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Regional Feuer! – 1869 brannte das Dresdner Hoftheater ab
Nachrichten Kultur Regional Feuer! – 1869 brannte das Dresdner Hoftheater ab
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18:00 23.09.2019
Das brennende Dresdner Hoftheater in einer zeitgenössischen Abbildung. Quelle: Kupferstich-Kabinett, SKD
Dresden

Der Sommer 1869 war im Dresdner Hoftheater geschäftig wie immer. Theaterferien kannte man noch nicht und nach wenigen Schließtagen im Juni blieb der Spielplan gut gefüllt. Hofkapellmeister Julius Rietz suchte nebenher eine Wohnung, denn das bisherige Domizil auf der Prager Straße war zu groß geworden und zu teuer.

Nun, in der zweiten Septemberhälfte, überlegte er, seine umfängliche Bibliothek für die Zeit des Umzuges im Residenzschloss einzulagern, wo der Kollege und Freund Moritz Fürstenau die königliche Musikaliensammlung ordnete. „Sehr warmes Sommerwetter“, vermerkte Rietz beiläufig in seinem Tagebuch. Am Abend des 21. September würde Verdis Troubadour sein – Repertoire, das jeden Monat gegeben wurde. Eine Probe war unnötig. Doch im Mai des nächsten Jahres stand die Premiere von Verdis „Ernani“ an und dafür probierte man an diesem Vormittag.

„In 20 Minuten war das Haus ein Feuermeer“

„Nach 1/2 12 Uhr schrie Jemand ins Probezimmer ‚Feuer’ – nachdem man sich von der Richtigkeit des Schreckensrufes überzeugt hatte (es fielen schon brennende Partikelchen aus den Soffiten auf [die] Bühne) retirirte man sich aus den großen auf die Rampe hinausgehenden Fenstern. Furchtbarer schwarzer Qualm – nach dem Rundbau zu schlugen die hellen Flammen aus allen Öffnungen“, notierte Rietz.

Das Personal versuchte verzweifelt, den Schaden zu begrenzen: „Es wurde gerettet was zu retten war – Instrumente, Musikalien etc.“ Doch vergeblich: „In 20 Minuten war das Haus ein Feuermeer; als das Feuer den Prachtfoyer ergriff, wendete ich mich tieferschüttert und betrübt ab. Um 5 Uhr sollte Konzertkonferenz sein [...] – da war das Werk vollendet, eine großartige Ruine stand da, in der es an einzelnen Stellen noch züngelte; ein großer Theil der Wand, die nach dem Weberdenkmal zugeht, war eingestürzt.“

Die Ruine des abgebrannten ersten Baus der Semperoper (altes Hoftheater) auf dem Theaterplatz in Dresden, Rückfront von Westen, Foto, Albuminpapier, um 1869. Quelle: Ulrike Hübner-Grötzsch/Denise Görlich

Schnell überblickte Rietz die Verluste: „Von [den] im Theater aufbewahrten Dekorationen ist nichts gerettet; auch die zu den Meistersingern sind mitverbrannt, ebenso die herrliche Rüstkammer zerstört, [...] der schöne italienische 3saitige Kontrabaß, einige Fagotte und Clarinetten, auch die Baßclarinetten, Hörner; die Dekorationen zur Afrikanerin, Sommernachtstraum, Hugenotten, somit alle von [Edouard] Desplechin; der ganze ächte Schmuck des Frl. Ulrich, 600 rtl an Werth, welcher noch von der Vorstellung Tags vorher da war.“

„Die weinenden Ballet und Chormädchen“

Die Ursache des Brandes wurden bekannt und die Behörden aktiv: „nur von zwei bei der Gasbeleuchtung Angestellten, welche das Unglück herbeigeführt haben (sie haben auf dem obersten Boden Schläuche mit leicht entzündlichen Stoffen zusammengekittet, die in Brand geriethen) ist einer ziemlich schwer verletzt. Der andere und der Gasinspektor Fahrenwald sind polizeilich eingezogen.“

Besorgt betrachtete der Hofkapellmeister die Zukunft des Ensembles: „Und was wird nun? Wo bleiben Alle die, deren Kontrakte durch den Brand aufgehoben sind – Chor und Balletpersonal, Maschinisten u.s.w. [...] Die weinenden Ballet und Chormädchen, welche auch ihre Habseligkeiten eingebüßt haben! – Es ist ein Jammer!“

Aber am 24. September kam die erleichternde Nachricht: „Also der König [Johann] hält die Kontrakte! Es ist eine großherzige That, denn ehe nicht wieder verdient wird, kostet es ihn täglich 600 Thaler.“ Die Aktivität, die sich daraufhin entfaltete, war atemberaubend und mutet aus heutiger Sicht geradezu märchenhaft an: Noch an diesem Tag begann die Planung eines Interimstheaters.

Am 27. September konstatierte Rietz voller Ungeduld: „Über die Hauptsache aber, wohin das Interimstheater kommen soll etc. ist noch garnichts ausgemacht und morgen sind seit dem Brande schon 8 Tage vergangen!“ Mehrere Standorte waren im Gespräch und man entschied sich schließlich für den Platz des kleinen, zum Theater gehörigen Gasometers, der hinter der Brandruine in den Zwingeranlagen stand und nun entbehrlich war.

Eine akustisch schwierige „Bude“

Der Dresdner Bau- und Zimmermeister Victor Richter errichtete einen Holzbau, der am 2. Dezember 1869 mit Goethes „Iphigenie“ eröffnet wurde. Diese „Bude“, wie Julius Rietz das Theater nannte, war akustisch schwierig und verlangte Musikern, Sängern und Schauspielern und nicht zuletzt dem Dirigenten in den folgenden Jahren einige Langmut ab: Im Winter bekam man Eisfüße, im Sommer war es darin brütend heiß und bei Regen tropfte es auf die Bühne und in den Orchestergraben.

Als 1873 fast auf den Tag genau vier Jahre nach dem Brand das neue Albert-Theater in der Neustadt öffnete, war das für den Musiker Rietz wie eine Erlösung: „Das Vergnügen in einem wirklichen Theater zu sein, ist nicht zu unterschätzen; es klingt alles sehr gut“, notierte er nach einer Probe. Zu dieser Zeit zeichnete sich ab, dass der Neubau am Theaterplatz frühestens 1877 vollendet sein würde.

Angesichts der Größe des Hauses und des finanziellen Kraftaktes, den König und Land damit zu stemmen hatten, war das Tempo dennoch mehr als eindrucksvoll. Die Deputierten der 2. Kammer des Landtags äußerten sich am 3. Februar 1870 zur Theaterfrage: „Man bewilligt Thl 400,000 (nicht 5), will das Haus auf derselben Stelle etwas zurückgerückt und will Semper dazu wiederhaben“, liest man bei Rietz.

Julius Rietz, geb. 1812 in Berlin, war der Sohn eines Berliner Kammermusikers.

Nach dem Tod der Eltern wuchs der Jugendliche im Kreis der Familie seines Freundes Felix Mendelssohn-Bartholdy auf.

Dieser holte ihn 1834 nach Düsseldorf, 1847 wurde Rietz Theater- und dann Gewandhauskapellmeister in Leipzig, 1860 schließlich sächsischer Hofkapellmeister und 1874 der erste Generalmusikdirektor der Dresdner Hofkapelle. Er leitete mehrfach die Niederrheinischen Musikfeste in Düsseldorf und Aachen und gastierte als Dirigent in Prag.

Und doch wurde Julius Rietz, der seinen Zeitgenossen als musikalische Instanz ersten Ranges galt, als Künstlerpersönlichkeit von den folgenden Generationen nahezu totgeschwiegen. Ein wesentlicher Grund lag in seiner liberalen Haltung, der auch jeder Antisemitismus fremd war: Neben den Mendelssohns zählten Salomon Jadassohn, Ferdinand David, Joseph Joachim, Ferdinand Hiller und andere jüdische Kollegen zu seinen engsten Freunden. Das diskreditierte ihn für die deutsch-nationale und erst recht für die nationalsozialistische Musikgeschichtsschreibung.

Noch 1943 übte sich der Dresdner Musikforscher Herbert Zimmer in einer Dissertation über Rietz in den geforderten ideologischen Phrasen der Zeit, um den „jüdischen Einfluss“ von der Person des Cellisten, Dirigenten und Komponisten Rietz zu trennen.

Bis heute werden Rietz’ Verdienste um die Dresdner Oper beharrlich ausgeblendet. Seine in der Sächsischen Landesbibliothek (SLUB) verwahrten Tagebücher jedoch sind ein beredtes Zeugnis einer unterschätzten Epoche der Dresdner (Musik)Geschichte.

Julius Rietz starb 1877 in Dresden an den Folgen eines Schlaganfalls und nur kurz vor Eröffnung des zweiten Semperbaues.

Wenige Tage später traf der Architekt in Dresden ein und Julius Rietz lernte ihn am 1. März bei einer Gesellschaft im Haus des Kunsthistorikers Hermann Hettner kennen: „Semper zum ersten Male gesehen; wie gewöhnlich anders gedacht; er hat nichts auffallendes, spricht klug und war gemüthlich.“ Mitte Mai 1870 lagen Sempers Entwürfe auf dem Tisch, Rietz studierte sie im September eingehender: „das Vergnügen [...] die Semperschen Pläne zum neuen Theater zu sehen. Die Facade ist grandios und äußerst prächtig; der Bau soll 700000 Thl kosten und in 3 1/2 Jahren fertig sein.“

Brandruine als Touristenattraktion

Die Zukunft manifestierte sich bald auf den alljährlich erscheinenden Stadtplänen: Die Ausgabe von 1870 verzeichnete noch die Umrisse des alten Hoftheaters, dahinter anstelle des Gasometers nun das Interimstheater. Doch schon auf dem Stadtplan für 1871 war der Grundriss des neuen Semperbaues eingetragen.

Der kalte Winter hatte die Aufräumarbeiten verzögert und erst im März 1870 vermerkte Rietz: „Die Fortschritte im Abbruch der Theaterruine sind jetzt sehr bemerkbar.“ Diese war inzwischen zur Attraktion für Touristen geworden und Rietz selbst führte im Juni einen Gast zur „Brandruine des Theaters, von der noch ein winziger Rest übrig ist.“

Der Aufschwung, den das Dresdner Hoftheater letztlich infolge des Brandes vom 21. September 1869 nahm, war beträchtlich. Die Errichtung des Albert-Theaters bewirkte schon 1873 eine merkliche Aufstockung des Personals und die Gründung eines Theaterorchesters für die Neustadt. Der quasi verdoppelte Spielplan und das neue Haus am Theaterplatz sorgten schließlich für eine nochmalige Vergrößerung des Ensembles. 1873 trat Ernst Schuch seinen Dienst als Kapellmeister an und führte die Dresdner Oper nach Julius Rietz’ Tod in eine andere musikalische Ära.

Sonderführung zum 150. Jahrestag der Zerstörung des Königlichen Hoftheaters: 29.9., 11 Uhr; 5.10., 15.30 Uhr; Samstag, 12.10., 11 Uhr; 19.10., 15.30 Uhr; 26.10., 11 Uhr.

Infos: Tel. 0351 320 736 0

www.semperoper-erleben.de

Von Hartmut Schütz

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