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Regional Freya Klier: Rauswurf aus der DDR war „eine bittere Niederlage“
Nachrichten Kultur Regional Freya Klier: Rauswurf aus der DDR war „eine bittere Niederlage“
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13:43 08.10.2019
Freya Klier bei der Buchvorstellung im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Wenn in diesen Tagen an 30 Jahre Friedliche Revolution erinnert wird, dann wird am morgigen 9. Oktober die in Dresden geborene Bürgerrechtlerin Freya Klier beim Festakt im Leipziger Gewandhaus als Rednerin auf der Bühne stehen. Die 69-jährige Autorin und Regisseurin war 1988 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk, in die Bundesrepublik abgeschoben worden. Den Tag des Mauerfalls erlebte sie in Westberlin.

In ihrem Buch „Und wo warst du?“ versammelt sie Geschichten zum Thema „30 Jahre Mauerfall“. Ulf Heise hat mit ihr über das Buch, die AfD und Angela Merkel gesprochen.

Im Zentrum Ihres Buches steht der 9. November 1989, an dem die DDR die Grenzen in Richtung Westdeutschland öffnete – Wo hielten Sie sich damals auf?

Freya Klier: Ich wohnte mit meinem Mann Stephan Krawczyk und meiner Tochter im Zonenrandgebiet von Westberlin, also direkt an der Mauer. Am Abend des 9. November saß ich gerade am Schreibtisch, als ich einen Anruf von Freunden aus Kanada erhielt, die sagten, ich solle sofort den Fernseher anschalten. Und da war ich dann völlig perplex, wobei in der Nähe unseres Hauses zunächst nicht viel passierte, denn die Leute strömten alle zum Ku’damm. Das war für sie der echte Westen, da steppte der Bär. In unserem Viertel drängten sich die Menschen erst am nächsten Tag. Da konnte man kaum noch treten. Wir sind dann in den Pennymarkt gegangen, der nebenan war, und haben Sekt und Rotwein gekauft und lagen immerzu irgendwelchen wildfremden Leuten in den Armen. Das war toll.

Mischung von Stimmen aus Ost und West

Sie baten für Ihr Buch 23 Leute um Statements über ihre persönlichen Erfahrungen zum Mauerfall – nach welchen Kriterien haben Sie diese Personen ausgewählt?

Erst einmal sind das natürlich nicht nur Statements, denn jeder der Beteiligten hat eine äußerst spannende Geschichte zu erzählen. Einen Teil der Autoren kannte ich bereits seit vielen Jahren. Später traf ich dann zufällig andere Betroffene, deren Lebensläufe mich enorm beeindruckten. Von vornherein war für mich klar: Es muss eine Mischung von Stimmen aus Ost und West sein, weil die Perspektiven sehr unterschiedlich waren. Unter uns Ostlern herrschte eine andere emotionale Temperatur als unter den Westlern, die nicht immer so dicht am Geschehen dran waren. Deshalb habe ich ganz unterschiedliche Charaktere zu Wort kommen lassen, zum Beispiel eine ehemalige RAF-Terroristin oder einen Mann, der bei Pegida mitmarschiert. Was alle verbindet, ist ihre Ehrlichkeit.

Welcher der zugelieferten Beiträge beeindruckt Sie am meisten?

Es ist sicher noch meinem früheren Beruf als Theaterregisseurin geschuldet, dass ich meine Autoren alle liebe, ganz automatisch. Ich strebe auch mit sämtlichen 23 Beiträgern Lesungen an und informiere immer alle, sobald es Neuigkeiten zu dem Buch gibt, denn wir sind momentan eine Art verschworene Gemeinschaft. Insofern existiert für mich kein Favorit. Das sind alles gute Texte.

Ihr Buch erschien im Herder Verlag, der seinen Schwerpunkt auf christliche Literatur legt – Wie nah oder wie fern ist Ihnen christliches Engagement?

Ich bin immer in der evangelischen Kirche gewesen und gehöre heute der Kirchgemeinde in Berlin-Steglitz an. Mein Pfarrer kommt wie ich aus dem ostdeutschen Widerstand, und deshalb haben wir immer genügend Gesprächsstoff. Ich fühle mich ganz klar als Christin und bin auch gläubig. Im Herder Verlag veröffentlichen zu dürfen, ist für mich daher eine große Auszeichnung.

„Ich finde es unglaublich, dass Leute auf die AfD reinfallen“

Im Vorwort schildern Sie, dass der Supergau von Tschernobyl 1986 ihr Dasein entscheidend veränderte. Wie nahmen Sie dieses einschneidende Ereignis wahr?

Es war etwas für uns Unvorstellbares, denn wir hatten ja keine Vorbildung in dieser Richtung. Was passierte, bekamen wir nur durch die Informationen der Westmedien mit. Ich lege sehr viel Gewicht auf dieses Jahr, weil es für die Ereignisse von 1989 ein Vorbedeutung besaß, denn es zeigte, wie die SED mit DDR-Bürgern umging. Man belog sie über die Verstrahlung und die kontaminierten Gebiete. Honeckers Regierung kaufte Obst und Gemüse billig ein, das andere Staaten wegen der radioaktiven Wolke ablehnten, und verteilte es an Kindergärten und Schulen. Das war unfassbar und menschenverachtend.

Zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe wurden Sie in die Bundesrepublik abgeschoben – Fühlte sich das als Niederlage an?

Ich hatte zu Tschernobyl eine Unterschriftenaktion angeschoben und musste erfahren, dass viele nicht bereit waren, zu unterzeichnen. Sie argumentierten etwa so: Ich erwarte in Kürze das Visum für eine Westreise oder: Ich benötige die Genehmigung für die Eröffnung eines Privatgeschäftes. Durch eine Jugendbefragung wusste ich aber, dass es viele Kinder schlecht fanden, dass ihre Eltern den Mund gar nicht mehr aufmachten. Das hat mich damals sehr geärgert und auch ein bisschen entmutigt. Dass wir dann ausgerechnet in dieser Lage rausgeworfen wurden, war schon eine bittere Niederlage, besonders, als wir später erfuhren, dass der Anwalt Wolfgang Schnur, mit dem wir ja befreundet waren, das Stasimanöver gedeichselt hatte.

Nach dem Mauerfall bestimmten Bürgerbewegungen wie „Neues Forum“ oder „Demokratie jetzt“ die Szene im Osten, jetzt gewinnt die AfD an Stärke – Wie bewerten Sie das?

Ich finde es unglaublich, dass Leute auf die AfD reinfallen, die mit Slogans wie „Vollende die Wende“ wirbt. Dafür schäme ich mich. Für die Bürgerrechtler ist es inzwischen jedoch schwer, Einfluss auf die Situation zu gewinnen. Nach der Wende gab es im Osten ja nur noch ein- oder zweitausend von ihnen. Sie haben eine große Leistung vollbracht, sind mutig ins Gefängnis gegangen. Das sollte angesichts der aktuellen politischen Situation nicht kleingeredet werden.

„Persönlich bin jetzt mal für einen Mann an der Spitze.“

Hat das Schwinden der Einflüsse der Bürgerrechtler und das Erstarken der AfD etwas mit der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel zu tun?

Überhaupt nicht. Die Entscheidung, die Flüchtlinge 2015 aus Ungarn hereinzulassen, war absolut human. Diese Menschen saßen dort bei sengender Hitze fest, und die ungarische Regierung reagierte nicht auf die Misere. Es gab kaum Wasser, keine Windeln für die Kleinkinder, kaum Toiletten. Wie Viktor Orbandamals gehandelt hat, war in meinen Augen faschistoid. Deshalb fahre ich nicht mehr nach Ungarn. Ich verachte diesen Mann regelrecht!

Nun mehren sich die Stimmen, die behaupten, die Regierungszeit von Angela Merkel sei zu lang. Sie haben sich 2009 für eine Fortsetzung ihrer Regierung ausgesprochen – Würden Sie die CDU-Frontfrau heute erneut unterstützen?

Die Frage dürfte sich nicht stellen, denn sie wird nicht mehr antreten. Sie hat aber das Land gut ausbalanciert, finde ich. Persönlich bin jetzt mal für einen Mann an der Spitze. Ich könnte mir Markus Söder gut vorstellen. Der gibt sich gerade so viel Mühe, mit den Grünen auf einen grünen Zweig zu kommen. Damit das Ganze nicht zum Matriarchat gerinnt.

Freya Klier (Hg.): Und wo warst du? Quelle: Cover

Freya Klier: Und wo warst du?: 30 Jahre Mauerfall.

Herder Verlag; 272 Seiten

20 Euro

Von Ulf Heise

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