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Regional EAV trägt sich selbst zu Grabe – Selbstironie begeistert Konzertbesucher in Dresden
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14:46 21.07.2019
Nach „1000 Jahren EAV“ verabschiedete sich die Erste Allgemeine Verunsicherung in der ausverkauften Jungen Garde von ihren Fans aus Dresden und Umgebung. Quelle: Andreas Weihs
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Dresden

Zum letzten Mal werden die Hände der schönen Frauen geküsst, denn nach 1000 Jahren, in denen alles erlaubt war, tritt die Erste Allgemeine Verunsicherung nun in ihren Ruhestand ein. Die Satiriker aus Österreich sind seit je her für ihre Pop-Rock-Shows mit kreativen Kostümen, religionskritischen und linkspolitischen Texten, verpackt in erheiternde Wohlfühlmusik, bekannt. Und, es wurde ein großer Abschied am Freitagabend in der ausverkauften Jungen Garde, bei einem der 90 Konzerte ihrer letzten Tour.

Die Erste Allgemeine Verunsicherung auf Abschiedstour in der Jungen Garde.

Klaus Eberhartinger, bereits seit 1981 bei der EAV, lud die versammelte Trauergemeinde zum gemeinsamen Trinken und Feiern auf den Dresdner Zentralfriedhof ein – nachdem er im Sarg auf die Bühne getragen wurde und diesem unter lauten Jubel der Fans entstieg. Es sei für jeden was dabei und sie werden keine Ruhe geben, bevor nicht alle Titel der letzten Jahre gespielt worden sind.

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Eberhartinger fügt sogleich die erste Kritik des Abends an: dass wir nun in einer Zeit leben, in der immer mehr Menschen zu stark rechts abbiegen. Dem stimmten viele Leute aller Schichten aus dem Publikum mit Applaus zu, was sogleich zu einer Altersabfrage führte. Angefangen von Kindern auf den Schultern ihrer Eltern, bis zu den 60 plus-Jährigen, die doch schon mal „mit einer Hand im Blumentopf schlafen sollten, um sich an die Erde zu gewöhnen“, war alles vertreten. Bittersüße Satire des Wahl-Kenianers.

Sie wurden im Sarg auf die Bühne gehoben und verließen sie auf dem gleichen Wege wieder. Konsequent von den Musikern der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV) – schließlich sind sie auf ihrer letzten Tour. Quelle: Andreas Weihs

Mit „Vorbei“ als Intro und „Ba-Ba-Banküberfall“ startete nun das imposante Musical, bei dem die gesamte Band in vielfältigste Rollen und Kostüme schlüpfte. In zweieinhalb Stunden wurden Kulissen auf und von der Bühne getragen, Schweine- oder Froschmasken aufgezogen, Talare mit Mänteln gewechselt und, nicht zu vergessen, auch noch eine satt klingende Musikshow geboten. Sie drehten den Abend über immer wieder am Rad der Zeit: bis 1983 mit „Tanz, tanz, tanz“ vom „Spitalo Fatalo“-Album oder bis 1988 „An der Copacabana“.

Im Jahr 1977 als anarchistisches und linksliberales Musikrocktheater von Urmitglied Thomas Spitzer gegründet, beschäftigt sich die Band auch heute noch mit herber Sozialkritik in ihren Texten. Der Titel „Burli“ wurde sogar vom bayrischen Radiosender auf den Index gesetzt, denn das darin besungene Atomkind Burli mit den drei Ohrli würde Behinderungen ins Lächerliche ziehen.

Ihre lange, erfolgreiche Karriere beweist, dass die EAV ins Schwarze trifft. Hinter einer Art Kanzel schlägt das neonfarbene Skelett Aaron Thier seine Trommeln und Becken, auf der rechten Seite haut die Nonne Franz Kreimer in die Tasten oder bläst ihr Saxofon. Am Bühnenrücken führt ein Laufsteg entlang, auf dem zu „Alpenrap“ der Sepp steppt, Klaus mit dem Trüffelschwein zu „Schweinefunk“ eine Runde tanzt, ein Geißbock rumsteht oder Räuber keuleschwingend die Polizei jagen. Der jamaikanische Bassist Alvis Reid überzeugt im Glitzersakko mit weißem Iro auf dem Kopf – und Thomas Spitzer an der Gitarre ließ sich sein Haupt und seine unterm Kopftuch hervorlugende Mähne stetig durch einen Ventilator kühlen.

Die Erste Allgemeine Verunsicherung war nach „1000 Jahren EAV“ auf Abschiedstournee – der ersten. Quelle: Andreas Weihs

Schwarzhumorig und kurzweilig, eben eine typische EAV-Show. Mit ihrer letzten, 2018 erschienen Platte „Alles ist erlaubt“ werden sie noch eine Spur rockiger und bissiger. Mit „Trick der Politik“ verraten Herr Anton Zwirn und Hugo Schrat, beide im Gemeinderat, ihre Tricks für die Politik und haben im Hals ihr Gelenk für jeden Richtungsschwenk. Ein Schritt vor, vor der Wahl, danach drei zurück, denn das Volk ist es doch gewöhnt, dass man mit heißer Luft die Dinge schönt. Auch wird gewarnt vorm Bazillus Nationalis, auch „Nazi-Bazi“ genannt – eine Krankheit, die braunen Ausfluss verursacht, hochansteckend ist und mittlerweile flächendeckend kursiert. Ja, er habe das Stirnrunzeln gerade gesehen, also haut Eberhartinger gleich noch „Rechts 2/3“ hinterher, denn das Volk sind wir, als Bauernopfer halten die Syrer und Afghanen her und unser Motto heißt: „statt Willkommen – ab heute wird zurückgeschwommen“.

Sie lösen ihr Versprechen, so lange zu spielen, bis alle Hits erklungen sind, ein, das Publikum singt lauthals bei „Küss die Hand schöne Frau“ und „Märchenprinz“ mit und wird zum Abschluss des Abends mit einer Vorstellrunde des gesamten Teams um die EAV belohnt, das sich auf die Bühne setzt und gemeinsam mit den Fans zum nun wirklichen Ende noch ein letztes Dresdner Bier trinkt.

Von Anne Gräfe

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