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Regional Eric Stehfests „9 Tage wach“ feiert Premiere im Kleinen Haus in Dresden
Nachrichten Kultur Regional Eric Stehfests „9 Tage wach“ feiert Premiere im Kleinen Haus in Dresden
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11:39 12.11.2018
Eric Stehfests „9 Tage wach“ als Theaterstück mit Moritz Kienemann, Eva Hüster und Jannik Hinsch. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

„Ich will das nie wieder haben, ein Leben, das nur aus Kicks besteht“. Eric (Moritz Kienemann), in nichts außer eine Unterhose gekleidet, schreit den Satz in die Weite des Saals. Überzeugung im Gesicht, Hass in der Stimme. Aus dem festen Würgegriff der Droge befreit, wagt er einen Neuanfang. An dieser Stelle, dem Ende der langjährigen Odyssee, setzt John von Düffels Bühnenadaption von „9 Tage wach“ ein, die jetzt im Kleinen Haus Premiere feierte. Das Stück beleuchtet die von Chrystal-Sucht geprägte Lebensgeschichte des Schauspielers Eric Stehfest, bekannt durch die Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, der mit seinem namensgebenden biografischen Buch die Vorlage für das Theaterstück geschaffen hat.

Erstkontakt mit Christin

Alles auf Anfang. Eric, der 14-jährige Junge vom Dorf, der zum Feiern nach Dresden fährt. Falsche Freunde – und obendrein unglücklich verliebt in „Tschessi“. Auf einer Party trifft Eric zum ersten Mal auf sie: Auftritt Christin (Eva Hüster), im türkisfarbenen Glitzerkleid und mit blauer Perücke. Es folgen ein leidenschaftlicher Kuss – und der Erstkontakt mit der Droge, die Eric in den nächsten Jahren begleiten wird. „Ab jetzt sind wir Christin und Eric. Du hast das Zeug gefunden, um Nächte durchzufeiern.“

Das Stück nimmt Fahrt auf, wird rasant. Regisseur Sebastian Klink überträgt die Rastlosigkeit des Buches gekonnt auf die Bühne. Die verschiedenen Perspektiven des Drogenrausches vermittelt Klink mittels Stimmverzerrung, spannender Lichteffekte, Live-Musik und Live-Kamera. Eric mit schwarzer Sturmhaube überm Schädel, schreit hektisch in die Kamera. Das Bild wird auf eine Leinwand projiziert. Der Protagonist schlägt sich mit Antifaschisten, untermalt von pulsierenden Drum&Bass-Rhythmen. Er zieht mit seinem Hooligan-Kumpel (Jannik Hinsch) eine weiße Pulverlinie durch die Nase, die er von einem Bühnenende zum anderen gelegt hat. Und dann rappt Eric selbstgefällig von seinem neuen Leben. „Ich bin ein Hooligan, Dicker.“

Der Jugendliche rutscht ab in die Gewaltkriminalität. Seine Trips werden immer wieder von Szenen aus dem Gerichtssaal unterbrochen. Moritz Kienemann spielt sie beide im Dialog: den Junkie Eric, der sich im Wahn unaufhörlich die Lippen leckt und wirre Satzfragmente stammelt, und den Richter, der den Angeklagten mit ruhiger Stimme auffordert, seine Gedanken zu sammeln. Zwischendurch zeigt sich Eric aber auch von seiner anderen Seite: als motiviertes Ensemblemitglied im Jugendtheater. Und als er für das Schauspielstudium in Leipzig angenommen wird und Anja kennenlernt, scheint sich alles gänzlich zum Guten zu wenden. Darstellerin Eva Hüster spielt die geheimnisvolle Dame aus Heidenau, ganz in schwarz, nur mit rotem Lippenstift und Lidschatten. Kein Alkohol mehr und auch keine Christin – die Bedingungen für eine Liebesbeziehung mit Anja.

Die dunkelste Stunde des Eric Stehfest

Das Paar zieht nach Leipzig, das große Finale: Christin, die monatelang verschwunden war, kommt wieder in Erics Leben. „Ich habe dich betrogen, Anja“, gesteht der Schauspielstudent, tritt gegen den Koffer und schlägt verzweifelt an die Wand. Anja verschwindet und treibt das Kind ab, das sie erwartet. Es ist der Moment, in dem die dunkelste Stunde des Eric Stehfest anbricht.

Weiße Lines, auf die Leinwand geworfen. Eric beugt sich darüber. 20 Gramm Metamphetamin. Drei Tage wach. „Seit wann haben Töne Gerüche?“ Die Grenze zwischen Rausch und Wirklichkeit verschwimmt. Am vierten Tag schließt sich Eric in seiner Wohnung ein. Er will allein sein, allein mit Christin. Fünfter Tag, die Augen werden weiter. Erics Nase blutet. Siebter Tag, die Paranoia setzt ein. Hat es geklopft? „Du hast unsere Kinder getötet“, schreit Anja von links, ihr Gesicht in einem Spiegel verzerrt. Von rechts ruft der Hooligan-Freund: „20 Gramm gezogen und geraucht, kannst stolz auf dich sein.“

Neun Tage wach, das Gesicht ist gezeichnet. Weiß vom Pulver, rot vom Blut. Eric schreibt seinen Abschiedsbrief. Rauch steigt in den Zuschauerraum, Stimmen aus dem Off. „Kein Regisseur will dich.“ Es ist die Hochschule, die Eric überzeugen möchte, eine Therapie und einen Entzug zu machen. Schwarz, offenes Ende.

Der „echte“ Eric auf der Bühne

Langer Applaus für die drei Hauptdarsteller, von deren großartiger schauspielerischer Leistung das Stück „9 Tage wach“ lebt. Das zweistündige Werk offenbart einen Blick in tiefe, menschliche Abgründe und ist in seiner Gesamtheit nur schwer zu ertragen. Gleichwohl überzeugt Moritz Kienemann auf ganzer Ebene als Eric.

Bei der Verbeugung gesellt sich der „echte“ Eric Stehfest kurz zu den Bühnendarstellern. Man vermag sich kaum vorzustellen, was während des Stücks in der Person vorgehen muss, deren Leidensgeschichte schonungslos in allen Einzelheiten auf der Theaterbühne reflektiert wird.

Aufführungen: 13., 24. und 27. November sowie 19. und 27. Dezember, Kleines Haus

Von Junes Semmoudi

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