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Regional Gefeiert und wiederentdeckt: Möbel-Designer Rudolf Horn wird 90
Nachrichten Kultur Regional Gefeiert und wiederentdeckt: Möbel-Designer Rudolf Horn wird 90
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16:32 23.06.2019
Freier wohnen: der Möbel-Designer Rudolf Horn in seinem Leipziger Zuhause. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Waldheim im Mai 1945. Für wenige Tage war die Stadt an der Zschopau doppelt besetzt. Auf der einen Seite die Amerikaner – auf der anderen die Russen. Die übernahmen schnell die ganze Macht und ließen aus dem Gefängnis die Inhaftierten frei.

Unter ihnen war der deutsch-russische Maler Alexander Neroslow, 1891 in St. Petersburg geboren. Er hatte in Deutschland studiert, war geblieben, gehörte bald der linken Kunstszene an und war aktiv im antifaschistischen Widerstand.

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Waldheim 1945. Der hier 1926 geborene Rudolf Horn war froh, den Krieg, dem er im „Volkssturm“ noch dienen musste, überlebt zu haben. Er zeichnete und malte gern: „Ich kritzelte vor mich hin und lernte über Bekannte einen Maler namens Neroslow kennen, der für die sowjetische Kommandantur als Dolmetscher tätig war. Er wollte nicht sehen, was ich gezeichnet hatte, sondern fragte mich nur: Mein Junge, für wen willst du das machen? Diese Frage wurde zu meinem Lebenselixier“, erinnert er sich. Am 24. Juni wird Rudolf Horn 90.

Hausbesuch bei Möbel-Designer Prof. Rudolf Horn in Leipzig. Quelle: André Kempner

„Alles weglassen, was überflüssig ist“

Seit Mitte der 60er Jahre wohnt Horn am Coppiplatz in Leipzig in einer Wohnung, die er mit Kriegsschäden übernahm, die er nach seinen Vorstellungen einrichtete und bis heute kaum veränderte, getreu seinem Prinzip: „Alles weglassen, was überflüssig ist, dann bleibt übrig, was nützlich ist“.

Vor 50 Jahren war der gelernte Tischler und Innenarchitekt in Leipzig als Leiter des Büros für Entwicklung, Messen und Werbung der Möbelindustrie tätig. An der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle hatte er das Gestalter-Diplom erworben, von 1966 bis 1997 unterrichtete er dort.

„Ich sehe nur Bretter“

Berühmt wurde Rudolf Horn mit dem federführend von ihm entwickelten Möbelsystem MDW (Möbelprogramm Deutsche Werkstätten). „Variabilität“ und „Freiheit für den Nutzer“ nennt er zwei Prämissen für seine Möbelwand, vom Nutzer mit einzelnen Bauteilen zu gestalten und auf die Neubauwohnungen, die zu Tausenden in der Plattenbauweise entstanden, zugeschnitten.

MDW entstand in den Deutschen Werkstätten Dresden-Hellerau, einer Traditionsfirma, die dazu bestimmt war, Neues zu realisieren. Horn weiß noch, wie er auf der VI. DDR-Kunstausstellung 1967 in Dresden seine Möbelwand erstmals der Öffentlichkeit vorstellte: „Walter Ulbricht kam, er war bekanntlich Tischler wie ich. Ich sehe hier keine Möbel, ich sehe nur Bretter, lautete sein Urteil. Womit er aber die Realisierung des Programms nicht verhindern konnte.“

Ab 1968 wurde die MDW-Wand nahezu 30 Jahre lang produziert. Und auch bei dieser Entwicklung stand für deren Schöpfer die Frage „Für wen machst du das?“ im Zentrum seines Denkens: „Die Wand sollte nicht als fertiges Möbel, sondern als funktionaler Baukasten den individuellen Bedürfnissen des Nutzers zur Verfügung stehen.“

Hausbesuch bei Möbel-Designer Prof. Rudolf Horn in Leipzig. Quelle: André Kempner

Raumgefühl der Neubauwohnung

Das System der Variabilität dachte Horn weiter und übertrug es auf das Raumgefühl der gesamten Neubauwohnung. 1969 präsentierte er auf der Leipziger Messe zwei innenwandfreie, komplett eingerichtete Modellwohnungen, woraufhin er die Möglichkeit bekam, sein „nutzerdefiniertes Wohnen“ in einem Experimentalbau in Rostock zu testen. Auf Grund von strukturellen Probleme und mangelnder Flexibilität, man kann auch Planwirtschaft dazu sagen, fanden diese Horn-Ideen keine Umsetzung.

Man nennt ihn die „Ikone des Designs in der DDR“, vom „Papst der Gestalter“ ist die Rede. Wenn er das hört, lächelt Horn weise. In seinem Tun war der bekennende Linke sozialen Denkkonzepten wie funktionalen Idealen der klassischen Moderne verhaftet, was an der Weiterentwicklung des Barcelona-Chairs von Ludwig Mies van der Rohe beispielhaft sichtbar wird.

Der Sessel kommt zurück

Jetzt, zum 90., wird Horn gefeiert, ja wiederentdeckt. Der freischwingende Sessel kommt in begrenzter Stückzahl neu auf den Markt. Die von damals, die meist für den West-Export gebaut wurden, werden hoch gehandelt. Wie Rudolf Horn dachte und was er gestaltete, ist ab 24. August in einer Ausstellung im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz zu sehen. Der Titel der Schau: „Wohnen als offenes System“.

Derjenige, der Horn die Augen, ja den Geist öffnete, der Maler Alexander Neroslow, lebte bis zu seinem Tod 1971 als bildender Künstler in Leipzig.

Museum sucht Geschichten zu Hellerau-Möbeln

Das Dresdner Kunstgewerbemuseum Schloss Pillnitz sucht für seine Ausstellung persönliche Geschichten zum Leben mit der Hellerauer MDW-Wand von Designer Rudolf Horn. Von Interesse dabei sind Auskünfte, wann das Kult-Möbelsystem gekauft, wie es eingerichtet und erweitert, welches Furnier verbaut wurde und welche Erinnerungen daran hängen. Auch Fotos sind willkommen.

Per Post an: Kunstgewerbemuseum Dresden, August-Böckstiegel-Str. 2, 01326 Dresden oder per Mail an Kunstgewerbemuseum@skd.museum

Von Thomas Mayer