Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Gedenkkonzert der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden
Nachrichten Kultur Regional Gedenkkonzert der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
18:08 07.11.2019
Michael Hurshell, Leiter der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie  Quelle: Steffen Giersch
Anzeige
Dresden

Seit 2007 bringt die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden (NJK) Werke vergessener oder verfemter Komponisten zur Aufführung. Am 17. November spielt sie in der Dresdner Synagoge. Wolfram Quellmalz sprach mit dem Gründer und Leiter Michael Hurshell.

Die NJK ist kein permanentes Orchester. Ihre Mitglieder stammen aus anderen Ensembles wie der Dresdner Philharmonie und kommen von der Musikhochschule. Mitunter müssen Sie schnell reagieren, wie in diesem Jahr, als kurzfristig die Konzertmeisterin ausfiel. Wie realisieren Sie diesen Balanceakt, wie regelmäßig können Sie proben?

Michael Hurshell: Die Struktur ähnelt der anderer Projektorchester. Es gibt einen stabilen Kern von Musikern, die schon viele Jahre dabei sind und deren Begeisterung für dieses vergessene Repertoire die NJK weiterträgt. Geprobt wird in der Woche vor dem Konzert, die Zahl der Proben variiert je nach Schwierigkeitsgrad der Werke.

Detektivische Nachforschungen und bröckelnde Materialien

Sie spielen Musik von Komponisten jüdischer Herkunft, wobei Ihnen vor allem jene, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt und verfemt waren, am Herzen liegen. Manchen von ihnen gelang die Flucht ins Exil, andere wurden in KZs ermordet. Wie ist eigentlich die Lage der Überlieferung der Werke?

Manche Werke wurden in den 20er Jahren schon verlegt und sind – in sehr verstaubten, teils bröckelnden Aufführungsmaterialien – bei hartnäckiger Recherche auffindbar. Aber wir haben im Repertoire auch Werke, die nach der Flucht aus Deutschland im Exil verfasst und nie gedruckt wurden; hier verwenden wir die Kopien von Handschriften, die ich von den Familien der Komponisten erhalte. Das erfordert schon einige detektivische Nachforschungen. So können wir Werke aus Nachlässen in den USA oder Israel zum Klingen bringen.

In Ihren Programmen tauchen viele heute (fast) vergessene Namen auf, wie Paul Ben Haim oder Eugene Zádor. Mieczysław (Moishe) Weinberg erfährt mittlerweile eine Renaissance. Kann diese Musik aus einer eigentlich „dunklen“ Zeit unsere Tage heute erhellen?

Mit Sicherheit. Die Werke selber spiegeln eine Vielfalt von Emotionen wider. Da hören wir Trauer, Wehmut, Verzweiflung, aber ebenso Lebensfreude, Mut, das Zelebrieren des Überlebens.

Sie schauen über den „Tellerrand“ hinaus bzw. über das Genre. Eines Ihrer Programme hieß „Rettung in Hollywood“. Haben jüdische Musiker in Amerika die Welt der Filmmusik besonders bereichert?

Jüdische Musiker haben den sogenannten Sound des goldenen Hollywood – also die Ära der 30er bis 60er Jahre – maßgeblich geformt. Die Wiener Max Steiner, Erich Wolfgang Korngold und Ernst Toch, der Dresdner Franz Waxman, der Budapester Miklos Rózsa, der St. Petersburger Dimitri Tiomkin… die Liste ist lang. Diejenigen, die vor und nach der Vertreibung weiterhin Werke für den Konzertsaal schrieben, sind bei uns im Repertoire.

Begegnung mit dem Publikum

Vor zwei Jahren bekamen Sie den Hosenfeld/Szpilman-Gedenkpreis zugesprochen. Die Jury der Leuphana Universität Lüneburg hob besonders Ihren Beitrag zu einem vielfältigen und weltoffenen Kulturerbe in Sachsen hervor. So beteiligen Sie sich an Projekten mit Schulklassen und sind im sächsischen Landtag aufgetreten, vermitteln neben der Musik etwas über das Schaffen und die Persönlichkeiten. Erreichen Sie damit die Menschen von heute?

Daran glaube ich fest. Gerade die Begegnung mit jungem Publikum ist ein zentraler Teil unserer Arbeit. Die Schülergesprächskonzerte sind ein Forum, bei dem zunächst Musik erklingt, anschließend Fragen der Schüler beantwortet werden. Diese Fragen – über die Musik, die Komponisten, das Ensemble – zeigen sowohl das Interesse der Schüler, als auch die Offenheit über die Themen der Geschichte und deren heutige Relevanz.

Doch in den Konzerten steht die Musik im Mittelpunkt, Sie spielen ohne „Moderation“. Eine Vorbereitung ist ebenso wenig nötig wie eine konfessionelle Zugehörigkeit?

Im Programmheft gibt es Hinweise auf die Biografien der Komponisten. Doch die Werke selbst teilen sich dem Hörer unmittelbar mit, da sie zumeist im spät- oder postromantischen Stil gehalten sind; also melodiös, harmonisch vertraut, trotz gelegentlicher Vorstöße in die Moderne. Allerdings gibt es nach dem Konzert, bei einem Glas Wein in der Gemeinde, Gelegenheit zu Gesprächen, Fragen und Erläuterungen – diese Begegnung mit unserem Publikum schätze ich sehr.

Viele Konzerte finden bei freiem Eintritt (und erwünschten Spenden) in der Synagoge statt. Sie waren mehrfach in Berlin zu Gast und sind mit der NJK bereits in Frankreich und Polen gewesen. Im Frühjahr gehörte eines Ihrer Konzerte zu den Dresdner Musikfestspielen. Wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz, welche Ziele oder Wünsche haben Sie?

Gerne würden wir wieder in Israel auftreten (wie schon 2015 in Jerusalem und Tel-Aviv) und – wenn wir genügend Unterstützung erhalten – auch in Übersee konzertieren, wo es ein reges Interesse an unserer Arbeit gibt. Wir freuen uns sehr darüber, dass die Konzerte in Dresden regelmäßig gefüllt sind.

Wir haben nun ein Stammpublikum, das sich ständig erweitert. Daher möchten wir gerne in absehbarer Zeit auch in größeren Sälen auftreten; die Gespräche dazu laufen, und wir hoffen, bald mehr darüber bekanntgeben zu können. Der andere bisher unerfüllte Wunsch ist, eine kommerzielle CD zu produzieren; danach fragen unsere Besucher immer wieder. Das ist, wie so vieles, eine Frage der finanziellen Mittel.

Am 17. November spielen Sie unter anderem Marc Lavrys Tondichtung „An den Flüssen Babylons“. Wo kann man das Werk einordnen – zwischen nordischer Tondichtung und Liszts Tongemälden? Was wird die größte Entdeckung für die Zuhörer sein?

Lavrys Al Naharot Bavel war das erste Werk, das er nach seiner Ankunft in Tel-Aviv 1936 schrieb. Es ist ein besonders ausdrucksvolles Werk. Die musikalische Gattung Tondichtung ist ja eine Spezialität des 19. Jahrhunderts; also hat Lavry bewusst diese zurückblickende Form gewählt. Aber ich denke, die Zuhörer werden ebenso Zemlinskys A-Dur-Quartett – in seinem bei uns realisierten sinfonischen Klang – als Entdeckung erleben. Mendelssohns Sinfonia X sollte eigentlich keine Neuentdeckung für die Hörer sein – gespielt wurde sie hier, aber sehr, sehr selten. Wir freuen uns auf die weitere Entdeckungsreise mit unserem Publikum.

Konzert: 17. November, 14 Uhr,

Neue Synagoge Dresden, Eintritt frei (Spenden erwünscht); Anmeldung per Email unbedingt erforderlich, bis 11. November an: schalom@juedische-philharmonie-dresden.de

Von Wolfram Quellmalz

Rüdiger Hentschel serviert „Mord auf Schloss Haversham“ zum Spielzeitauftakt am Zittauer Hauptmann-Theater. Ein furioses Tohuwabohu, das dem Görlitzer Personaltheater nur wenig nachsteht.

07.11.2019

Die Sächsische Staatskapelle lud zu ihrem ersten Aufführungsabend in der aktuellen Spielzeit den jungen Dirigenten Thomas Guggeis zum Konzert – mit beeindruckendem Ergebnis.

07.11.2019

Friedemann Layer ist am 3. November nach Krankheit im Alter von 78 Jahren in seiner Wahlheimat Potsdam gestorben. Der Dirigent stand weit über hundert Mal auch in der Dresdner Semperoper am Pult der Staatskapelle und prägte den künstlerischen Ruf der Institution in den Neunzigern mit.

07.11.2019