnte gar nicht anders.“ Steht er heute vor diesen Bildern, erzählt er auch von den ambivalenten Gefühlen. „Viele Künstler, gerade aus Dresden, waren damals schon im Westen. Und in den Bildern der Hiergebliebenen hat man oft sehr deutlich die Anspannung gespürt, die über dem Land lag und die man ja auch in sich trug.“ Die Bilder habe man geradezu nach Chiffren für Eigensinn und Kritik abgesucht, denn Ende der 80er Jahre war es langsam vorbei mit der allgemeinen Sklavensprache der Ängstlichkeit. Und die bildende Kunst habe sehr viel zu dieser Emanzipation beigetragen. 

Hubertus Giebe kennt diese Suche nach Hinweisen, nach Signalen. Vielleicht läuft er auch deshalb mit schnellen Schritten durch die Ausstellung, schaut sehr gezielt, als müsse er sich vergewissern. Was ist alles da, was fehlt und vor allem: Hängt das richtige Bild? „Es fehlen viele gute Bilder hier! Wolfgang Smy mit seinem großen Badebild zum Beispiel. Das vermisse ich wirklich“, sagt er.

Hubertus Giebe. Quelle: Dietrich Flechtner

Hubertus Giebe  war damals Mitglied im VBK, dem Verband Bildender Künstler der DDR und als solcher auch in der Jury, die über die Auswahl der künstlerischen Arbeiten entschied. Er erinnert sich noch an die harsche Diskussion darüber, seine Augen leuchten, als er sagt: „Wenn ich noch daran denke, wie wir uns darüber gestritten haben. Es war nicht nur ein großartiges Bild, es war auch im Format deutlich größer als das Werk von Willi Sitte. Der wollte Smy unbedingt weghaben, auf keinen Fall zeigen.“ Sitte, so erzählt der Dresdner weiter, habe den Braten sofort gerochen. Die scharfe Gesellschaftssatire von Wolfgang Smy würde in den Westmedien ein Dauerbrenner werden.

Und so sei es dann auch gewesen, sagt er: „Es wurde hoch und runter gezeigt – im Spiegel, in der ARD, überall. Wir Jungen aber haben uns diebisch gefreut, dass wir uns durchgesetzt haben, dass wir das durch all die vielen Abstimmungsrunden durchboxen konnten.“ Das sei eine echte Niederlage für den Präsidenten gewesen. Für die jungen Künstler in der Jury aber war das eine große Sache .

So groß, dass er zumindest die aufgeladene Stimmung in der Jury bis heute nicht vergessen habe. Und natürlich sei es nicht um die Größe des Formats gegangen, sondern um sehr viel mehr, erinnert sich Hubertus Giebe und erklärt: „Was haben wir uns gestritten und gerieben aneinander! Denn ohne Frage ging es uns ausschließlich, darum, die jungen Künstler durchzusetzen, die eigene Generation. Wir waren jung, wir hatten keine Lust mehr, ständig bevormundet zu werden.“ Das schien den jungen Künstlern in der Jury alles nicht mehr zeitgemäß und wichtig. Sie wollten Künstler wie Trak Wendisch, Walter Libuda, Wolfgang Smy und Angela Hampel durchsetzen. Die hätten die richtigen Themen auf die Leinwände gebracht. Das könne man übrigens noch heute sehen, jetzt, hier in dieser kleinen, aber feinen Auswahl.

Und noch etwas könne man sehen, dass es damals in der Jury wirklich um Kunst gegangen sei, erinnert sich Hubertus Giebe. In den Hinterzimmern sei es ganz bestimmt um Politik gegangen, um Einfluss, um Macht. Die Arbeit in der Jury aber sei davon relativ freigewesen, auch wenn das heute im Rückblick vielleicht irritierend klinge. Er sagt: „Die Situation war wirklich paradox. Je restriktiver die Gesellschaft war, desto seltsam freier, selbstbewusster und souveräner trat die junge Künstlergeneration auf. Diese Freiheit im Denken und in der Haltung wollten wir natürlich im Albertinum zeigen. Wo hätten denn die ,Paarungen’ von Angela Hampel sonst hingehört, wenn nicht dorthin?“ 

Auch Hans-Peter Lühr erinnert sich an das Triptychon von Angela Hampel damals. „Natürlich habe ich diese expressive Arbeit gesehen, die stach einem ja förmlich ins Auge.“ Ihre Kraft hat sie behalten. Damals wie heute in der Wiederbegegnung sei die X. Kunstausstellung eine Herausforderung für die Deutung, nur schauen wir jetzt mit einem veränderten Blick auf die Bilder. Manches wirke über 30 Jahre später auch eher theatralisch und simpel. „Die Bilder laden uns dazu ein, uns selber zu überprüfen, unsere Sehweise und unser Denken von damals. Was haben wir damals in den Bildern gesehen, und was sehen wir heute darin? Das ist für mich eine durchaus relevante Frage.“

Hans-Peter Lühr. Quelle: Sabine Beetz/Archiv

Auch wenn Hubertus Giebe mit keinem Bild von sich in der Sonderausstellung in der Städtischen Galerie Dresden zu sehen ist – er zeigte auf der X. Kunstausstellung der DDR die Arbeit „Der Widerstand – Für Peter Weiss“ –, betont er mehrfach, dass die Ausstellung wirklich wichtig sei, dem Haus dafür gedankt werden müsse.

Angela Hampel erklärt das so: „Das halte ich deshalb für immens wichtig, weil wir dadurch uns die Deutungshoheit zurückholen können. Über unsere Geschichte, über unser Leben, über unsere Kunst. Dass das 30 Jahre gedauert hat, dass wir Künstler so lange darauf warten mussten, das ist eigentlich schändlich. Aber was soll es, was soll das Jammern. Lieber spät als nie.“

Die Künstlerin fügt dem noch etwas hinzu. Auch diese Sätze sind ihr wichtig, sie wiederholt sie mehrfach: „Machen wir uns nichts vor, das hier ist nur eine Stellvertreterausstellung. Man hätte mit all den vielen Arbeiten der X. Kunstausstellung der DDR drei, vier oder auch fünf spannende  Ausstellungen machen können. Es gab und gibt sehr viele gute Künstler und Künstlerinnen im Osten. Für mich ist diese Ausstellung eine Art Wiedergutmachung.“ 

 

34 Gemälde, nicht mehr und weniger. 30 Jahre nach der politischen Wende unternimmt die Städtische Galerie Dresden das Experiment, anhand dieser Gemälde Einblicke in den  Bilderkosmos X. Kunstausstellung der DDR zu geben. Das Experiment ist gelungen, das meinen zumindest die Künstlerin Angela Hampel, das ehemalige Jurymitglied Hubertus Giebe und der einstige Besucher Hans-Peter Lühr

bis 12. Januar,Städtische Galerie Dresden, geöffnet Di-So (und Feiertage) 10-18, Fr 10-19 Uhr

www.galerie-dresden.de

Von Adina Rieckmann

Weihnachtsbaumkugeln, Glasperlensterne, Schmuck und Textiles: Bis Jahresende bieten fünf Dresdner Künstler ihre Kreationen im Dezemberladen auf der Hauptstraße 9 feil.

20.12.2019

Friend n Fellow spielen am Freitag live in der Schauburg Dresden und haben die neue CD „Characters“ im Gepäck. Zuvor stand Constanze Friend für ein Interview zur Verfügung.

19.12.2019

Sobald ein Abend mit den beiden Pantomimen Wolfram von Bodecker und Alexander Neander beginnt, bleibt die laute Welt außen vor. Im Dresdner Societaetstheater nehmen die Schüler von Marcel Marceau das Publikum mit auf eine weihnachtliche Reise.

19.12.2019