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Regional „Kein geheimnisvoller Schattenmann“: Kunstexpertin über den Dresdner Raub
Nachrichten Kultur Regional „Kein geheimnisvoller Schattenmann“: Kunstexpertin über den Dresdner Raub
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22:29 28.11.2019
Ulli Seegers, langjährige Leiterin des Art Loss Registers in Deutschland, ist heute Professorin für Kunstvermittlung und Kunstmanagement an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Quelle: picture alliance / Horst Ossinger
Leipzig

Ulli Seegers, langjährige Leiterin des Art Loss Registers (ALR) in Deutschland, glaubt nicht an einen geheimnisvollen Schattenmann, der hinter dem Dresdner Kunstraub steht. Aus ihrer Sicht häufen sich in letzter Zeit Diebstähle von Kulturobjekten, die einen hohen Materialwert haben. Seegers ist heute Professorin für Kunstvermittlung und Kunstmanagement in Düsseldorf. Das ALR ist die weltweit größte Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke.

Ist es für die Täter von Dresden überhaupt möglich, die Kunstwerke auf dem Markt abzusetzen?

Die einzelnen Objekte der historischen Juwelen-Garnituren sind sicher nicht auf dem Markt verkäuflich. Bereits jetzt sind sie in internationalen Registern zentral erfasst und können leicht identifiziert werden.

Für wie wahrscheinlich halten Sie die Möglichkeit, dass der Raub für einen Auftraggeber im Hintergrund durchgeführt wurde?

Ich glaube nicht an einen geheimnisvollen Schattenmann, der willige Handlanger losschickt, um eine der zentralen Schatzkammern des Weltkulturerbes zu plündern. Zu dieser märchenhaften Geschichte gehört meistens auch die Idee einer verborgenen Privatsammlung. Das sind Hollywood-Geschichten.

„Das kulturelle Interesse und Verständnis dieser Leute tendiert zweifellos gen Null“

Und ist vorstellbar, dass die erbeuteten Stücke zerstört, eingeschmolzen und die Steine separat verkauft werden?

Jetzt kommen wir an einen sehr heiklen Punkt. Die entwendeten Juwelen haben – anders als zum Beispiel Gemälde – einen hohen Materialwert. Dieser wird naturgemäß noch durch den kulturhistorischen Wert der einmaligen historischen Ensembles übertroffen. Aber bleiben wir realistisch: Das kulturelle Interesse und Verständnis dieser Leute tendiert zweifellos gen Null, so dass sie keinerlei Skrupel hatten, mit einer Axt eine Vitrine im vor wenigen Jahren aufwendig restaurierten Grünen Gewölbe mit unglaublicher Brutalität zu zertrümmern. Ob solche kulturlosen Kriminellen davor zurückschrecken, die einzelnen Preziosen und kostbaren Kleinodien in zig Einzelteile zu zerlegen, um die Diamanten einzeln zu verkaufen? Ich befürchte nein.

Ist eine Lösegeldforderung denkbar?

Ja, sogenanntes „Art napping“ ist neben Hehlerei tatsächlich oft ein weiterer Versuch, die seltene und leicht identifizierbare Beute zu Geld zu machen. Denken Sie nur an den spektakulären Diebstahl von Benvenuto Cellinis berühmter „Saliera“ aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien 2003.

Nehmen diese Delikte zu?

Meines Erachtens häufen sich in letzter Zeit Diebstähle von Kulturobjekten, die einen hohen Materialwert haben und allein deshalb ins Visier von Gaunern gelangen. Erst 2017 wurde eine wagenrandgroße Goldmünze mit einem Gewicht von über 100 kg bei einem filmreifen nächtlichen Coup aus dem Berliner Bode-Museum abtransportiert. Glauben Sie im Ernst, dass diese riesige Münze aus purem Gold nicht längst eingeschmolzen worden ist, selbst wenn der Sammlerwert den Materialwert weit übertrifft? Daneben stellen wir in den letzten Jahren vermehrt fest, dass selbst Bronze-Skulpturen aus dem öffentlichen Raum entwendet werden.

Mit welchen Strukturen ist der illegale Kunsthandel verbunden?

Kunstkriminalität ist oft eng verbunden mit anderen kriminellen Milieus, sei es Drogen-, Waffen- oder gar Menschenhandel. Teilweise handelt es sich um organisierte Kriminalität mit mafiösen Strukturen. Und meistens sind es internationale Netzwerke, die strategisch über Landesgrenzen hinweg agieren. Gestohlene Kunstwerke werden in diesen Gruppen manchmal auch als eine Art Währung gehandelt.

„Zumeist geht es einzig um Profitgier“

Wie ticken solche Täter, spielt da auch die sportliche Herausforderung und eine Art mediale Bewunderung eine Rolle?

Ich bin davon überzeugt, dass es sich hierbei nicht um bewunderungssüchtige Einzeltäter handelt, die den besonderen Kick oder gar eine große mediale Öffentlichkeit suchen. Leider – denn solch narzisstisch veranlagte Leute würde man sicher schnell dingfest machen können. Das Gegenteil scheint mir sehr viel wahrscheinlicher: Es geht um eine möglichst unauffällige Nacht- und Nebelaktion, bei der innerhalb weniger Minuten möglichst keine Spuren hinterlassen werden oder gar Aufmerksamkeit erregt wird. Es ist das Dunkelfeld, das „professionelle“ Täter anzieht, damit sie möglichst unerkannt ihre Beute an sich bringen und anschließend verscherbeln können. Denn zumeist geht es einzig um Profitgier.

Müssen die Museen sicherheitstechnisch aufgerüstet werden, oder müssen wir mit solchen Diebstählen einfach leben?

Museen sind keine Hochsicherheitstrakte, sondern sind für Menschen gemacht, die die zur Schau gestellten Objekte möglichst aus nächster Nähe anschauen wollen. Damit bleibt immer ein Restrisiko, das sich durch moderne Sicherheitstechnik zwar minimieren, aber wohl nie ganz ausschalten lassen wird. Es müssen Kompromisse gefunden werden, die sowohl die unwiederbringlichen Kunst- und Kulturschätze maximal schützen, aber eben auch dem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit gerecht werden.

Eine persönliche Frage: Sie sind jetzt Professorin für Kunstvermittlung und Kunstmanagement in Düsseldorf. Vermissen Sie manchmal die Arbeit, die Sie früher als „Kunstdetektivin“ gemacht haben?

Ich erlebe die Tätigkeit als Professorin als großes Privileg und ebenso große Bereicherung. Frei von irgendwelchen Fremdinteressen kann ich mich ganz der Forschung und Lehre widmen. Und dazu gehören selbstverständlich auch die Themen Kunstkriminalität und Provenienzforschung. Was gibt es Schöneres, als die eigenen Erfahrungen im Rahmen eines sehr praxisnahen Masterstudiengangs weiterzugeben? Doch was ich allerdings im Hochschulalltag vermisse, sind die schnellen, lösungsorientierten Entscheidungen, die kurzfristig und eben auch international umgesetzt werden können. Da hat der „Dampfer“ Universität noch viel Luft nach oben.

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