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Regional Galerie Mitte zeigt Collagen, Montagen und Druckgrafiken von Gregor Kunz
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20:19 06.11.2019
Gregor Kunz: Aus der Serie „Brot & Spiele“, Blatt 105 – „Nach uns die Zukunft“, Collage, 2018/2019 (Ausschnitt). Quelle: Galerie Mitte
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Dresden

Bereits im Foyer der Galerie Mitte fällt das Blatt 105 „Nach uns die Zukunft“ mit einer Fotocollage aus dem Zyklus „Brot und Spiele“ durch seine Dramatik auf: Zwei Halbwüchsige in abgerissenen Soldatenmänteln, Fußlappen und Stiefeln lenken ihre verstörten Blicke auf eine verunglückte, umgestürzte Dampflokomotive, vor der sich ein tiefer, rötlich schimmernder Graben auftut. Der dahinter befindliche Himmel besteht aus einer in fahlem Gelb leuchtenden, bröckelnden Putzwand, in die ein blauer Schimmer fällt, wie von einem alten Gemäuer. Die kargen Farben der Szenerie zerfallen in Dunkel und Schwarz.

Bestürzende Projektionen und Verfremdungen

Diese Arbeit ist wie viele andere eine Metapher für die große Menschheitsapokalypse in den beiden Weltkriegen. Ähnlich bedrückend sind die in der Serie entstandenen Blätter alle, düster aus der Welt von Gestern in die Gegenwart hineingenommen. Historische Fotografien und solche, die selbst abgelichtet wurden, dienten Gregor Kunz als Grundlage für ausgiebige Bearbeitungen, Übermalungen und Neuordnungen, in denen das vorliegende Fotomaterial für bestürzende Projektionen und Verfremdungen benutzt wurde.

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Seine neuen Collagen, Montagen und Druckgrafiken sind nun in einer bereits dritten Ausstellung in der Galerie Mitte zu sehen. Aus Anlass seines 60. Geburtstages in diesem Jahr zeigt Karin Weber eine Reihe von Arbeiten des Schriftstellers und bildenden Künstlers in durchnummerierten Folgen und Suiten, die, obwohl ausstellungsbedingt unterschiedlich gehangen, durchaus einen in sich geschlossenen Zusammenhang bilden.

Der Ausspruch „Brot und Spiele“ (panem et circenses) stammt von dem römischen Dichter Juvenal zur Zeit des Augustus und meint das Volk, das durch Brot und Spiele beschwichtigt und zur Wahl bestochen werden sollte. Gregor Kunz, dessen gleichnamiger Gedichtzyklus „ABC“ durch das Alphabet geht, stellt in seinem Bildepos in einer Melange aus historischen Fotos und Eigenem besonders die Masse in den Mittelpunkt, die von den Mächtigen verführt und manipuliert wird. Dabei hat er die Fotos zerschnitten und neu zusammengefügt.

Expressive Verbindungen von Schönheit und Gewalt

Die alten Mythen zur Zeit des Homer, dessen „Odyssee“ und „Ilias“, dienten ihm als Folie für die Geschichte zur Zeit der beiden Kriege und danach, aber auch für hochaktuelle Überlegungen über die Gegenwart. Gerade der Aspekt der „Masse“ weist Kunz nicht nur als Kenner der Antike sondern auch der einschlägigen philosophischen Literatur von Elias Canetti bis Herbert Marcuse (“eine freie sozialistische Gesellschaft ist möglich“) aus.

Sie nimmt in seinen Bildern von „Aufmärschen am Abgrund“ einen gewichtigen Platz ein: Blatt 101: „Wünschen will gelernt sein, widersprochen der Erhalt“ mit Masse und die Posaune blasende Fama. Gerade in den überlangen Titeln jedes Blattes zitiert er sich selbst und Passagen aus seinen Versen und Collage-Romanen, die ein umfangreiches literarisches Schaffen belegen. Darin gibt es seltsame, expressive Verbindungen von Schönheit und Gewalt, Fragilität von schönen Frauen, hinter denen eine Bombe explodiert.

In dem Blatt 133 (“Bös sind die Wege den Füßen“, 2019) zeigt Kunz zwei Männer mit Flügeln von hinten auf einer Allee, die an Wim Wenders Film „Engel über Berlin“ erinnern. Apokalyptisch ist auch das Blatt „Das Meer wird nun bleiben“: Hier ist das Meer und eine anonyme Menschentraube auf einer Treppe zu Hafenmole mit den dahinter festgemachten Kriegsschiffen zu sehen. Blatt 34 zeigt ein mit Flüchtlingen überladenes Schiff. In einer besonderen Serie von Collagen aus den Jahren 2017/18 werden eher freie Themen abgehandelt, die durch Schriftfragmente und Kalligrafie mit der Textur arbeiten (BS78) und mit ihrem Inhalt spielen.

Gregor Kunz Bilder sind mutige Interpretationen im Spiegel einer eigenwilligen, subjektiven Sicht, gerade in der Holzstichbearbeitung „Arbeitsamt“, das den „Vater Staat“ als Gärtner zeigt, der die besten Pflanzen, sprich Arbeitskräfte, selektiert. Dabei fallem einen Kubin und Kafka, aber auch Orwell ein, die in ihrer bildlichen und verbalen Düsternis die Ereignisse der Gegenwart vorausahnten und in einem neuen Licht erscheinen lassen. Hubertus Giebe schrieb in der Dresdner Zeitschrift für Literatur und Kunst „Ostragehege Heft 79“ am Ende seines Textes über Gregor Kunz: „Wir haben, im sehr alten Mantel der Mythen, erschütternde Erkenntniszeichen des Jetzt in seinen Bildern vor uns. Diesem Rigorismus hält seltene Schönheit die Waage“.

Bis 16. November. Galerie Mitte, Striesener Straße 49, 01307 Dresden, Kontakt: 0351/ 459 00 52, www.galerie-mitte.degeöffnet: Di-Fr 15-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr.

Brot & Spiele, Lyriklesung Gregor Kunz, mit Ton und Klang begleitet von Winterberg, 7.11.2019, 19:30

Von Heinz Weißflog

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