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Regional „Extrawurst“ und „Warten in Godow“ am Theater Bautzen
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20:25 14.11.2019
Der Tennisclub Boris Becker Bautzen (Szene mit Lisa Lasch, Alexander Höchst, Christoph Schlemmer und Marian Bulang) bereitet per Mitgliederversammlung unter dem Punkt „Extrawurst“ koscheres Grillen vor. Quelle: Miroslaw Nowotny
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Bautzen

Die Bautzner Extrawurst wird nicht gegrillt, es gibt also auch keinen Senf dazu. Nur zwölf Kästen Radeberger. Warum auch immer, wenn man hier Eibauer (als Pilsner!) haben kann. Nach der Pause wird dies im Bautzner Theater sogar teilweise im Publikum verteilt. Ansonsten ist die Story von „Extrawurst“ recht rasch erzählt: Ein Tennisclub, echt reich und ziemlich weiß, gerät per Rassismuskeule rasch an den Abgrund. Denn der beste Spieler ist als Kurde Muslim – und darf beim nächsten Grillfest demzufolge nicht vom nagelneuen Supergrill mitnaschen. Selbst wenn man koscher, also halal (statt haram) auflegen würde.

Es gibt ziemlich viele Klischees, die oft durchs Gegenteil illustriert werden. Und hier eskaliert die Sache ja nur, weil alle das Beste wollen. So nimmt positive Diskriminierung – Übervorteilung der eigenen Ideologie (also: Haltung) wegen – überhand (statt Rückhand). Dazu kommen noch zwei Dauerkonflikte unter den Mitgliedern: pure Hahnenkämpfe, die es in jedem herrendominierten Verein gibt. So zwischen dem Vorsitzenden mit Hexenschuss und dessen Stellvertreter mit deutschem Grillbewusstsein, der aber auch den ansonsten laschen Werbefachmann Torsten anfixt, der den vorbildlichen Gutmenschenpart gibt, aber sportlich wie familiär versagt.

Vereinschaos im Tennisduktus

Die Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, einst für „Stromberg“ des Grimme-Preises für würdig befunden und seither für etliche der Volkscomedy-Gagversuche im recht öffentlichen Fernsehen gebucht, haben das Stück, welches sie Dramödie nennen, aufgrund eigener Schulvätererfahrung entwickelt. Die Uraufführung war erst Anfang Oktober im Hamburger Ohnsorg-Theater, also auf Plattdeutsch. Daher fand nun ausgerechnet im Deutsch-Sorbischen Volkstheater quasi die deutschsprachige Erstaufführung statt.

Die Grundidee, den ganzen Saal als ordentliche Mitgliederversammlung vom Tennisclub namens Boris Becker Bautzen einzubeziehen, ist nicht schlecht, hat aber durch das stetige Saallicht den Nachteil, dass das Publikum sich selbst beobachtend gegenseitig beeinflusst, der theatrale Schutzraum, auch mal an politisch heiklen Stellen lachen zu dürfen, geht verloren. Dennoch geschieht das oft – was dann keine Steigerung mehr zulässt, als es zum absurden Finale kommt, in dem Intendant Lutz Hillmann als Regisseur seine beiden neuen Herren im Ensemble, Alexander Höchst als eitler Dr. Heribert Bräsemann und Christoph Schlemmer als konservativer Stelli Matthias, zur Hochform auflaufen lässt.

Bei Marian Bulang als kurdischer Azad mit deutscher Frau (in Hamburg noch ein türkischer Anwalt), Lisa Lasch als dessen Doppelpartnerin Melanie und Ralph Hensel als deren Mann Torsten ist man sich hingegen absolut sicher, dass sie hier nicht außerordentlich gefordert sind, dies aber locker und souverän meistern. So bleibt der Wurst-Worst-Case, den man sich ob der Vereinsfarce immer wieder wünscht, leider aus, und das Publikum applaudiert begeistert.

Hillmann holt das Stück zum Schluss mit einem herzergreifenden Video wieder nach Bautzen – denn die Kinder des Tennisclubs sind da offenbar wahrlich bunt gemixt, und zeigt dabei ebenso wie in „Warten in Godow“ ein Grundproblem der Integration, dem schon mit ein bisschen Begriffsfleiß bei der öffentlichen Behandlung, also der Unterscheidung zwischen Emi- und Immigration, besser zu begegnen wäre.

Das Zeug zum Kultstück

Ein neues Kultstück ist bereits im Schwange – seit Ende September im Spielplan des Burgtheaters, schicke Heimstätte der Puppensparte: „Warten in Godow“ von und mit dem neuen Spartenleiter Stephan Siegfried, in der hausinternen Reihe „Spieltrieb“ angesiedelt. Siegfried, Warener Jahrgang 1988, gab dem furiosen Geschehen den Untertitel „Gedöhns vonner Insel“ und spielt mit der Grundidee des Einwohnerschwundes auf der Ostseeinsel Godow (gesprochen: Gooodow, also nicht wie der Godooot von Beckett, den bei ihm nur die Sachsen kennen).

Der Dorfkonsum auf Godow (Szene mit Maike Maier und Dörte Bromsböttel) Quelle: Miroslaw Nowotny

Dorthin – und das wird herrlich persifliert – soll die tiefsächselnde Tochter des Dresdner Polizeichefs auf die Einmannpolizeistation versetzt werden, weil Gefahr im Verzug ist: Die elf Godower, offenbar allesamt Single, sind nicht immer nur Freunde, aber im ewigen Alltag wunderbar eingespielt. Nun ist der Dorfpolizist abhandengekommen, der Inselreporter Peter Godow hat Probleme mit Tochter Greta (die nur als Protestschild auftaucht), der Fischer ist nur Angler (und umgekehrt), der einzige junge und tatkräftige Mann ist der Pole Oleg als Krankenpfleger, während Bauernsohn Manni eher langsam tickt.

Aber nun ist neues Leben angekündigt – eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien, die Insel könnte vielleicht Polizei und Schule behalten, lebt auf und stellt schon mal das ganze Leben auf halal um. Nur Frührentner Günther, als Ex-Fremdenführer der einzig historisch Belesene, mosert griesgrämig intolerant rum – und das Warten dauert wie bei Beckett an …

Wort- und Szenenwitz

Das Stück, zu dem sich Siegfried die elf Puppen (und Schild-Greta) und, mitsamt Bühnenbildner Jörg Jansing, etliches an Interieur für Polizeistation, Kneipe, Krankenhaus und Dorfladen selbst schuf, ist von Schauspieler Richard Koppermann, ebenso Norddeutscher, inszeniert, samt Pause und einigen Filmchen fast so lang wie die „Extrawurst“ und strotzt vor Wort- und Szenenwitz. Dabei wird eigentlich „nur“ klassisches Puppenspiel in einer analogen, also höchstaufgelösten 3-D-Fernsehbühne geboten, aber als beeindruckende Körper- und Stimmleistung von Stephan Siegfried, der alles selbst spielt und eventuelle Missgeschicke lustig kommentiert. Sollte man gesehen haben, bevor es sich rumspricht und auf ewig ausverkauft gerät.

Nächste Vorstellungen in Bautzen: Extrawurst am 29. November sowie 7., 13., 26. & 31. Dezember (im Großen Haus); „Warten in Godow am 29. November sowie 13. & 17. Dezember (im Burgtheater)

www.theater-bautzen.de

Von Andreas Herrmann

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