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Regional Fool Britannia: Dresdner Eclectic Theatre lud zur Uraufführung „Oh! What a lovely Brexit!“
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14:15 27.02.2020
Alexander Dimitri Piffle (Andrew Bullough) als knallchargiger Boris-Johnson-Verschnitt. Quelle: Falk Iser, PR
Dresden

„Land of Hope and Glory“ erschallt irgendwann, die inoffizielle britische Hymne. Doch auch wenn der Ruhm des Landes gern immer wieder aus der Versenkung geholt und kurz aufpoliert wird, ruht er eigentlich in der Rumpelkammer verschrumpelter Vergangenheit. Und die Hoffnung? Sie ist eher trügerisch. Denn das immer noch als groß apostrophierte Britannien weiß bis zur Stunde selbst nicht genau, welches Ei es sich mit dem Brexit-Votum im Juni 2016 ins Nest gelegt hat.

Der Weg, den das Land seither nahm, ist gepflastert mit Fragezeichen. All das konnte natürlich an Michael Halstead, dem seit zwei Jahrzehnten in Dresden lebenden Briten, nicht spurlos vorbeigehen. Halstead, Kopf des Eclectic Theatre, schrieb sich den Frust über seine Heimat von der Seele. Ergebnis ist die Dokumentar-Farce „Oh! What a lovely Brexit!“, die am Wochenende ihre Uraufführung im Theaterhaus Rudi feierte.

Verschwörungstheorie phantastischen Ausmaßes

In Zeiten, in denen die Realität nur noch selten satirische Überhöhung braucht, segelt Halstead oft hart entlang der Fakten. Das reicht allemal zum Kopfschütteln, auch mal zum leisen Lachen. Wer nun aber ein Festival der Skurrilitäten à la „Little Britain“ erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Dafür aber hat Halstead eine Rahmenhandlung gebastelt, die als Verschwörungstheorie phantastischen Ausmaßes daherkommt. Eine Elite aus Wissenschaft, Medien, Bankwesen (inklusive Ölscheich) will angesichts des Klimawandels einen sicheren Rückzugsort, nicht zuletzt fürs Geld. Eine nördlich gelegene Insel käme da gerade recht, argumentiert der Medienmogul (Frauen an die Macht: June Endrulat). Der kleine Kreis zeigt sich begeistert. Nun müsse man diese Insel (wer hätte es gedacht: Großbritannien) nur noch so weit wie möglich runterrocken, damit die spätere Übernahme wie eine Rettung erscheint.

Vom Schwelgen in Empire-Träumen

Erster Schritt: Die Leute überzeugen, dass das Land die EU verlässt. Sie wissen schon: Wer eine Fußball-WM und zwei Weltkriege gewonnen hat, außerdem immer noch in Empire-Träumen schwelgt, dem ist eine geregelte Kooperation mit Ländern, die man für weit unter seinem Niveau hält, ja auch viel zu schnöde. Wo so viele bessere Deals quasi auf der Straße liegen und nur darauf warten, aufgepflückt zu werden...

Also nimmt dieses Spiel seinen Lauf. Treibende Kraft und Getriebener gleichermaßen: Alexander Dimitri Piffle (Andrew Bullough). Das Vorbild dieses Piffle ist klar erkennbar Boris Johnson, und Halstead gibt seiner Figur (so viel Shakespeare-Anleihe muss sein) natürlich einen sprechenden Namen. So viel Bedeutung erhält in diesem Kontext nur noch die Premierministerin June Trencher (Shruthi M. Narahari), eine Verkörperung der erfolglosen Theresa May, die in ihrer unglücklichsten Stunde zudem noch Margaret Thatcher zitiert.

Ein Trio als Abbild eines gespaltenen Landes

Nun hilft es dem Publikum sicher, mit den politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre im einstigen Inselreich vertraut zu sein. Das spiegeln auch die gezeigten Brexit-Verhandlungsrunden – in denen Piffle außerdem Luxemburg mit Liechtenstein verwechselt. Der Schwenk von der Politik hin zum einfachen Volk zeichnet dann ein jedoch ein Bild, das auch ohne solche Kenntnisse verständlich bleibt. Denn im Pub führt der arbeitslose Dave (Tim Crowley) das große Wort von der großen britischen Zukunft (gespeist aus der yellow press, den englischen Boulevardblättern), selbst wenn der Kleinunternehmer Harry (Thomas Comer, auch fürs Bühnenbild verantwortlich) dagegenhält und in einer spitzen Tirade die Geschichte vom Aufstieg Englands als die eines anhaltenden Schwindels entlarvt, der einst mit simpler Piraterie gegen die Spanier begann.

Dritter im Bunde: Pub-Eigentümer Steve (Dave Kemple), ein Ire, dem Daves „England! England!“-Rufe nicht nur gelinde auf den Senkel gehen, sondern der aus der Erfahrung eines von eben jenen Engländern ebenfalls schwer gebeutelten Volkes auch schon mal aus der Haut fährt. Ein Trio als Abbild eines gespaltenen Landes.

Ordentlicher Brocken für ein Amateurtheater

Die große kleine Bühne im Theaterhaus Rudi ist dabei in vier Spots unterteilt: links das Pub, rechts die UK-EU-Verhandlungsecke, mittig oben der Konferenztisch, davor etwas Freifläche für Dialoge – oder für Piffle, der die Slogans im Dutzend anbietet. Zum Bühnenbild, das viel Liebe zum Detail erkennen lässt, kommen sehr passende Kostüme, natürlich Licht, sogar Videoeinspiele. 80 Minuten, 16 Sprechrollen, dazu noch Englisch als Bühnensprache: ein ordentlicher Brocken für ein Amateurtheater.

Und selbst wenn mancher Dialog noch zu steif wirkt, ist dieser Uraufführung, inszeniert von Halstead selbst, die Freude am Theater und der heilige Zorn gegen einen neuen englischen Nationalismus ganz deutlich anzumerken. Einen finalen Dreh hat der Autor auch noch gefunden. Die Queen selbst (Barbara Hogan), so viel sei gespoilert, wird den Karren mit einer Mischung aus Abscheu und Klartext aus dem Dreck ziehen. Letzte Hoffnung Monarchie. Good bye, Great Britain.

nächste Vorstellungen: 8., 9., 23. & 24 April, jeweils 20 Uhr, Theaterhaus Rudi

www.theaterhaus-rudi.de

www.eclectic-theatre.de

Von Torsten Klaus

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