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Regional Eine Schauspiel-Naturgewalt im Dresdner Theaterkahn
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17:26 15.02.2019
Eine Szene aus „Diven sterben einsam...“: Thomas Möckel am Klavier und Kati Grasse als Jane Purcy Mulligan.
Eine Szene aus „Diven sterben einsam...“: Thomas Möckel am Klavier und Kati Grasse als Jane Purcy Mulligan. Quelle: Foto: Lutz Edelhoff
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Dresden

„Selbst im Dunkeln sprüh ich Funken, ich bin die, zu der man hinschaut!“ Das trägt Jane Purcy Mulligan allein in ihrer Garderobe voller Inbrunst vor. Und ja, von Anfang an blickt man wie gebannt auf diese Gestalt, die die wunderbare Kati Grasse da voller Mut zur Hässlichkeit als echte Naturgewalt auf die Bretter des Theaterkahns bringt.

„Diven sterben einsam … und erst wenn sie gut ausgeleuchtet sind“ lautet der Titel des Musicals von Dirk Audehm und Thomas Möckel, das wie für die Grasse geschrieben scheint. Ein Eine-Frau-Stück, ein Drama mit immer wieder aufblitzendem biestig-schwarzem Humor.

Zwischen Garderobenständer und Wodka

Jane Purcy Mulligan ist eine Vollblutschauspielerin am Ende ihrer Karriere, die eigentlich nie so richtig losging. Und dass, obwohl sie bereits als Vierjährige bei einer Aufführung von „Der Fischer und seine Frau“ wusste, dass sie den Applaus, die Aufmerksamkeit will, die sie erntete, als sie sich auf ihren Stuhl im Publikum stellte und aus Leibeskräften brüllte: „Friss die dicke Frau!“ Später dann, mit 19, das erste Engagement. Sie hat Talent und ist fleißig, die Purcy. Sie spielt sie alle – das Gretchen, die Ophelia, die Iphigenie – das ist ihre Welt.

Immer wieder und wieder taucht die alte einsame Frau, die sich zwischendurch an die nicht sichtbare Garderobiere Margret wendet – von deren Schicksal wir erst ganz zum Schluss mehr erfahren – ein in die Rollen. Zwischen ihrem Schrankkoffer und dem Garderobenständer, die Flasche Wodka in der Hand, verwandelt sie sich vor unseren Augen in die tragischen Frauengestalten und zeigt so genau die Schauspielkunst, die anscheinend so wenig wert ist in einem Gewerbe, in dem heutzutage „Intendanten-Boxenluder“ und „Keksschachtel-Modelle mit Silikontitten“ leichter an diese Rollen kommen.

Die Angst vor der Stimme aus dem Off

Es ist ein Abend, der sich in einem dreifachen Spannungsverhältnis entfaltet: zwischen den Reflexionen der einsamen Diva über das Schauspielern und das Leben, den großartigen Kostproben klassischer Parts und dem Durchbrechen der Illusion der Guckkastenbühne, wenn Grasse sich ins Publikum begibt, die Zuschauer nach ihren Berufen und ihrem Eheleben befragt, oder auf allen vieren die unter einem Sitz verborgene zweite Wodkaflasche sucht. Und es sind vor allem die Verknüpfungen, durch die sich diese Form intelligenter Unterhaltung ergibt: Wenn etwa die Diva unter dem Tisch kauernd, voller Angst, von der Stimme aus dem Off aus dem Gebäude geworfen zu werden, Gott in einem langen Monolog um Hilfe anfleht – und direkt danach den Schalter umlegt und sich beschwert, dass jeder immer nur wissen wolle, wie sie sich diese langen Texte merken würde. „Theater ist besser als Sex“, verkündet Jane Purcy Mulligan, die immerhin als Frau „nichts anbrennen ließ“. Und, umfassender: „Wir Schauspieler haben dem richtigen Leben so viel voraus.“ Darin steckt die ganze Tragik eines leidenschaftlichen Lebens auf und für die Bretter, auch noch der letzten Provinzbühne. Aber daraus resultieren eben auch die Kräfte, die die Imagination freisetzt. Wenn die Diva am Ende im von der Diskokugel reflektierten Scheinwerferlicht „Ich hebe ab, ich starte durch“ intoniert, dann hat das genau die Suggestionskraft, ohne die die Purcys dieser Welt nicht existieren würden und ohne die die Welt so viel ärmer wäre.

Autor und Regisseur Dirk Audehm hatte mit „Diven sterben einsam...“ bereits Publikum und Kritiker am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin begeistert. Gemeinsam mit Thomas Möckel, der den Abend auch durch sein wunderbares Klavierspiel mit prägt, entwickelte er dann diese Musical-Fassung, in der Kati Grasse auch als Chansonniere fasziniert. Groß!

nächste Aufführungen: 24. und 26.Februar

www.theaterkahn.de

Von Beate Baum