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Regional Ein Bottich voll Geborgenheit: Dittsche mischt den Alten Schlachthof auf
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14:07 14.11.2019
Mit „Dittsche live und solo“ war Olli Dittrich im Alten Schlachthof zu erleben. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Pünktlich um acht schlurft Olli Dittrich im gestreiften Bademantel auf die Bühne im Alten Schlachthof, begleitet passenderweise von den Klängen von „Stand by your man“, bewaffnet mit einer Aldi-Tüte und einer Pulle Hopfenhaltigem. Seine rote Jogginghose ist gut gefüllt, die Badelatschen quietschen ein wenig. Die Kulisse ist dürftig, ja, nicht vorhanden. Wer ein Imbissambiente erwartet hatte, muss sich mit einem Mikro begnügen.

Und das klappt hervorragend, denn „Dittsche“, der Eppendorfer Imbissphilosoph, schafft es, innerhalb weniger Sätze die Eppendorfer Grillstation vor dem geistigen Auge der Zuschauer entstehen zu lassen. Plötzlich riecht der Alte Schlachthof nach Frittenfett und man glaubt zu hören, wie die „Käsetierchen“ in der „Majenäse“ ihrem seltsamen Tun nachgehen. „Dittsche live und solo“ heißt das Programm von Comedian Olli Dittrich, der seinerzeit mit dem Kollegen Wigald Boning bei „RTL Samstag Nacht“ in skurrilen Rollen begeisterte und sich auch an diesem Mittwochabend als Meister seines Fachs erweist.

Skurril geht es weiter

Den Empfang der Dresdner vergleicht er mit Eimersalat, „ein Bottich der Geborgenheit“ und ergießt sich sodann in hilfreiche Tipps für die kalte Jahreszeit. Seine Vorstellung von Ganzkörperversiegelung mit Tütenhühnersuppe ist nicht zur Nachahmung empfohlen, deren Absurdität lässt Dittsches Schöpfer aber selbst unvermittelt kichern.

Skurril geht es weiter: Von ruffeliger Panade ist die Rede (den unverwechselbaren Hamburger Schnack sollte man sich hierbei unbedingt dazu denken!), von kreativen Wegen der Gammelfleischverwertung und von erschossenen Sparkassen-Meerschweinchen-Maskottchen, die Dittsche mit dem zum Abschuss freigegebenen Problembär Bruno verwechselt. Wir gelangen auf recht undurchsichtigem Weg in den muggelichen Poppenbütteler Obi-Markt, stöbern in den Regalen und erfahren, wie Stammgast Schildkröte zu seinem Namen gekommen ist.

Dittsche feierte 1990 auf der Bühne des Quatsch Comedy Clubs Premiere

Viele Geschichten kennt man schon aus der Improvisationscomedyserie, die seit 2004 im WDR läuft und u.a. mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Trotzdem machen die irrwitzigen Episoden aus dem Leben des arbeitslosen Dittsche einen diebischen Spaß, auch weil ihnen nochmal neue, tiefergehende Aspekte hinzugefügt wurden.

Olli Dittrich selbst ist seiner Figur dabei näher als man denkt – die Zugabe nutzt er, um die Entstehung von Dittsche fürs Publikum aufzudröseln, ohne dabei aus der Rolle zu fallen. In einer Phase der Arbeitslosigkeit nahm Dittrich hörspielartige Frequenzen auf und bespielte damit seinen Anrufbeantworter. Was zunächst nur glücklose Anrufer begeisterte, fand schnell eine große Fangemeinde und die Figur feierte 1990 auf der Bühne des Quatsch Comedy Clubs seinen ersten großen Auftritt.

Immer ein Körnchen Wahrheit dabei

Kein Wunder, denn was Dittrich auf der Bühne leistet, ist grandios. Sicher sieht man manchen Gag kommen, dafür kommen andere Pointen aus der Kalten und fliegen nur so um die Ohren. Sensationell, wie Dittsche in zwei rund einstündigen Endlosmonologen den Faden behält und niemals langweilt, während er Wirt Ingo, Kröte und den verhassten Nachbarn Karger mit seiner „goldenen Hühnerfickerbrille“ nur mit Worten auf der Bühne real werden lässt.

Was Dittsche trotz seines enervierenden, langgezogenen „Weißt du?“ so liebenswert macht, ist, dass sich immer ein Körnchen Wahrheit findet in seinen kuriosen Theorien, den absonderlichen Verbesserungsvorschlägen, die er für Imbisswirt Ingo ersinnt und seinen naiven Blick auf eine Welt, die er nur von außen betrachtet – basierend auf allem, was man eben so mitbekommt aus Fernsehen und Boulevardpresse. Jeder kennt so jemanden wie Dittsche, auch wenn man ähnliche Gestalten in hiesigen Gefilden wohl eher im Spätshop suchen gehen muss.

Beeindruckend liebevoller Blick auf die Gescheiterten

Gute zwei Stunden lang unterhält der biertrinkende Bademantelträger mit alten Geschichten und aktuellen Betrachtungen von Trumps seltsamen Gebaren, paarhufshippenden Geisböcken, der Dehydrierung der Angela Merkel, Ursula von der Leyen als mögliche Moderatorin des Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, hanebüchenen Theorien und einem brüllend komischen Bohlen-Song über das Schwarzfahren. Mimik und Gestik sind pointiert, der Aktionsradius reduziert, Dittsche bleibt die meiste Zeit hinterm Mikro. Improvisiert wird trotzdem, etwa als ein Baby im Saal sich lautstark Gehör verschafft. „Ach wie süß“, unterbricht der Meister sichtlich gerührt seine Ausführungen über Bierbrauen im Tümmler, „was machst du denn um die Zeit hier? Ich dachte erst, das is so ein moderner Klingelton“. Das Baby verstummt. „Weißt du, Kinder und Tiere, da kannste gleich einpacken“, sagt Dittsche und der Saal tobt.

Einpacken, so viel steht fest, muss Dittsche noch lange nicht. Wer der ewig gleichen Comedy-Programme überdrüssig geworden ist, dem sei dieser herzerfrischende Virtuose der Lachkultur wärmstens empfohlen. Olli Dittrich alias Dittsche kann mit seiner meisterhaften Sozialstudie, die sich grandios lustig macht, ohne nach unten zu treten, auch nach 15 Jahren noch begeistern. Dafür braucht er nicht viel: eine rote Jogginghose, einen gestreiften Bademantel, eine Aldi-Tüte nebst Pils und ein paar Schumiletten. Und einen beeindruckend liebevollen Blick auf die Gescheiterten und ihre ganz eigene Weltsicht.

Von Kaddi Cutz

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