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Regional Eine Prager Schau mit Dresdner Exponaten – Museumschef abberufen
Nachrichten Kultur Regional Eine Prager Schau mit Dresdner Exponaten – Museumschef abberufen
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12:31 25.04.2019
Da war die Welt noch in Ordnung: Die Fassade des Palais Salm auf dem Prager Hradschin am Eröffnungsabend der Ausstellung „Möglichkeiten des Dialogs – Dimension of dialogue“ Anfang Dezember. Quelle: Tereza Křenová
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Prag

Ein Gespenst geht um auf dem Prager Hradschin. Es ist schnell zu übersehen, besser: kaum wahrzunehmen. Oben, aus einem Fenster im zweiten Stock, schiebt sich der ominöse Geist. Bedrohlich wirkt er aber nicht, im Gegenteil. Das mag an seiner farbigen Camouflage liegen. Denn eigentlich ist das Gespenst eine Skulptur. Und ihr von draußen sichtbarer Teil verschwindend gering zu ihrer Gesamtgröße.

Das Fenster im zweiten Stock gehört zum Palais Salm, in unmittelbarer Nachbarschaft der Wachen vor der Prager Burg. Das Treppenhaus des Palais wird von Kristof Kinteras Skulptur „Dämon des Wachstums“ fast gesprengt. Sie ist ein ungelenk wirkender Moloch, ein farbexplosives Riesenmolekül, ein auf den zweiten Blick dann doch gut sortiertes Gewirr aus Kugeln und Bällen jeglicher Art.

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Bei der Prager Ausstellung geht es weniger um große Namen, sondern um Substanz

Kristof Kinteras Skulptur „Dämon des Wachstums“ mäandert im Treppenhaus des Palais Salm. Quelle: Torsten Klaus

Im Palais ist derzeit einiges von dem zu sehen, worauf sich Dresdens Publikum noch freuen darf: Werke aus der Sammlung Hoffmann, die insgesamt rund 1200 Arbeiten umfasst, deren Schenkung nach Dresden vor gut einem Jahr publik gemacht wurde. Bei der Prager Ausstellung geht es weniger um große Namen, sondern um Substanz. An einem Ort, der selbst Schauplatz einiger wichtiger Entwicklungen im 20. Jahrhundert war.

Denn so viel Vorgeschichte muss sein: Zu den Palais-Räumen, in denen die Ausstellung „Möglichkeiten des Dialogs – Dimension of dialogue“ (eine Kooperation der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und der Nationalgalerie Prag) gezeigt wird, gehören auch zwei Zimmer, in denen in den 1970-er Jahren der Schriftsteller Pavel Kohout lebte. „Hier entstand die Charta 77“, erzählt Kurator Otto Urban. Kohout selbst schreibt in seinem Memoirroman „Wo der Hund begraben liegt“, dass das Dokument bis zur geplanten Übergabe an die Nationalversammlung am 6. Januar 1977 dort „vor der tschechischen Stasi“ versteckt worden sei.

Das Palais Salm soll Hort zeitgenössischer Kunst sein

Das Papier und die nach ihm benannte Bewegung sollten und wollten einen Dialog zwischen Bürgern und Staat initiieren, entlang der in der Schlussakte von Helsinki dargelegten Rechte. Doch der Staat ließ sich darauf nicht ein, im Gegenteil. Es hagelte Repressalien, die für Kohout und seine Frau schließlich in der Ausbürgerung gipfelten. Der Dramatiker Václav Havel, einer der Charta 77-Sprecher, zog schließlich 1989 als frei gewählter Staatspräsident in die Prager Burg. Auf dem räumlich kurzen Weg zwischen ihr und dem Palais Salm hatte sich die Geschichte selbst eingeholt.

Nun ist das Haus also Ausstellungsort. Urban will an diesem Ort versuchen, eine riesige Lücke zeitgenössischer Kunst – besser: die Lücke beim Sammeln und Ausstellen, die er im Nachbarland bis 1989 verortet – Schritt für Schritt zu schließen, gerade durch Ausstellungen wie diese.

Deshalb hat er natürlich gute Bekannte ausgewählt: von Frank Stella über Marina Abramovic bis Andy Warhol. Ihnen stellt die Prager Nationalgalerie einheimische Künstler wie Kintera gegenüber. Das ist effektvoll ohne Effekthascherei. Und soll laut Urban mit der Sammlung Hoffmann der Auftakt sein, das Palais Salm künftig als Hort zeitgenössischer Kunst zu etablieren. Für die folgenden Ausstellungen an diesem Ort verspricht er Kooperationen mit der Albertina Wien sowie dem Centre Pompidou in Paris.

Die Außenansicht des Palais, in dem einst auch der Schriftsteller Pavel Kohout lebte. Quelle: Prag

Die Zusammenschau ist dabei auch ein echtes Zusammengehen. Denn in der Sammlung Hoffmann gebe es keine Werke tschechischer Künstler, erzählt Urban. 99 Werke oder Werkgruppen teilen sich die 27 Ausstellungsräume über zwei Etagen. Wobei manches auch dem aufmerksamsten Beobachter entgehen kann – weil Publikationen zur Ausstellung zwar geplant, bislang aber leider nicht verfügbar sind.

So bleibt es dem Kurator vorbehalten, auf Lada Gaziova hinzuweisen, eine Roma. Ihr schlicht „Mädchen“ betiteltes Bild zeigt einen dunklen Wald, in dem eigenartige Feuer lodern. An einem Ast im Vordergrund hängt schemenhaft ein Mädchen. Das einzig Helle dieser Szenerie: der Strick. Die Nachbarschaft zu einer der verstörenden Skulpturen Ron Muecks hält das Bild mühelos aus.

Die Frauen bringen eine extreme Dichte in die Räume

Auch anderes erschließt sich nur dank der Hinweise Urbans, wie Zdena Koleckovás unscheinbar wirkende Zeichnungen von Pflanzen. Ihre „Dreifache Identität“ ist aber, mit Sujets wie dem Sudeten-Veilchen, eine Reminiszenz an die eigene Familiengeschichte, in der auch Vertreibung eine Rolle spielt. Und auch hier könnte das Pendant, Olga Chernyshevas „Hauptverkehrszeit“, ein fotografisches Bukett, kaum besser passen.

Sowieso bringen die Frauen eine extreme Dichte in die Räume. Abramovic lässt sich in ihrem Video „Dragon Heads“ von Boas umzüngeln, während sie in einem Kostüm mit Hut auf einem Eisenbett sitzt. Dem steht Katarzyna Kozyra nicht nach, die in ihrer Performance „Diva“ nackt in einem Käfig singt. Hans Bellmer, dessen Skulptur „La Demi-Poupée“ ähnlich bestürzt wie Muecks eigenartig hockender nackter Mann, ist Kozyras Video wie eine Zuschauerin beigegeben – im einzigen Raum, der wegen Tapeten und Kamin schwer zu bespielen ist, was aber umso besser gelingt.

Wie Antony Gormleys übermannshohe Skulptur „Sehen lernen III“ auf Hermann Nitschs „Kreuzwegstation“ blickt – ein Blutsturz von einem Bild –, das ist schlicht großartig kuratiert. Nur einmal, wo große Formate von Penck, Kippenberger und Skripl aufeinandertreffen, wird der Ausstellungsraum dadurch fast erdrückt.

„Erstaunen und Bestürzung“ über die Absetzung des Direktors

Die Auseinandersetzung um die öffentliche Aufmerksamkeit hat die Kunst in diesem speziellen Prager Kontext aber verloren, für den Moment zumindest. Denn mittlerweile geht noch ein ganz anderes Gespenst um in Prag: das einer Bedrohung der Kunstfreiheit. Der bisherige Direktor der Nationalegalerie Jirí Fajt ist am 18. April von Kulturminister Antonín Stanek abgesetzt worden – ebenso wie Michal Soukup, Leiter des Kunstmuseums in Olomouc. Gegen Fajt sei außerdem Strafanzeige erstattet worden, es gehe um Fehler bei Honorar- und Mietverträgen. Das habe der Minister mitgeteilt, berichtete die Nachrichtenagentur CTK.

Laut Fajt steht ein Autorenvertrag aus dem vergangenen Jahr zur Debatte. Der betreffe aber seine Arbeit als Autor und nicht die als Manager. Fajt sprach von vorgeschobenen Gründen.

Jirí Fajt, bis vor kurzem noch Direktor der Prager Nationalgalerie. Quelle: Prag

Die Gegenstimmen aus dem internationalen Kulturbetrieb ließen nicht lange auf sich warten. Es gibt einen bislang von 32 Museumsdirektoren (Stand 25. April, 12 Uhr) unterzeichneten Protestbrief an den tschechischen Premierminister Andrej Babis. Darin bringen sie „Erstaunen und Bestürzung“ über die Absetzung ihres Kollegen zum Ausdruck. Fajt habe unter anderem während seiner Amtszeit die Besucherzahlen der Nationalgalerie verdreifacht, heißt es in dem Schreiben. Zu den Unterzeichnenden gehören die SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann, ihr Amtsvorgänger Hartwig Fischer, der jetzt das British Museum in London leitet, Max Hollein vom Metropolitan Museum of Art in New York und Maria Balshaw von den britischen Tate Galleries.

Fajits einführender Text bekam mit dem Rauswurf eine zweite Lesart

Der ehemalige tschechische Kulturminister Daniel Herman hat laut Radio Praha mitgeteilt, dass ihn Staatspräsident Milos Zeman vor fünf Jahren aufgefordert habe, Fajt nicht in das Direktorenamt einzuführen. Demzufolge sieht Herman den Präsidenten als treibende Kraft hinter der Abberufung. Seit drei Jahren weigert sich Zeman außerdem, Fajt zum Professor für Kunstgeschichte an der Prager Karls-Universität zu ernennen.

Zeman hatte Fajt vorgeworfen, bei Verhandlungen über einen Sponsoringvertrag einen Teil des Geldes als Zuschlag zu seinem Gehalt gefordert zu haben, was der damalige Direktor zurückwies und daraufhin die Höhe seines Gehalts veröffentlichte. Ein Gericht befand, Zeman habe mit der Nichtberufung Fajts seine Kompetenzen überschritten. Der Präsident blieb aber bei seiner Weigerung.

Fajt hat, noch in seiner Funktion als Direktor der Nationalgalerie, eine Art einführenden Text zur Ausstellung im Palais Salm geschrieben, der im Treppenhaus, in Nachbarschaft zu Kinteras „Dämon“ zu finden ist. Darin betont er die Bedeutung einer freien Wahl, Dinge zu tun oder zu lassen. Und obwohl die Zeilen natürlich Erika Hoffmanns Sammlung, ihrer Entscheidung pro Dresden und damit auch pro Prager Nationalgalerie gelten, lesen sie sich nun, im Nachgang, wesentlich grundsätzlicher. Vom Ausstellungstitel „Möglichkeiten des Dialogs“, der von einem Film des tschechischen Surrealisten Jan Svankmajer entlehnt ist, könnte die jüngste Entwicklung im großen Kunstbetrieb an der Moldau jedenfalls kaum weiter entfernt sein.

bis 1. Dezember, Palais Salm, Prag

www.ngprague.cz

Von Torsten Klaus