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Regional Ein Mord wie eine Umarmung - Thielemanns „Otello“ in Salzburg
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13:49 20.03.2016
Quelle: dpa
Salzburg

Üblicherweise geraten die großen Opernaufführungen der Osterfestspiele Salzburg zur Huldigung für Christian Thielemann, den Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden und legitimen Nachlassverwalter seines einstigen Mentors, des Festspielgründers Herbert von Karajan. Bei der Premiere von Verdis „Otello“ zum Auftakt der 49. Osterfestspiele am Samstagabend im Großen Festspielhaus war der Applaus ein wenig verhaltener als sonst. Sogar ein paar Buhs von den Rängen waren zu vernehmen. 

An der Qualität des Gebotenen mochte es nicht gelegen haben. Das Orchester spielte prächtig, die Sänger, allen voran José Cura als Otello, Dorothea Röschmann als Desdemona und Carlos Álvarez als Jago, ließen wenig Wünsche offen, und auch die minimalistische, recht poetische Inszenierung des Franzosen Vincent Boussard war zumindest kein Störfaktor.

Giuseppe Verdis Spätwerk nach dem gleichnamigen Shakespeare-Drama ist kein Humptata-Reißer mit schmetternden Arien, sondern ein komplexes Werk, unter Verzicht auf einzelne Gesangsnummern durchkomponiert nach dem Vorbild Richard Wagners, aber ohne dessen Leitmotivtechnik. Ein altersweises Meisterwerk wie der gleich danach geschriebene „Falstaff“, Verdis letzte Oper.

Thielemann, kein Spezialist fürs Italienische, näherte sich dem dreistündigen Opernkoloss mit gemäßigten Tempi und großer Sensibilität. Er animierte sein wunderbares Orchester zu berückender Klangschönheit. Vor allem die intimen Momente wie die große Liebeszene zwischen Otello und Desdemona zu Beginn und Desdemonas Tod durch Otellos Hand am Schluss, gingen zu Herzen. Ein Mord, der einer etwas zu innigen Umarmung gleichkam.

Alles Emanzipatorisch-Politische in diesem Stück um den schwarzhäutigen Outcast Otello, der von dem diabolischen Jago in eine Intrige verwickelt wird, an deren Ende er seine angeblich untreue Gattin Desdemona tötet und, nachdem der teuflische Schwindel aufgeflogen und Desdemonas Unschuld erwiesen ist, sich selbst meuchelt, schien Regisseur Vincent Boussard herzlich wenig zu interessieren. Konsequenterweise ist der Hauptdarsteller kein Schwarzer. Dunkel geschminkte „Mohren“ gelten heutzutage ohnehin als politisch unkorrekt.

Boussard machte aus dem von Arrigo Bioto meisterhaft geschriebenen Plot ein überzeitliches Seelendrama von Menschen, die machtlos ihren Gefühlen ausgeliefert sind, alle zugleich Täter und Opfer: der rachsüchtige, vom Ehrgeiz zerfressene Jago, der vor Eifersucht rasende Otello, die vor Liebe blinde, fast willenlose Desdemona. Sieger gibt es hier keine, nur Verlierer. Selbst der schwarzflügelige Todesengel, der immer dann hereinschwebt, wenn es ernst wird, zieht am bitteren Ende zerfleddert von dannen.

Meist spielt das Drama auf offener, fast leeren Bühne, nur für die beiden intimsten Szenen, Liebesduett und Desdemonas/Otellos Tod, gibt es in der Bühnenmitte einen engen, weißen Kasten. Einziges Requisit, neben reichlich Bühnennebel und subtilen Videoprojektionen, ist eine lange Tafel, die auch als Laufsteg dient, auf dem die Sänger ihre edlen Outfits präsentieren können, gestaltet von dem Pariser Modeschöpfer Christian Lacroix. Die Aufführung wurde aufgezeichnet und ist am 26. März (20.15 Uhr) auf 3sat zu sehen.

dpa

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